Es gibt in Deutschland keinen Fußballprofi, der es so punktgenau geschafft hat, seine Leistung zu bringen wie Sie. Als Stürmer eingewechselt im Endspiel der Europameisterschaft, sofort den Ausgleich erzielt und dann das Golden Goal geschossen. Leider ist das 16 Jahre her. Aber weil das keine deutsche Elf mehr zu schaffen scheint: Wie haben Sie das gemacht?
Manche sagen ja, das wäre nur totales Glück gewesen. Glück gehört dazu, aber es lag auch daran, dass ich während des Turniers nie abgeschaltet habe und immer auf meine Chance gewartet habe. Es war in meiner Karriere häufig so, dass ich in wichtigen Spielen als Stürmer wichtige Tore gemacht habe, auch in Italien. Ich habe dabei wohl eine innere Ruhe, Konzentration und Fokussierung entwickelt. Eine ganz exakte Erklärung kann ich allerdings auch nicht liefern.
Schade, wir fragen uns nach diesem Jahr und dem verschenkten Halbfinale gegen Italien gerade besonders: Warum schafft es die aktuelle Nationalmannschaft von Joachim Löw immer wieder nicht, zum Saisonhöhepunkt ihre beste Leistung zu bringen?
Das ist eine Frage, die man sich tatsächlich stellen muss. Das zieht sich ja eigentlich schon seit der WM 2006 wie ein roter Faden durch unsere Auftritte: 2006 das Halbfinale gegen Italien, 2008 das EM-Finale gegen Spanien, 2010 das WM-Halbfinale gegen Spanien und nun das Halbfinale gegen Italien. Jedes Ausscheiden hat seine eigene Geschichte, eine eigene Begründung. 2006 hat etwa Torsten Frings gefehlt, 2010 Thomas Müller. Dazu kam, dass 2006, 2008 und 2010 immer auch etwas an Qualität gegenüber dem Gegner gefehlt hat. Das macht sich in kleinen Situationen bemerkbar. 2010 nutzt Toni Kroos eine gute Chance nicht, und ein paar Minuten später bekommen wir das Tor durch einen Eckball von Spanien, was nun nicht gerade zu ihren größten Stärken zählt. 2008 war es eine kurze Unaufmerksamkeit in der Abwehr, die Torres genutzt hat. Diesmal aber war es anders, auf dem Papier waren wir die bessere Mannschaft. Das macht es umso bitterer und ärgerlicher. Auf diesem extrem hohen Niveau, auf dem wir mit und dank Jogi Löw ja erst angekommen sind, ist die Luft eben dünn. Es geht nur noch um Nuancen, und die gilt es auszuschöpfen. Anders erklären kann ich das auch nicht.
Wirklich nicht? Das Hockey-Nationalteam, das zweimal Olympiasieger wurde, hat die Erfahrung gemacht, dass es bei einem Turnier zwei verschiedene Phasen gibt: die Spiele bis zum Halbfinale und ab dem Halbfinale. Ihre Mentalität, so die Hockeyspieler, sei ganz auf die beiden letzten Spiele ausgerichtet. Warum hat das die Nationalelf nicht?
Meine Aufgabe ist es, die Dinge unemotional und differenziert zu betrachten. Ich hinterfrage das auch, aber ich betrachte nicht nur dieses eine Spiel. Man muss sich auch fragen: Warum haben es die Bayern im Finale der Champions League nicht geschafft, gegen Chelsea den Sack zuzumachen? Warum haben wir es nicht geschafft, gegen Schweden das Spiel souverän zu Ende zu bringen? Auch in der Vorrunde, obwohl wir die Gruppe souverän gewonnen haben, sind wir in jedem Spiel unnötig in Gefahr geraten: gegen Dänemark, gegen Portugal, selbst nach einem 2:0 gegen Holland. Das waren teilweise Spiele, bei denen man gedacht hat: Der Gegner kommt nicht wieder zurück. Aber wir haben ihn wieder ins Spiel gebracht, trotz der enorm starken Phasen.
Was wollen Sie tun?
Wir müssen daran arbeiten, eine entsprechende Mentalität auf dem Platz zu entwickeln. Meine Antwort darauf ist nicht so populistisch und banal, dass es einen Leitwolf geben muss, der dazwischengrätscht. Wir müssen eine andere Einstellung, ein anderes Bewusstsein zum Spiel entwickeln. Ich sehe eine Entwicklung, die eher in Wellen verläuft, die zu dieser Situation geführt hat. Im Jahr 2000 hatten wir eine spielerische Krise, den Rumpelfußball. Die Folge war die Forderung nach Freude und Spaß am Spiel. Mit dieser Vorstellung und Einstellung ist die heutige Generation groß geworden - technisch stark, spielfreudig, gut ausgebildet. Aber in dem ein oder anderen Moment nicht so effektiv, so kaltschnäuzig, so humorlos, wie das früher war. Die Jungs haben nicht nur Spaß am Tor, sondern auch an einem Hackentrick oder anderen technisch schönen Dingen. Dazu haben sie das Bewusstsein der technischen Stärke, und das kann zu dem Gedanken verführen: „Wir bekommen in diesem Spiel noch eine Chance.“ Wir müssen daran arbeiten, dass wir die entscheidenden Momente, die man sich erarbeitet, auch konzentriert nutzen. Das wird unsere Hauptaufgabe sein.
Wie wollen Sie vorgehen?
Da kann man auf unterschiedlichen Ebenen ansetzen. Was das Technisch-Taktische angeht, kann man das in veränderten Trainingseinheiten angehen. Die Zahl der Abschlüsse im Training erhöhen; Wettbewerbe schaffen, die Sieg-Anreize setzen. Also Trainingsformen so gestalten, dass die Spieler das Ziel Effektivität und Abschluss erkennen. Aber das ist nur ein Aspekt. Im mentalen Bereich ist es zwar nicht so einfach, weil wir die Spieler nicht jeden Tag haben. Aber auch in persönlichen Gesprächen und in sportpsychologischen Maßnahmen kann man dieses Thema bewusst vor Augen führen.
Die Hockeyspieler haben beispielsweise selbst Artikel über den möglichen Ausgang des Halbfinals geschrieben. Das ist nur ein Beispiel, um neue Reize zu setzen. Braucht die Nationalelf nach sechs Jahren in fast unveränderter Konstellation neue Reize und Veränderungen - nachdem man nun gemerkt hat, dass man nicht mehr entscheidend weitergekommen ist?
Ich warne davor, Erfahrungen aus anderen Sportarten für eins-zu-eins übertragbar zu halten. Es geht dabei gar nicht um die Qualität der Maßnahmen, aber die öffentliche Aufmerksamkeit beim Fußball ist eine ganz andere. Das merkt man immer wieder. Auch wenn wir Gäste aus anderen Sportarten haben, spüren wir immer wieder, wie frei es dort zugeht. Selbst innerhalb des Fußballs gibt es große Unterschiede. Unser neuer Sportdirektor Robin Dutt hat das gerade zuletzt beschrieben. In Freiburg wird ein lockerer Spruch als lockerer Spruch genommen, anderswo kann das zu Diskussionen führen. Im Fußball sind manche Dinge deswegen schwerer umzusetzen.
Kein Widerspruch - aber trotzdem muss man daran arbeiten.
Es stimmt: Wir müssen neue Wege finden. Wir fragen uns auch, wo man Veränderungen vornehmen muss, was man anders machen kann. Aber wir haben Vertrauen in unsere Leute. Wir sehen mit anderem Personal nicht die großen Steigerungsmöglichkeiten. Die Hauptarbeit muss auf dem Platz mit den Trainern stattfinden.
Trotzdem: In den Jahren 2004 bis 2006 wurde in der Nationalelf viel Neues entwickelt. Sie war jahrelang der Vorreiter im deutschen Fußball. Mittlerweile hat der Klubfußball enorm zugelegt - ist nicht die Zeit gekommen, dass sich auch die Nationalelf wieder die Reform-Frage stellen muss?
Wir sind sehr erfolgreich gewesen. Für mich fehlen auf dem Weg zur WM 2014 nur die letzten fünf Prozent. Und die Frage lautet: Wie komme ich an diese letzten fünf Prozent ran? Ich bin immer ein Freund von neuen Reizen - und ich bin fest überzeugt, dass man sich immer hinterfragen muss, ob man die Dinge richtig angeht. Wir brauchen aber nur in kleineren Bereichen arbeiten. Wir haben auch die fähigen Leute dazu. Das Wichtigste ist, dass wir als Sportliche Leitung die Inputs geben. Es ist schon wichtig, dass wir Gedanken aus anderen Sportarten oder Bereichen aufgeschlossen sind. Ich habe auch engen Kontakt zu Bernhard Peters (Direktor für Sport und Nachwuchsförderung in Hoffenheim, früherer Hockey-Bundestrainer), wie man mit neuen Gedanken ein Halbfinale oder ein Finale angehen kann. Aber den ganz großen neuen Wurf brauchen wir nicht.
Reformbedarf besteht offensichtlich beim DFB. Wenn wir richtig informiert sind, hat Sportdirektor Robin Dutt zuletzt gegenüber dem Vorstand berichtet, dass es in seinem Bereich einige Defizite gebe - und manche Bundesligaklubs im Nachwuchsbereich voraus seien. Bekommt das die Nationalmannschaft auch zu spüren: das Fehlen eines einheitlichen Spielkonzepts, die Kommunikationsschwäche unter den Trainern?
Ich bin ja auch Präsidiumsmitglied, und obwohl die Rahmenbedingungen schon glänzend sind, lehnen wir uns nicht selbstgerecht zurück, sondern fragen uns ständig, wie man die Arbeit beim DFB weiter verbessern könnte. Wir haben das Glück, dass wir in der A-Nationalmannschaft optimale Voraussetzungen haben. Ich bin froh, dass wir mit Robin Dutt nun jemanden haben, mit dem wir gemeinsam beim DFB einen Weg gehen können, auf dem wir noch viel Entwicklungspotential sehen. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach und Generalsekretär Helmut Sandrock sind zudem immer sehr offen für Neuerungen. Im Präsidium beschäftigen wir uns auch mit dem Gedanken eines Leistungszentrums. Wir müssen uns als DFB fragen: Wie viel sind wir bereit, in unser Kerngeschäft zu investieren, nämlich in die Entwicklung des Fußballs? Wir dürfen jetzt nicht den Fehler machen, uns jetzt auszuruhen. Im Jahr 2000 haben wir damals nach dem großen Schreck viel Geld in die Hand genommen, auch die Vereine mit ihren Leistungszentren. Die Qualität der Spieler haben vor allem die Stützpunkt- und Leistungszentren gebracht. Wir dürfen uns nicht zurücklehnen und sagen: „Die Bundesliga ist spitze, die Nationalmannschaft läuft.“ Das ist meine große Sorge. Die anderen Nationen rüsten massiv auf. Die Engländer bauen ein riesiges Zentrum. Die Franzosen holen auf, andere Nationen haben wieder diesen Hunger. Wir müssen verhindern, dass wir in fünf Jahren aufwachen und wieder hinterherhinken. Meine Forderung ist: Wir müssen in die Ausbildung unserer Jugend investieren. Dafür müssen wir die Kommunikation und die Abläufe verbessern. Wir müssen Wissen schaffen, uns Vorsprünge sichern.
Wo liegt das Problem?
Wir sind in Deutschland dezentral organisiert, auf viele Orte verteilt. Die Trainerausbildung arbeitet für sich, die Nachwuchstrainer arbeiten für sich, die Schiedsrichter arbeiten für sich. Wir haben ein Scouting bei der A-Nationalmannschaft, es gibt ein Scouting im Jugendbereich. Wenn man das alles zusammenführt, dieses Wissen und diese Energie bündelt, kann daraus sehr viel Positives entstehen. Kommunikation entsteht durch Präsenz. Wir brauchen einfach einen Treffpunkt, wo alle zusammenkommen. Da lässt sich auch ein Lebensgefühl entwickeln. Das kennt man ja schon aus der Wirtschaft. Wo Menschen aus verschiedenen Bereichen für ein Ziel zusammenkommen, entsteht Energie, Kommunikation und Wissen. Da sind Robin Dutt und ich auf einer Wellenlänge.
Werden Sie die Grundsteinlegung des Fußball-Campus als Manager der Nationalelf noch erleben?
Wir haben im Herbst 2013 den DFB-Bundestag. Vielleicht schaffen wir es, eine Vorlage zu entwickeln. Bis dahin besteht noch Abstimmungsbedarf innerhalb des DFB. Wichtig ist uns vor allem, die Landesverbände in den Entscheidungsprozess einzubinden.
Wo sollte das gute Stück denn stehen - und wie tief müsste der DFB in die Tasche greifen? Die Engländer sollen angeblich rund 40 Millionen Euro investieren.
Ich kann seriös keine Zahlen nennen. Es hängt auch vom Standort ab - und was um den Kernbereich noch investiert werden soll. Wir werden verschiedene Standorte und Szenarien evaluieren müssen.
Wäre Frankfurt als Sitz des DFB nicht ein naheliegender Standort?
Natürlich ist Frankfurt schon aufgrund der zentralen Lage und der Nähe zum DFB ein Kandidat. Aber wir prüfen auch weitere Optionen.
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