10.03.2010 · Zum WM-Jahr bringt Nike den Fußballschuh mit „intelligenten“ Stollen. Nach eigenen Angaben hat Nike drei Jahre Entwicklungsarbeit in den Schuh gesteckt. Man kann ihn vom 1. April an kaufen. Aber nicht jeder Fußballer kann ihn sich leisten.
Von Walter WilleStockfinster, es regnet Katzen und Hunde. In einem düsteren Winkel an der Themse rumpelt eine Kolonne roter Omnibusse durch Schlaglöcher und Pfützen auf eine riesige Ruine zu. Ein Müllwerk müffelt. In solchen Gegenden pflegen die toten Augen von London auf verirrte Seelen zu lauern. Die Busse halten vor dem zerfallenen Gebäude. Das Dach fehlt. Brüchige Backsteinmauern weisen Löcher im Format des Fußballtors auf, Fensterscheiben sind herausgeschlagen, Stahlträger rosten, Kraut wuchert. Mitten in diese Trümmerszenerie haben sie eine provisorische Halle gebaut, eine schicke Event-Kapsel mit lila Licht und chilliger Musik. Das nennt man eine Location.
Die aufwendige Inszenierung gilt: einem Fußballschuh. Im Jahr der Weltmeisterschaft kann das nicht originell genug sein. 300 Journalisten aus allen wichtigen Märkten dieser Erde sind anwesend, und gäbe es nicht immer noch die interstellaren Transportprobleme, hätte Nike zur Vorstellung des Schuhwerks sicherlich auch die wichtigsten Reporter aus anderen Sternbildern eingeflogen. Die verwahrloste Battersea Power Station bildet die Kulisse für den „Nike Football Global Innovation Summit“. Man kennt das in den achtziger Jahren stillgelegte Kohlekraftwerk mit den vier mächtigen Schornsteinen auf den Ecken von vielen alten Bildern, zum Beispiel auf einer Pink-Floyd-Plattenhülle: „Animals“.
Das Tier auf dem mindestens 50 Quadratmeter großen Bildschirm auf der Event-Bühne vor der Event-Tribüne ist ein besonderes, ein Gepard, in freier Wildbahn mehr als 100 km/h schnell. Immer wieder in Großaufnahme und Superzeitlupe: Pfoten und Krallen des geschmeidigen Jägers, wie sie sich mit dem Boden verzahnen, wenn er einen Haken schlägt. So wie Stollen auf dem Fußballrasen. Das führt auf raffiniert hintergründige Weise zu den Stollen des Fußballschuhs, in den Nike nach eigenen Angaben sein in Jahrzehnten gesammeltes Wissen und speziell die tiefreichende Entwicklungsarbeit der vergangenen drei Jahre gesteckt hat und den man vom 1. April an kaufen kann. Für 375 Euro.
845 Fälle des Wegrutschens in 63 Spielen der WM von 2006 wurden analysiert
Zu diesem Preisniveau historischer Größenordnung passt der teuerste Spieler der Fußballgeschichte. Cristiano Ronaldo betritt die violett beleuchtete Bühne. Der Portugiese mit der explosiven Geschwindigkeitsentfaltung („Jeder, der Fußball liebt, liebt mich“) gibt ein Interview und äußert sich lobend über den Schuh. Nicht ganz unerwartet, denn wie Drogba, Ibrahimovic und eine Reihe weiterer Topverdiener war Ronaldo nach Darstellung des Unternehmens in die Entwicklung eingebunden. 845 Fälle des Wegrutschens in 63 Spielen der WM von 2006 wurden analysiert, Labortests und Feldversuche vorgenommen, 43 Prototypen-Versionen gebaut, Profis mit Erlkönigen ins Match geschickt. Die Promis gaben Anregungen und Rückmeldung,
Der minimalistische, filigrane „Mercurial Vapor Superfly II“, angeblich inspiriert vom Gepard, ist der hochgezüchtete Sprintertyp unter den Fußballschuhen. Nach den Worten von Design-Direktor Andrew Caine wurde alles dem Ziel untergeordnet, den Spieler in seiner Schnelligkeit zu fördern: Gewicht (nur 236 Gramm bei Größe 44), Grip, Halt, Passform, jedes Detail. Das dünne Synthetikmaterial aus fünf Schichten soll sich wie eine zweite Haut anschmiegen, „Flywire“- Technik (in unterschiedliche Richtungen eingearbeitete Fäden) Stabilität gewährleisten. Auf dem dünnen Karbon-Chassis, hebt Caine hervor, stehe der Spieler besonders niedrig, mit der Folge direkter Kraftübertragung und effizienten Energieeinsatzes. Die Spitze der Sohle ist nicht glattflächig, sondern geriffelt, um beim Antritt das letzte bisschen Tempo herauszukitzeln. Verbreiterte Auflageflächen der Nocken unterbinden unangenehmen Druck auf die Fußsohle, denn der Superfly II soll nicht nur schneller, sondern auch komfortabler sein als seine Vorgänger der Mercurial-Baureihe.
Ein Stab im Innern des Stollens
„Revolutionär“ und „extrem kompliziert“ nennt Caine die neuartigen, in der Länge variablen Stollen. Außer herkömmlichen Nocken (an Ferse und Außenseite des Vorfußes) hat der Schuh zwei davon an der Innenseite vorn. Sie passen sich den Entwicklern zufolge zwecks Verbesserung der Traktion an die Beschaffenheit des Platzes an. Auf nassem, weichem Boden werden sie beim Auftreten durch den Druck des Fußes um bis zu drei Millimeter mehr ausgefahren als auf trockenem, hartem. Ein Stab im Innern des Stollens überträgt den vom Fuß ausgeübten Druck. Der variable Stollen besteht aus einem harten Endstück und einem transparenten, flexiblen mit der Sohle verbundenen Mittelteil. Die Verbindungsstelle ist dicht, damit nicht Dreck die Mechanik lahmlegen kann. Berührt die Sohle nicht mehr den Boden, zieht sich der Stollen automatisch wieder zurück, wie Caine erklärt. Das geschehe mit Hilfe eines kleinen Kunststoffelements im Innern, das sich bei Entlastung ausdehne. All dies so hinzubekommen, dass es funktioniere, ohne spürbare Druckstellen unterm Fuß zu verursachen, sei beinahe „Zauberei“.
Am Morgen nach der Show: Alle Journalisten dürfen probekicken. Engländer, Australier, Japaner, Chinesen, Thailänder, Italiener, Peruaner und, und, und. Alte Herren und sonstige Amateure aus aller Herren Ländern. Immer elf gegen elf. Der Rasen ist tief, deshalb ist anzunehmen, dass die „intelligenten“ Stollen sich unentwegt verlängern und verkürzen. „Spitzenspieler merken das“, ist Caine überzeugt. „Die sind derart feingetunt, dass sie jede Modifikation am Schuh fühlen.“ Die munter Herumstümpernden indes merken höchstens, dass es sich um den Fuß herum erstaunlich leicht anfühlt, dass die Sohle zupackt. Sie meinen festzustellen, dass auch dieser Mercurial ein Werkzeug vorwiegend für kreative Hochgeschwindigkeitskönner ist, wagen jedoch keine Prognose, ob ihn das breitere Publikum wegen seiner technischen Finessen oder vielleicht doch wegen der Schock-Farbe (Lila mit Leuchtorange; im Sommer kommt eine Alternative) attraktiv finden wird. Sicher ist nur, dass auch ein Cristiano Ronaldo damit nicht 100 km/h erreichen wird. Selbst der nicht.
Spätrömische Dekadenz
Monika Jansen (MoniJansen)
- 10.03.2010, 19:04 Uhr
Hat denn einer der vielen Journalisten ...
Karl Neuwald (KarlFAZ)
- 10.03.2010, 21:40 Uhr
Dieser Bericht
Jitzak Tanenbaum (tanenbaum)
- 10.03.2010, 23:05 Uhr
Überfluß
Carolus Doomdey (Domday)
- 11.03.2010, 13:50 Uhr