Eins hat Nuri Sahin und den FC Liverpool schon verbunden, bevor der englische Premier-League-Klub und der junge Türke aus dem Sauerland beschlossen haben, eine Weile zusammenzuarbeiten: ein Frühlingsabend im Mai 2005. Sahin erlebte in Istanbul auf der Tribüne ein denkwürdiges Finale der Champions League. Der AC Mailand führte 3:0, und doch holte sich der FC Liverpool im Elfmeterschießen am Ende den bedeutendsten Titel im europäischen Vereinsfußball.
„Das war mein erster Geschmack von Liverpool“, sagt Sahin. Schon an jenem Abend mag der Jugendliche sich ausgemalt haben, wie es sein würde, an der berühmten Anfield Road im Trikot der „Reds“ Fußball zu spielen. Jetzt ist es so weit. Wenige Tage bevor das aktuelle Transferfenster schließt, geht Sahin, auf Leihbasis, zum FC Liverpool.
Er sei froh über den Wechsel und hoffe, „es wird ein schönes Jahr mit Trophäen“, sagt er. „Ich freue mich auf Anfield, weil jeder sagt, das sei das beste Stadion der Welt.“ Was klingt wie ein Traumziel, ist bei näherem Hinsehen aber kein Fußballstandort mit fünf Sternen mehr. Lange war Liverpool emotional und zuweilen auch sportlich ein Gegengewicht zu den Klubs aus Manchester, die von allen möglichen Investoren auf Hochglanz poliert werden.
Inzwischen können die Reds die Schlagzahl in der Spitzengruppe der Premier League nicht mehr halten. Also haftet Sahins Wechsel etwas von einem Abstieg an. Das hängt mit der Fallhöhe zusammen: Der Dreiundzwanzigjährige kommt von Real Madrid, dem Meister aus jenem Land, das seit Jahren den internationalen Fußball beherrscht.
Auf dem höchsten Level hat Sahin sich vorerst nicht gegen interne Mitbewerber und Schwergewichte wie Sami Khedira oder Xabi Alonso durchsetzen können - was auch daran lag, dass er Verletzungspech hatte und einen Großteil der Saisonvorbereitung verpasste. Ein Fehlstart ohne eigene Schuld also.
Der Karriereschritt nach Spanien kam vielleicht dennoch ein wenig zu früh, aber das Leihgeschäft mit Liverpool muss nicht bedeuten, dass Sahin in Madrid endgültig durchgefallen ist. Die „Königlichen“ haben bei der Verpflichtung des deutschen Türken zu erkennen gegeben, dass sie die Zusammenarbeit nicht als kurzfristiges Herumprobieren sehen. Der Vertrag ist über sechs Jahre geschlossen und eine Rückkehr vorstellbar.
Zudem hat Real den zweiunddreißigmaligen türkischen Nationalspieler einem guten Bekannten des Real-Trainers José Mourinho anvertraut. Brandan Rodgers war zu Mourinhos Zeiten bei Chelsea für den Nachwuchs und die zweite Mannschaft zuständig. Der neue Cheftrainer der Reds zeigt sich begeistert über die Verpflichtung des Mittelfeldstrategen. „Nuri Sahin ist ein Spieler mit großartiger Technik und Motivation. Er wird sich geschmeidig in unser Spielsystem einfügen.“
Liverpool ist keine schlechte Adresse in der Vita eines Profis, auch wenn der Glanz allmählich verblasst, das Geld knapper wird und große Spieler wie Torres oder Kuijt den Klub längst verlassen haben. Ein Karriereknick scheint möglich, aber auch abwendbar. Schon einmal hat Sahin eine Phase der Leiharbeit genutzt, um aufzusteigen. Im Alter von sechzehn Jahren hatte er, wenige Monate nach jenem Liverpooler Triumph über Milan, bei Borussia Dortmund seinen Einstand in der Bundesliga gegeben.
Alle schwärmten von einem Wunderknaben, dessen Start ins Berufsleben, auch wegen seines Migrationshintergrunds, sogar auf politischen Zeitungsseiten besprochen wurde. Doch der damals schmächtige Junge zeigte Schwächen, und nicht jeder traute ihm eine Karriere in Dortmund zu, vor allem als sein Förderer Bert van Marwijk dort aufgehört hatte. Sahin wechselte zu Feyenoord Rotterdam - wo van Marwijk inzwischen auf der Bank saß.
Das Jahr in den Niederlanden tat ihm gut, Sahin kehrte zurück nach Dortmund, um sich durchzubeißen und Zweifel zu zerstreuen. Jürgen Klopp war gerade Trainer des BVB geworden und nahm die Überarbeitung der dortigen Machart des Fußballs in Angriff. Klopp konnte und wollte Sahin vor fünf Jahren nichts versprechen. Der Empfang fiel zurückhaltend aus. Er kenne Sahin nicht besonders gut, werde ihm aber eine faire Chance geben, sagte der Fußballlehrer.
Aus der scheinbar kleinen Chance wurde eine große. Und Sahin nutzte sie. Er stabilisierte sich, nicht nur körperlich, avancierte auf seiner Position im zentralen Mittelfeld allmählich zum besten Spieler der Bundesliga und gehörte zu den tragenden Säulen der Dortmunder Mannschaft, die vor anderthalb Jahren deutscher Meister wurde.
Dann verließ er Dortmund in Richtung Madrid und musste abermals feststellen, dass auch ein Frühreifer manchmal ein wenig länger braucht. Starke interne Konkurrenz und einige Verletzungen hinderten ihn daran, sofort auf höchstem Level zu kicken. Dennoch sieht Sahin den Zwischenschritt zum achtzehnmaligen englischen Meister nicht als Rückschritt in seiner Karriere, sondern als lehrreiche Zeit.
„Als Person bin ich gereift“, sagt er. „Es war ein verrücktes Jahr, weil ich mich einerseits verletzt habe, andererseits Vater geworden bin, Meister mit Dortmund wurde und bei Real Madrid unterschrieben habe.“ Vielleicht hilft ihm der Zwischenstopp auf einer (etwas) kleineren, aber doch berühmten Bühne nochmals auf die Sprünge.
Zum Einstand verlor Sahin nun mit Liverpool gegen Arsenal, für die Lukas Podolski sein erstes Tor zum 1:0 erzielte. Das Ligaduell an der Anfield Road endete mit 0:2. Auch die Londoner mit Trainer Arsene Wenger hatten Interesse an Sahin - sein Weg zurück zu Real beginnt so aber mit einem Rückschlag.