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Netzers Sternstunde gegen England Aus der Tiefe des Raumes

19.11.2008 ·  Es gab viele große Spiele zwischen Deutschland und England. Als bestes Spiel einer deutschen Elf gilt seit jeher das EM-Halbfinal-Hinspiel 1972 in Wembley. Deutschland siegte und wurde später Europameister. Günter Netzer war der Held.

Von Hartmut Scherzer
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Viele Spiele aus der hundertjährigen Geschichte des Fußball-Klassiker Deutschland gegen England bleiben in Erinnerung: Das Endspiel der Weltmeisterschaft 1966 mit dem „Wembley-Tor“ (2:4 nach Verlängerung), die Hitzeschlacht von Leon bei der WM 1970 (3:2 nach Verlängerung), die Elfmeter-Entscheidungen zu Gunsten Deutschlands (jeweils nach einem 1:1 trotz Verlängerung) auf dem Weg zum WM-Titel 1990 in Italien und zum Europameistertitel 1996 in England.

10 deutsche, 14 englische Siege und 6 Unentschieden stehen in der Statistik. Und jene Begegnung am 29. April 1972, die mit dem ersten deutschen Sieg, einem 3:1, auf englischem Boden endete. Viele Fachleute und Historiker des Fußballs halten dieses Spiel im Viertelfinale der Europameisterschaft für das glanzvollste einer deutschen Nationalmannschaft.

Die Tiefe des Raumes wurde erfunden

„Der aus der Tiefe des Raumes plötzlich vorstoßende Netzer hatte ,thrill‘. ,Thrill‘, das ist das Ergebnis, das nicht erwartete Manöver; das ist die Verwandlung von Geometrie in Energie, die vor Glück wahnsinnig machende Explosion im Strafraum, ,thrill‘, das ist die Vollstreckung schlechthin, der Anfang und das Ende. ,Thrill‘ ist Wembley.“

Mit diesem Text begeisterte sich der damalige England-Korrespondent und spätere Feuilletonchef dieser Zeitung, Karl Heinz Bohrer, am ersten deutschen Triumph im Mutterland des Fußballs. Und an Günter Netzer. Wie in Trance murmelte Netzer, der mit seinen Fünfzig-Meter-Spurts die Engländer völlig aus der Fassung gebracht hatte, damals nach seiner Galavorstellung: „Unfassbar“.

„Was die Schönheit anbetrifft, war unser Fußball einzigartig“

Heute erinnert sich der 64 Jahre alte Netzer ohne Verklärung: „Ich liebe diese Generationen übergreifenden Quervergleiche nicht. Wir haben zu unserer Zeit das höchste Tempo gespielt, das unsere Zeit erlaubt hat. Heute wird mit dem höchsten Tempo gespielt, das die Gegenwart zulässt. Es ist daher nicht statthaft, einst und jetzt eins zu eins zu vergleichen.“

Aber: „Was die Schönheit anbetrifft, war unser Fußball einzigartig. Wir hatten Figuren und Persönlichkeiten, wie sie in der heutigen Zeit nicht vorhanden sind. Das ist unstrittig.“ Die Namen von damals lauten Franz Beckenbauer, Günter Netzer, Gerd Müller, Sepp Maier, Jürgen Grabowski, die jungen Paul Breitner und Uli Hoeneß.

„Instinkt und Intuition machen das Einmalige aus“

Gegen alle Erwartungen und Voraussetzungen sei das harmonische Zusammenspiel, „eine Einheit, eine Gemeinschaft, eine Spielkunst auf dem Platz entstanden, die anderthalb Jahre angehalten haben, in einer nie da gewesenen und auch bis heute nicht wieder erreichten Form. Das stimmt“, sagt Netzer gut 36 Jahre danach. Die genialen Protagonisten aus München und Mönchengladbach, der Libero Beckenbauer und der Stratege Netzer, hatten ohne vorherige Absprache in einem blinden Verständnis zueinander gefunden, zu einem ästhetischen und effektiven Wechselspiel.

„Das haben wir uns nicht ausgedacht. So etwas passiert einfach bei Instinkt-Fußballern auf dem Platz“, sagt Netzer. „Instinkt und Intuition machen das Einmalige aus.“ Sir Stanley Rous, damals Präsident des Welt-Fußballverbandes Fifa, verglich die Deutschen mit der ungarischen Wunderelf, die 1953 den englischen Heimnimbus beendet hatte.

Netzer traf zum 2:1

Hoeneß schoss das 1:0 (26. Minute). Lee (77.) glich aus. Dann verwandelte Netzer einen Elfmeter (84.) zum 2:1 und vollführte mit wehenden Haaren im grünen Trikot einen Veitstanz. Gerd Müller schließlich krönte mit dem 3:1 (89.) den legendären Sieg. Ein dagegen fades 0:0 zwei Wochen später in Berlin reichte, die EM-Endrunde in Belgien zu erreichen. Den Titel zu erringen, schien danach nur noch Formsache. Die Kombination aus München und Mönchengladbach (sechs Bayern, drei Borussen) brannte im Brüsseler Finale gegen die Sowjetunion ein Feuerwerk ab, bis es durch Gerd Müller (27./58.) und Netzers „Wasserträger“ Herbert Wimmer (52.) 3:0 stand.

Die Spruch „aus der Tiefe des Raumes“ ist in die deutsche Geschichte der Fußball-Weisheiten eingegangen wie Sepp Herbergers „der Ball ist rund“. „Ich habe nie mit dem Bohrer darüber gesprochen“, sagt Netzer. „Aber ich habe ihn verstanden, was er gemeint hat. Ich habe mich über seine Beobachtungsgabe gefreut, darüber, wie seine geschliffene Feder das ausgedrückt hat, wie ich gespielt habe. “

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