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Paolo Di Canio Doch kein Faschist auf der Trainerbank?

Paolo Di Canio bekannte sich einst als Lazio-Spieler zum Faschismus. Seine Verpflichtung als Trainer in Sunderland machte am Wochenende Schlagzeilen. Jetzt hat ihn der öffentliche Druck eingeholt.

© AP Vergrößern Trainer mit umstrittenem politischem Gedankengut: Paolo di Canio sorgt für Unruhe auf der Insel

Darf ein Premier-League-Verein einen Faschisten zum Trainer haben? Sollten politische Ansichten überhaupt eine Rolle spielen im Fußball? Die Antwort ist offenbar nein und ja, wenn es nach den Briten geht. Jedenfalls löste die Ernennung des Italieners Paolo Di Canio, der sich in der Vergangenheit als Faschist bezeichnet hatte, zum Cheftrainer des AFC Sunderland am vergangenen Sonntag einen derartigen Sturm aus, dass sich Di Canio nun gezwungen sah, sich von seinen früheren Ansichten zu distanzieren. Zunächst hatte er sich beharrlich geweigert, eindeutige Antworten auf Fragen zu seiner politischen Haltung zu geben.

Späte Einsicht

Lena Schipper Folgen:  

„Ich bin kein Rassist“, sagte der Italiener dann am Mittwochabend in einer Stellungnahme seines Vereins, „ich unterstütze diese faschistische Ideologie nicht. Und jetzt will ich nur noch über Fußball reden.“ Es ist allerdings auffällig, dass sich Di Canio so lange bitten ließ - schließlich war die Debatte ziemlich genau im Moment seiner Ernennung ausgebrochen. Kurz nach der Mitteilung des abstiegsgefährdeten Klubs, dass Di Canio den geschassten Manager O’Neill ersetzen würde, gab der ehemalige britische Außenminister David Miliband seinen Aufsichtsratsposten bei Sunderland ab - als Grund nannte er „frühere politische Äußerungen“ des Italieners. Weitere Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. „Für jemanden wie ihn ist kein Platz im Fußball“, sagte der Sprecher der Organisation „Football against Racism“.

Die Durham Miners’ Association, eine Bergbaugewerkschaft, die seit Jahrzehnten eng mit dem Verein verbunden ist, forderte die Rückgabe ihres Banners, das im Stadion von Sunderland an die Kämpfe der Arbeiterklasse erinnert. Aufgebrachte Fans kündigten in Internetforen die Rückgabe ihrer Jahreskarten an. „Ich bin Sunderland-Fan seit meiner Kindheit“, sagte der Vorsitzende der Gewerkschaft, „aber es gibt politische Prinzipien, die wichtiger sind als Fußball.“ Nachdem ganz Fußballbritannien in Aufruhr geraten war, griff am Mittwoch schließlich auch noch der Dean von Durham in die Debatte ein. Der anglikanische Kirchenmann, Sohn einer jüdischen Mutter, die während des Nationalsozialismus aus Deutschland flüchten musste, wandte sich in einem persönlichen Brief an Di Canio und bezeichnete dessen Verbundenheit zu einer Bewegung, die „fast die ganze Welt zerstört hätte“, als „tief verstörend“.

„Römischer Gruß“ bei Lazio

Um die Aufregung zu verstehen, muss man etwas weiter zurückblicken. Es ist das Jahr 2005, und Paolo Di Canio spielt Fußball für Lazio Rom. Nach erfolgreichen Spielen wendet er sich manchmal in Richtung Fankurve und grüßt die Lazio-Ultras, die für ihre rechtsradikalen Ansichten bekannt sind, mit stramm nach oben gestrecktem rechten Arm. Unter dem Trikot kommt sein Tattoo zum Vorschein, „DVX“, der lateinische Titel für Benito Mussolini. Es hagelt Geldstrafen und Spielsperren, Di Canio gibt sich unbeeindruckt. Den italienischen Medien erklärt er, er sei „Faschist, aber kein Rassist“. In seiner vier Jahre zuvor veröffentlichten Biographie bezeichnet er Mussolini als „zutiefst faszinierenden Mann“, der „grob missverstanden“ worden sei.

Zwar hat Di Canio seit seiner Zeit bei Lazio den Arm nicht mehr zum „römischen Gruß“ erhoben. Doch für einen Skandal ist er immer noch gut. Als er im Mai 2011 zum ersten Mal als Manager zurück nach England kam, um den Drittligaverein Swindon Town zu trainieren, kündigte die Gewerkschaft GMB aus Protest ihre Partnerschaft mit dem Klub. Im vergangenen Jahr geriet er heftig mit einem seiner Spieler aneinander, der daraufhin schwere Rassismusvorwürfe erhob. Der britische Fußballverband sprach Di Canio zwar frei; entschuldigen musste er sich trotzdem. Die mediale Aufmerksamkeit hielt sich damals allerdings in Grenzen: Was in der dritten oder vierten Liga passiert, hat nur wenig Gewicht.

Auch deswegen dachte Di Canio vielleicht zunächst, er könne auch diesen Sturm aussitzen. „Ich bin hier nicht im Parlament“, beschied er Journalisten noch am Dienstag auf die Frage, ob er nach wie vor Faschist sei, „ich will nur über Fußball reden.“ Die Vorsitzende von Sunderland ätzte nach Milibands Rücktritt zunächst, „einige Leute“ wollten „eine Nominierung in einen politischen Zirkus verwandeln.“

Antirassismus und Meinungsfreiheit

Dass der neue Trainer von Sunderland seinen früheren Überzeugungen nun doch abschwören musste, wird wohl nicht nur Befürworter finden. Abgesehen davon, dass die späte Einsicht der Glaubwürdigkeit schadet, herrscht auch Uneinigkeit darüber, ob Di Canios politische Überzeugungen für seine Position überhaupt eine Rolle spielen sollten. Während einige Kritiker einen Faschisten als Trainer für untragbar hielten, verwiesen andere auf die Meinungsfreiheit. Wer Di Canio wegen seiner Ansichten um seinen Job bringen wolle, ebne den Weg für Zensur, schrieb ein Kolumnist des faschistischer Umtriebe unverdächtigen „Independent“. Toleranz bedeute eben, auch unerträgliche Meinungen auszuhalten.

Die Uneinigkeit spiegelt eine Debatte, die in Großbritannien schon länger geführt wird: einerseits ist die Premier League durch einige spektakuläre Fälle von Rassismus in den letzten Jahren für das Problem sensibilisiert worden. Andererseits herrscht Unbehagen angesichts einer vermeintlichen oder tatsächlichen „Überregulierung“ des Verhaltens von Spielern, Trainern und Fans. Diese Kontroverse endet auch nicht mit Di Canios klaren Worten von Mittwochabend.

Quelle: F.A.Z.

 
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