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Nia Künzers Abschied Der Frauenfußball verliert sein "Golden Girl"

16.06.2008 ·  Nia Künzer lieh dem Frauenfußball lange ihr sympathisches Gesicht. Im Alter von 28 Jahren und nach zahllosen Titeln mit dem 1. FFC Frankfurt hat sie am Sonntag ganz leise ihre Karriere beendet.

Von Daniel Schleidt, Frankfurt
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Es liege in der Natur des Menschen, hat Nia Künzer einmal gesagt, dass er vergessen könne. Dass er Dinge verdrängen und sich auf die Zukunft freuen könne. Nia Künzer, die am Sonntag ihre aktive Fußballkarriere beenden wird, hat diese Eigenschaft genutzt. Denn es gab nicht wenige Momente in ihrem sportlichen Leben, die sie zur Verzweiflung hätten bringen können. Vier Kreuzbandrisse. Wochen, Monate, ja Jahre, in denen sich die Fußballerin immer wieder aufrappeln musste – um dann doch wieder zurückgeworfen zu werden.

Doch es gibt auch Momente, die Nia Künzer mit Sicherheit niemals vergessen wird. Es ist die 88. Spielminute im Finale um die Fußball-Weltmeisterschaft im Oktober 2003 in den USA. Beim Spielstand von 1:1 gegen Schweden wird Nia Künzer eingewechselt. Zu drei Kurzeinsätzen ist sie bis dahin im Turnierverlauf nur gekommen. Doch aus der Statistin wird eine Hauptdarstellerin, innerhalb einer Sekunde. Renate Lingor befördert den ball per Freistoß in der achten Minute der Verlängerung in den Strafraum. Nia Künzer springt am höchsten. Ein Kopfball, ein Tor, das „Golden Goal“, das ihr Leben verändert. „Ich wusste erst einmal gar nicht, was los ist“, doch plötzlich liegen zehn andere Spielerinnen jubelnd auf ihr. Deutschland ist zum ersten Mal Weltmeister im Frauenfußball, und Nia Künzer das „Golden Girl“.

In Los Angeles wurde sie zum Star

Damals, in Los Angeles, wo Stars und Sternchen leben, wird ein neuer Star geboren. Denn schnell ist Nia Künzer Liebling der Medien. Manchmal ist es ihr peinlich, dass ausgerechnet sie, die Ersatzspielerin, aus der Weltmeistermannschaft hervorgehoben wird. Doch dem Frauenfußball kann nichts Besseres passieren. Denn eine Sportart, die normalerweise ein Schattendasein fristet, braucht ein Gesicht. Und Nia Künzer ist das ideale Gesicht für den Frauenfußball: hübsch, intelligent, wohlwissend, wie man mit Kameras, Mikrofonen und einer Öffentlichkeit umzugehen hat, die sich plötzlich für einen interessiert. Und: Sie hat eine Geschichte zu erzählen.

Es ist die Geschichte einer Tochter zweier Entwicklungshelfer, die in Botswana geboren wird und in einer Großfamilie aufwächst – mit acht Pflegegeschwistern und einem leiblichen Bruder. Die Erfahrungen in der Großfamilie sind prägend: Sie lernt, Rücksicht zu nehmen, aber auch, sich durchzusetzen. Diese soziale Kompetenz, aber auch ihre Persönlichkeit, wissen ihre Trainer zu schätzen. Mit fünf Jahren beginnt sie mit dem Fußballspielen. Sie kickt in Jungenmannschaften, wird dort akzeptiert und sogar als Vorbild geschätzt. Mit 15 Jahren soll sie zum Bundesligaklub SG Praunheim wechseln, dem Vorgänger des 1999 gegründeten 1. FFC Frankfurt. Doch der Transfer scheitert am ersten Kreuzbandriss.

Eine Karriere geprägt von Kreuzbandrissen

Mit 17 Jahren spielt sie zum ersten Mal in der Nationalelf und erkämpft sich in Praunheim, nachdem der Wechsel doch noch zustandekommt, sofort einen Stammplatz. In den folgenden Jahren wird die Karriere von Nia Künzer zur unvergleichlichen Achterbahnfahrt: 1998 erleidet sie beim DFB-Hallencup ihren zweiten Kreuzbandriss. Zurück im Team, erzielt sie 1999 im DFB-Pokalfinale das entscheidende Tor für ihren Klub und wird mit 19 Spielführerin des Teams. 2001 verpasst sie wegen einer Bänderverletzung die Europameisterschaft im eigenen Land. 2002 gewinnt die Innenverteidigerin mit dem FFC das Double, kurz darauf wirft sie der dritte Kreuzbandriss zurück.

2003 erlangt sie durch das Golden Goal Berühmtheit. Es folgen Ehrungen, Empfänge, Einladungen. Sie sitzt bei Kerner, Maischberger, im Sportstudio und wird Expertin bei Fußballübertragungen im Fernsehen. Ein Medienstar. Ihr Treffer zur Weltmeisterschaft wird „Tor des Jahres“, das Team „Mannschaft des Jahres“. Sie ist am Höhepunkt ihrer Karriere. Und schnell wieder unten: Zwei Monate nach dem Golden Goal erleidet sie den vierten Kreuzbandriss. Ihr Vorname Nia ist Suaheli und lässt sich mit „Ich will“ übersetzen. Der zweite Vorname lautet Tsholofelo, und das bedeutet „Hoffnung“. Beides hat sie in ihrer Karriere begleitet.

Ein schönes Laufbahnende mit einem weiteren Pokal

Am Sonntag hat Nia Künzer beim 5:1 des 1. FFC Frankfurt gegen die SG Essen-Schönebeck mit einem Kurzeinsatz ihre Karriere beendet. Es war der krönende Schlußpunkt für den Klub nach einer bemerkenswerten Saison mit dem Gewinn des DFB-Pokals, des Uefa-Cups und der deutschen Meisterschaft. Auch für Nia Künzer ein schönes Laufbahnende, denn noch einmal durfte sie einen Pokal hochhalten. Dass hat die 28 Jahre alte Pädagogin – sie hat in diesem Jahr ihr Studium in Gießen erfolgreich abgeschlossen – oft getan: Sie wurde Weltmeisterin, sieben Mal deutscher Meister, sie gewann sieben DFB-Pokalwettbewerbe und dreimal den Uefa-Cup.

Besser geht´s kaum. Und doch hat sie nicht den Boden unter den Füßen verloren. Ihre Eltern sind ihre größten Vorbilder, ihre Heimat und ihre Freunde sind ihr wichtig. Und Ergebnisse oder Erfolge nicht das einzige, was zählt. Einmal schrieb ihr ein Mädchen, dass sie so werden wolle wie sie. „Das ist ein schönes Gefühl“. Eines der Gefühle, die hängenbleiben werden von einer wechselhaften Fußballerkarriere.

Nia Künzer wurde nach dem ersten WM-Titel nicht nur wegen ihres Tores das Gesicht und die Stimme des Frauen-Fußballs. Nun hat sie ihre Karriere mit 28 Jahren schon beendet und wird fehlen.
Von Daniel Schleidt

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