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Paok Saloniki : Ivan, der Schreckliche

  • -Aktualisiert am

Paok-Eigentümer Ivan Savvidis Bild: Konstantinos Tsakalidis/Demoti

Mit Paok Saloniki zur Macht: Der Neu-Grieche Ivan Savvidis  nutzt als Eigner des griechischen Klubs, gegen den Schalke an diesem Dienstag um den Einzug in die Champions League spielt, den Fußball für seine Politik.

          Nach 93 Minuten ist ein Seufzer der Erschöpfung zu vernehmen. Doch dem Simultanübersetzer ist keine Pause gegönnt. Er muss weitermachen. Denn Ivan Savvidis, 54, schlohweißer Bart, Brille, erhobener Zeigefinger, spricht ins Mikrofon - und das schier unermüdlich. Der nächste Klubreporter ist an der Reihe, ihm eine Frage zu stellen, auf Griechisch. Savvidis zieht wieder seinen Kopfhörer auf. Die Journalisten ahnen schon, was folgen wird: ein neuerlicher Marathon-Monolog von Savvidis, in fließendem Russisch. Noch mehr als eine halbe Stunde wird verstreichen, bis die Pressekonferenz an einem heißen Tag in Thessaloniki ein Ende finden wird. Zum Abschied gibt der redselige Savvidis den Medienschaffenden noch eine Botschaft mit auf den Weg: „Ich weiß nicht, ob ich jemals ein Freund der Schiedsrichter sein werde. Aber was ich wirklich will, ist, euer Freund zu werden.“ Der geschlauchte Übersetzer atmet auf. Er hat endlich Feierabend.

          Eine derart hohe Medienaffinität seitens eines Klubchefs ist eher selten anzutreffen. Doch Savvidis steht sichtlich gerne im Rampenlicht - und das nicht nur aus rein sportlichen Gründen. Vor genau einem Jahr übernahm er die Aktienmehrheit an Griechenlands zweimaligem Meister Paok Saloniki. Damals lagen die Schwarz-Weißen finanziell am Boden. Auch sportlich drohte Paok der Absturz. Doch Savvidis hat den Klub mit seinen Millionen rasch wieder auf Vordermann gebracht. In Griechenlands 16 Vereine umfassender Super League knüpfte Paok auf Anhieb beinahe an alte, glorreiche Zeiten an. In der vorigen Saison wurde Paok Meisterschaftszweiter. Savvidis war das allerdings zu wenig. Kurzerhand entließ er den Trainer, den Griechen Georgios Donis. „Wegen Erfolglosigkeit“, wie er sagte. Für Donis sei Paok eben eine zu große Nummer gewesen, begründete Savvidis seinen Schritt. Nun soll es Huub Stevens richten. Kickende Superstars konnte er jedenfalls bisher nicht zu Paok locken. Dennoch: Das könne sich schon bald ändern. Paok müsse sich auf internationaler Bühne nur einen Namen machen.

          „Ich kann nicht außerhalb der Politik sein“

          Einen Namen hat sich Savvidis, der Pontosgrieche ist, aber die Sprache seiner vor Jahrtausenden am Schwarzen Meer angesiedelten hellenischen Vorfahren nie gelernt hat, in seiner „historischen Heimat“, wie er Griechenland stets nennt, bereits seit geraumer Zeit gemacht. Das hat vielfältige Gründe: Im Ort Santa in Georgien geboren, wuchs Savvidis in der südrussischen Industriestadt Rostow am Don auf. Der kleine Ivan verdingte sich zunächst als Clown und brachte es dann vom einfachen Arbeiter zu Sowjetzeiten zum Chef der Firma Donskoy Tabak CJSC, des größten Tabakherstellers in Russland. Schon früh zog es den promovierten Ökonomen in die Politik. Zweimal, 2003 und 2007, wurde Savvidis mit der Putin-Partei „Vereinigtes Russland“ in die russische Duma gewählt. Die Russische Föderation zeichnete Savvidis wiederholt wegen seiner „Verdienste für das Vaterland“ aus.

          Im Hinspiel gegen Schalke hatte Paok Grund zu jubeln

          Seit 2004 ist Savvidis zudem Präsident der griechischen Gemeinden in Russland - ein Schlüsselamt an der Schnittstelle zwischen dem russischen Riesenreich und Griechenland. „Ich kann nicht außerhalb der Politik sein“, sagt Savvidis stets. Er verstehe sich als „Lobbyist Griechenlands in Russland und Russlands in Griechenland“. Im Euro-Land Hellas, das überdies zu den verlässlichsten Nato-Mitgliedern zählt, birgt Savvidis’ Credo aber durchaus Brisanz. Er hoffe von ganzem Herzen, so Savvidis, die hellenische Polit-Elite werde endlich einsehen, dass die Anlehnung an die Vereinigten Staaten und Westeuropa Griechenland in die heutige verzweifelte Lage manövriert habe. „Griechenlands Rettung“ befinde sich in der christlich-orthodoxen Welt, in der Russland das größte und reichste Land sei.

          Größenwahn oder nur gesteigerter Ehrgeiz?

          Zuerst zählte für Savvidis die „Rettung von Paok“. Nun ist der glühende Befürworter einer Allianz zwischen Athen und Moskau, der erst im März die griechische Staatsbürgerschaft erlangte, intensiv darum bemüht, seinen politischen Einfluss im Eiltempo auszubauen. Paok Saloniki mit seinen landesweit über eine Million Anhängern ist dabei für Savvidis faktisch vor allem eines: der optimale Katalysator. Der umtriebige Neu-Grieche hat nicht nur einen kurzen Draht zur Athener Regierung, vor allem mit dem konservativen Athener Premier Antonis Samaras soll er sich blendend verstehen - Paoks Popularität lässt grüßen. Im Frühjahr erwarb Savvidis zudem die Mehrheit an dem griechischen Tabakproduzenten Sekap. Ferner sicherte er sich das Management des Luxushotels „Makedonia Palace“ im Herzen der Ein-Millionen-Metropole Thessaloniki, einer beliebten Unterkunft der einheimischen Polit-Oberen. Ein symbolträchtiger Coup.

          Just an diesem Ort fanden sich im April bei einer Savvidis-Rede hochrangige Vertreter aus Politik und Wirtschaft ein. „Paok wird bald wieder griechischer Meister sein - und die Champions League gewinnen. Die Trophäen werden wir hier im Makedonia Palace aufstellen“, rief Savvidis mit fester Stimme dem Publikum zu - und erntete dafür prompt tosenden Applaus. Kritiker monieren: Ist es Größenwahn oder nur gesteigerter Ehrgeiz, der Savvidis treibt? Einen Mann, der über seine Personalführung, nicht zuletzt bei Paok, sagt: „Wer von meinen Generälen zu mir kommt, um mir einzubläuen, wir würden den Krieg wohl verlieren, hat hier nichts zu suchen. Ich dulde nur Generäle, die unerschütterlich an den Sieg glauben.“

          Power-Pontier, Tabak-Tycoon, Polit-Profi und Paok-Boss: Für die Paok-Fans ist Savvidis nur „Ivan, der Schreckliche“, wie sie ihn liebevoll nennen. Gelingt Paok an diesem Dienstagabend gegen den früheren Stevens-Klub Schalke 04 (20.45 Uhr - live im Champions-League-Ticker bei FAZ.NET) der Einzug in die lukrative Gruppenphase der Champions League, wird das Savvidis’ Stellenwert nicht nur auf sportlichem Parkett in die Höhe schnellen lassen. Im krisengebeutelten Griechenland wird man ihm auch immer mehr Gehör für seine Visionen abseits des Fußballs schenken.

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