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Nigeria gewinnt den Afrika-Cup Der Big Boss mit der lockeren Zunge

 ·  Großes Mundwerk und viel dahinter: Stephen Keshi spart nicht an markigen Sprüchen, wenn er über weiße Trainer schimpft. Nun gewinnt er mit Nigeria durch einen 1:0-Sieg über Burkina Faso den Afrika-Cup.

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© AFP Vergrößern Am Ziel der Träume: Nigeria gewinnt den Afrika-Cup

Stephen Keshi trägt sein Herz auf der Zunge. Gefragt nach dem Vorteil, ein afrikanischer Trainer einer afrikanischen Mannschaft zu sein, meinte der nigerianische Nationaltrainer, dass weiße Haut nicht immer für Qualität stehe. „Was haben wir von einem europäischen Trainer, wenn er uns nicht weiterbringt?“, sagte der 51 Jahre alte Coach und stand wieder einmal da, wo er sich offenbar am wohlsten fühlt: mit beiden Füßen im Fettnäpfchen.

Momentan aber ist er obenauf: Nigeria gewann am Sonntag durch das Tor von Sunday Mba 1:0 im Finale in Johannesburg gegen Burkina Faso und hat nach 1994 zum ersten Mal wieder den Afrika-Cup gewonnen. Dem Trainer gelang damit das Kunststück, nach dem Ägypter Mahmoud El-Gohary der zweite Afrikaner zu sein, der den Cup sowohl als Spieler als auch als Trainer gewann.

Nur sieben der 16 beim Afrika-Cup angetretenen Mannschaften hatten afrikanische Trainer, und die Übungsleiter der restlichen Teams zur Elite ihrer Profession zu zählen, wäre wirklich übertrieben. Keshi sagt, er habe nichts gegen weiße Trainer, aber er bezweifele, dass die viel von Afrika und den Afrikanern verstünden. Ob der bullige Nigerianer da einen seiner Vorgänger im Sinn hatte, nämlich Berti Vogts und dessen offen zur Schau gestellte Abneigung gegen nigerianische Trainingsplätze und Duschkabinen, ist nicht überliefert.

Aber seine eigene Geschichte beweist eher Keshis These: Schließlich führte er Togos Auswahl 2006 erstmals zu einer WM, bevor er abgesetzt und durch den Deutschen Otto Pfister ersetzt wurde. Pfister reiste mit der chaotischsten Mannschaft des Turniers in seine Heimat und verlor dreimal. 2010 wurde Keshi in Mali durch den Franzosen Alain Giresse ersetzt, der nach zwei Jahren in der laufenden WM-Qualifikation zurücktrat.

Keshi kann sich solche Sprüche leisten, weil er gerade dabei ist, das Dogma der weißen Allwissenheit in Sachen Fußball ad absurdum zu führen. Der ehemalige Verteidiger, der die längste Zeit seiner aktiven Karriere bei belgischen Klubs verbracht hat, macht alles anders - und er ist erfolgreich damit.

Bei der Zusammenstellung seiner „Super Eagles“ hat er auf die großen Namen aus den europäischen Ligen verzichtet und stattdessen auf die Hungrigen aus der zweiten und dritten Reihe gesetzt. Obafemi Martins vom spanischen Erstligaklub Levante UD, Taye Taiwo vom AC Mailand und Peter Odemwingie vom englischen Verein West Bromwich Albion fanden keine Berücksichtigung.

Odemwingie fluchte anschließend über Keshi auf Facebook, doch das ließ den Coach völlig kalt. „Ich habe kein Facebook-Konto, also was soll das?“, war seine Antwort. Keshi setzte stattdessen auf Legionäre aus Israel und vor allem auf die Underdogs aus der nigerianischen Provinz, die bei Vereinen wie Enugu Rangers, Kano Pillars, Warri Wolves oder Sunshine Stars Akure ein karges Dasein fristen. Es hat sich ausgezahlt.

Disziplin sei ihm wichtiger sei als Dribbelvermögen, hatte er angekündigt, und das Fußballspielen viel mit guter Laune zu tun habe. Was er meinte, war beim Westafrika-Klassiker gegen die Elfenbeinküste im Viertelfinale zu besichtigen. Die seit Jahren überbewerteten Ivorer liefen mit elf Primadonnen auf, und auf der Bank saß mit Sabri Lamouchi ein Franzose, der gerade seinen ersten Job als Trainer angetreten hatte.

Die Elfenbeinküste verlor nur 1:2, aber dieses Ergebnis schmeichelte den Ivorern. Die verwöhnten Weltstars aus Abidjan um Didier Drogba hatten nicht den Hauch einer Chance gegen die aufopferungsvoll spielenden Nigerianer. Die hatten nicht den Transfermarkt im Kopf, sondern das Donnerwetter von „Big Boss“ Keshi im Ohr: „Wer nicht mit ganzem Herzen für Nigeria spielt, fliegt raus!“

Keshi hat mit allen Regeln gebrochen und sich damit nicht nur Freunde gemacht. Es ist kein Geheimnis, dass der nigerianische Verband die Spieler-Auswahl nicht gutgeheißen hatte, weil es dort immer noch Leute gibt, die glauben, ein erfolgreicher Nigerianer müsse zwangsläufig fern der Heimat leben.

Die Identifizierung mit einem Sandplatzfußball à la Kano oder Worri ist dem Verband auch deshalb peinlich, weil der Zustand des nigerianischen Fußballs eine direkte Folge der unglaublichen Korruption innerhalb des Verbandes ist.

Keshi hält ihnen allen den Spiegel vor: Seht her, was für Talente ihr habt, und ihr wisst es nicht. Ob das auf Dauer gutgeht, darf bezweifelt werden. Fußball ist in Afrika mehr noch als anderswo eine politische Angelegenheit. Will Keshi in dieser Arena erfolgreich sein, muss er lernen, sein Mundwerk zu zügeln. Und das wäre schade.

Sieger Fußball-Afrika-Cup seit 1957

1957: Ägypten
1959: Ägypten
1962: Äthiopien
1963: Ghana
1965: Ghana
1968: Kongo
1970: Sudan
1972: Kongo-Brazzaville
1974: Zaire
1976: Marokko
1978: Ghana
1980: Nigeria
1982: Ghana
1984: Kamerun
1986: Ägypten
1988: Kamerun
1990: Algerien
1992: Elfenbeinküste
1994: Nigeria
1996: Südafrika
1998: Ägypten
2000: Kamerun
2002: Kamerun
2004: Tunesien
2006: Ägypten
2008: Ägypten
2010: Ägypten
2012: Sambia
2013: Nigeria

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