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Ost-Fußball : Versunkenes Kulturgut

Enttäuschte Fans: Mit Dynamo Dresden hat sich der populärste Fußballclub der DDR in die dritte Liga verabschiedet Bild: dpa

Nach dem Abstieg von Dynamo Dresden ist es amtlich: Ostdeutschen Spitzenfußball gibt es nicht mehr. Es ist eines der traurigsten Kapitel der deutschen Fußballgeschichte.

          Der 25. Jahrestag des Mauerfalls fällt auf einen Sonntag, einen Bundesliga-Spieltag. Und wenn in ein paar Monaten überall im Land die Angleichung der Lebensverhältnisse gefeiert wird, wie diese enorme Aufbauleistung so schön behördenhaft heißt, steht ausgerechnet der Lieblingssport der Deutschen, der auch einiges für die emotionale Angleichung der Lebensverhältnisse am Wochenende hätte tun können, mit leeren Händen da. Um es klar zu sagen: Den ostdeutschen Spitzenfußball gibt es nicht mehr. Ein versunkenes Kulturgut, rettungslos verloren, vierzig Jahre nachdem der heutige Regionalligaklub 1. FC Magdeburg den Europapokal gegen den AC Mailand mit seinem blutjungen Trainer Trapattoni gewann.

          Am Sonntag hat sich nun mit Dynamo Dresden der populärste Fußballklub der DDR mit viel Rauch und Getöse in die dritte Liga verabschiedet. Zuvor erwischte es schon Energie Cottbus, die Überlebenskünstler aus der Lausitz, die sich trotz schwieriger Verhältnisse siebzehn Jahre lang in der ersten und zweiten Liga hielten. Unter 36 Profivereinen der höchsten Klassen werden sich in der neuen Spielzeit gerade noch ein Klub aus dem Erzgebirge und einer aus dem Osten Berlins finden, die einst auch in der DDR-Oberliga antraten. So wenig Ostfußball war nie in Deutschland.

          Absturz auf Raten

          Jeder Niedergang – ob in Rostock, Leipzig, Dresden oder Cottbus – hat seine speziellen Gründe. Aber diese Leerstelle, dieses immer größere schwarze Fußball-Loch, das sich seit Jahren im Osten ausbreitet, bleibt eines der traurigsten Kapitel der deutschen Fußballgeschichte. Ein Absturz auf Raten, und das in einer Boombranche, deren Milliardenumsatz nach einem Vierteljahrhundert nun nahezu vollständig am Osten vorbeifließt. Am traditionellen Fußball wohlgemerkt.

          Wenn in diesen Tagen die Deutsche Fußball-Liga (DFL) mit RB Leipzig, dem importierten Aufsteiger in die zweite Liga, darüber streitet, wie das Logo des Dosen-Klubs aussehen soll, über die Besetzung seiner Führungsgremien und die Zugänge für neue Mitglieder, um dem Klub die Lizenz für die Zweite Liga doch noch zu gewähren, darf man die DFL auch an die Verantwortung der Verbände erinnern, die in all den Jahren nie eine Antwort auf das langsame und vorhersehbare Sterben des Ostfußballs gefunden haben. Rasenball Leipzig und Red-Bull-Gründer Mateschitz muss man nicht mögen.

          Es gibt gute Gründe, weshalb Millionen Fans in diesem Fußball-Marketing-Unternehmen genau jene Grundsätze verraten sehen, die ihnen im Fußball wichtig sind. Aber man darf auch fragen, warum ein Verband der Entwicklung von gelenkten Klubs – die so ähnlich in Deutschland und erst recht in anderen Ländern längst eingesetzt hat – auf einmal mit solcher Entschlossenheit entgegentritt. So viel Eifer hätte man sich vom ersten Tag an bei der Unterstützung des Fußballs in den nun gar nicht mehr so neuen Ländern gewünscht. Man kann es auch zynisch sagen: RB Leipzig ist genau der Klub, den die Fußballverbände für ihre Ostpolitik verdienen; also für eine Politik, die es nie gab.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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