Massimo De Salvo legt auf Außendarstellung Wert. Der 35-Jährige ist Herr über acht Polikliniken in Norditalien und Eigentümer des Fußballvereins Novara Calcio. In der Öffentlichkeit tritt der Unternehmer stets makellos und in feinem Anzug auf. Das Trainingszentrum „Novarello“ hat er mit einem Schwanenteich und gusseisernen Pavillons verzieren lassen, sogar die schwülstigen Allegorien an den Wänden des Klubrestaurants hat der Chef selbst ausgesucht.
Novara, eine Kleinstadt im Piemont, sitzt seit je her unscheinbar zwischen den Fußballhochburgen Mailand und Turin. Doch seit De Salvo den Verein 2006 in der dritten Liga übernommen hat, geht es nach oben. Im vergangenen Jahr stieg der Klub erstmals nach 55 Jahren wieder in die Serie A auf. Anschließend erregte Novara vor allem wegen des im „Stadio Silvio Piola“ verlegten Kunstrasens Aufmerksamkeit.
Die sorgenlose Zeit ist passé. Acht Spieltage vor Saisonende steht die Mannschaft auf einem Abstiegsplatz. Auch der Wettskandal hat Novara erfasst und einen Schatten auf das kitschige Idyll geworfen. Mehrere Spieler wurden schon im Dezember beschuldigt, drei Partien des Vereins in der vergangenen Saison manipuliert zu haben. Ständig erfährt die Öffentlichkeit neue Details der unübersichtlichen Affäre.
Jetzt gestand der ehemalige Kapitän des AS Bari, Andrea Masiello, in der vergangenen Saison im Derby gegen US Lecce absichtlich ein Eigentor erzielt zu haben. Masiello, der dafür angeblich 250.000 Euro bekam, sowie zwei weitere Wettbetrüger wurden festgenommen. Die neuesten Gerüchte besagen, dass auch Udinese Calcio, der FC Bologna, AC Cesena, US Palermo und CFC Genua in Manipulationen verwickelt sind. Den Spielern drohen lange Sperren, den Vereinen Punktabzüge.
In Novara haben sie sich Gedanken gemacht, wie sie in Zukunft der Bestrafung des gesamten Vereins für den Betrug einzelner Akteure entgehen können. „Ich habe meinen Spielern in die Augen gesehen, und sie haben mir geschworen, dass sie nichts damit zu tun haben“, berichtete De Salvo.
Er ließ dann aber doch lieber ein einfaches, aber vielversprechendes Frühwarnsystem austüfteln, um künftig Wettbetrug in den eigenen Reihen zu verhindern und sich nicht auf die Bekenntnisse seiner Spieler verlassen zu müssen. Es wird seit kurzem in der Serie A angewendet und könnte einige Nachahmer finden.
„Wir hätten den Kopf in den Sand stecken können“
Der Verein beauftragte die belgische Gesellschaft Federbet, einen nicht auf Gewinn orientierten Service-Verband aus dem Glücksspielsektor, mit der Kontrolle der Wetteinsätze auf Spiele von Novara. Federbet ist auf die Überwachung von Sportwetten spezialisiert und hat Zugang zu den Daten. Die Belgier beobachten alle Wetten auf Spiele von Novara Calcio von Beginn der Wettannahme fünf Tage vor dem Spiel, direkt vor Anpfiff und während der Partie.
Kommt es zu auffällig hohen Einsätzen, teilt Federbet dies umgehend dem Verein mit und informiert die ordentliche Justiz, so ist es im Kooperationsvertrag vorgesehen. Novara Calcio will das Ermittlungsbüro des italienischen Fußballverbandes informieren und eine Art Selbstanzeige erstatten. „Wir hätten den Kopf in den Sand stecken können, haben uns aber dafür entschieden, aktiv zu werden“, sagt De Salvo.
In Novara erhofft man sich zweierlei Wirkung von der Selbstüberwachung: Zum Einen wurden alle Spieler über das Frühwarnsystem informiert, sie sollen durch die Kontrolle abgeschreckt werden. Andererseits geht man im Verein davon aus, dass der Prävention in einem Sportgerichtsprozess Rechnung getragen werden muss. Im Sportrecht wird das rechtswidrige Verhalten der Lizenzspieler dem Klub nach dem Prinzip der objektiven Verantwortung zugerechnet, er büßt also in Form von Punktabzügen für die Fehler seiner Beschäftigten.
„Dass wir uns als Verein um Prävention bemühen, muss das Sportgericht im Strafmaß berücksichtigen“, sagt Novaras Anwalt Cesare di Cintio. In einem Sportgerichtsprozess könnte Novara Calcio auf einen geringen Punktabzug oder sogar auf Freispruch hoffen. Seit Beginn der Zusammenarbeit mit Federbet vor wenigen Wochen habe es keine Auffälligkeiten bei den Wetten gegeben, behauptet der Anwalt.
„Es gibt da überhaupt keine Zusammenarbeit“
Novara Calcio ist der erste Fußballverein überhaupt, der einen derartigen Mechanismus in Gang setzt, auch weil die angekündigten Monitoringverfahren der Dachverbände Fifa und Uefa für die Vereine keine Wirkung entfalten. „Es gibt da überhaupt keine Zusammenarbeit“, beklagt Sportdirektor Cristiano Giaretta. Zudem stellt der Fall ein generelles Umdenken im Fußballbetrieb dar: Erstmals flüchtet sich ein Verein nicht mehr in die Opferrolle, sondern entwickelt selbst eine Maßnahme, um Wettbetrug vorzubeugen und das eigene Interesse an einem korrekten sportlichen Wettbewerb zu schützen.
Gegen Spieler, die sich auf diese Weise nicht von Manipulationen abschrecken lassen, ist auch Novara machtlos. Zur Sicherheit hat der Verein Federbet beauftragt, zusätzlich die Wettflüsse aller anderen Serie-A-Spiele zu kontrollieren. Sollte ein eigener Lizenzspieler in Manipulationen fremder Partien verwickelt sein, könnten diese Handlungen dem Verein nicht zugerechnet werden, argumentiert di Cintio. Dass die sportliche Leistung unter diesem Klima des Misstrauens leidet, glaubt Sportdirektor Giaretta nicht.
„In der Mannschaft wird darüber natürlich geredet, aber sie steckt das gut weg“, behauptet er. Die Vereinsführung hat allerdings verfügt, dass sich die Spieler selbst, darunter auch der gebürtige Frankfurter und ehemalige Eintracht-Spieler Giuseppe Gemiti sowie der frühere Bremer Daniel Jensen, zu dem sensiblen Thema nicht äußern dürfen. Sicher ist sicher, findet auch Sportdirektor Giaretta. „Bei uns gibt es schließlich die Redewendung, dass man nur einer einzigen Person wirklich trauen kann, nämlich der eigenen Mutter.“