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Netzer über seine Borussia „Das ist nicht nur ein Strohfeuer“

02.12.2011 ·  Die Chance, Großes zu schaffen, sei günstig für den Gladbacher Traditionsklub vor dem Spitzenspiel an diesem Samstag gegen Dortmund. Günter Netzer über die Wiedererweckung seiner Borussia unter Trainer Favre.

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© obs Gladbacher Fußball-Legende Netzer: „Unserer großen Zeit ging ein Wachstum über mehrere Jahre voraus“

Weder dürfe man die alten Zeiten unter Hennes Weisweiler beschwören, noch das junge Team zu sehr loben, sagt Mönchengladbachs Legende Günter Netzer vor dem Spitzenspiel seiner Borussia gegen die Dortmunder an diesem Samstag (15.30 im FAZ.NET-Bundesliga-Liveticker) Dennoch sei die Chance, Großes zu schaffen, günstig wie lange nicht. Netzer im Gespräch über die Wiedererweckung eines schlafenden Riesen unter Trainer Lucien Favre.

Wann hatten Sie zuletzt so viel Freude an Borussia Mönchengladbach wie in dieser Saison?

Ich bin ein großer Fan dieser Mannschaft. In der Vergangenheit hatte ich die Borussia aus purer Enttäuschung ja immer wieder kritisiert. Das war natürlich sehr berechtigt, und sie konnten froh sein, dass mein Herz immer an Mönchengladbach hängen wird, denn sonst wäre die Kritik noch eine ganze Spur härter ausgefallen. Es hatte mir nicht gefallen, was sie in Mönchengladbach in den letzten Jahrzehnten aus den Möglichkeiten gemacht haben. Ich habe wie alle Fans verdammt viel gelitten. Aber jetzt hat Trainer Lucien Favre die Borussia erweckt. Er hat alle zusammen auf seinen Weg mitgenommen, der sehr erstaunlich ist. Er hat alles so professionell angelegt, dass alle davon profitieren werden: die einzelnen Spieler, die Mannschaft, aber auch der gesamte Verein.

Weckt Favre gerade einen seit über dreißig Jahren schlafenden Riesen?

Der schlafende Riese ist meistens jemand, der aus der Vergangenheit stammt, der von der Tradition lebt und der nur darauf wartet, geweckt zu werden. Die Chance dafür ist in Mönchengladbach sehr groß. Die Borussia hat einen Bonus als früher etablierte Spitzenmannschaft, aber das muss auch untermauert sein mit der Qualität der Spieler. Gladbach ist ein Traditionsklub, der das schaffen kann aufgrund einer günstigen Konstellation: gute junge Spieler und ein passender Trainer, der diese Dinge wiederbelebt. Das ist das Wichtigste. Aber zu diesem Erfolg haben viele Faktoren geführt. Denn einen schlafenden Riesen kann man nicht auf Knopfdruck wecken.

Sehen wir etwa gerade die Nachfolger der großen Gladbacher Mannschaft aus den siebziger Jahren?

Ich gehe in solchen Fällen mit Komplimenten sehr sparsam um. Ich empfinde Bewunderung und Freude für diese Mannschaft, aber es nutzt niemandem, wenn man diese Mannschaft zu früh und allzu sehr lobt. Mönchengladbach ist für mich nach wie vor eine Herzensangelegenheit, aber es wäre nicht gut, jetzt die alten Zeiten zu beschwören und Lucien Favre schon mit Hennes Weisweiler gleichzusetzen. Das ist alles eine Nummer zu groß.

Worüber freuen Sie sich besonders am Gladbacher Jahrgang 2011?

Ich habe den 3:0-Sieg beim 1. FC Köln gesehen, und meine Bewunderung gilt der Art und Weise, wie diese Mannschaft mittlerweile Fußball spielt und wie der Trainer ihnen das beigebracht hat. Ich bewundere zudem viele Spieler dieser Mannschaft, denn nicht nur Marco Reus spielt hervorragend. Es gibt noch einige andere, die für den Erfolg der Mannschaft genauso entscheidend sind, aber ich werde nicht jeden einzeln persönlich hochloben.

Was zeichnet diese Mannschaft im Vergleich zu den großen Gladbacher Teams von früher aus?

Ich vergleiche die Mannschaften nicht miteinander. Unserer großen Gladbacher Mannschaft ging ein Wachstum über mehrere Jahre voraus, was dazu führte, dass rund ein Drittel des Teams zu Nationalspielern wurde. Sie besaßen eine Qualität, die ziemlich einmalig war im deutschen Fußball. Aber das hat seine Zeit gedauert, und deswegen ist es für mich nicht legitim, diese beiden Mannschaften in einer solchen Weise zu vergleichen. Dafür ist es einfach zu früh.

Für wie stabil halten Sie die Gladbacher Mannschaft schon?

Das ist schon jetzt ganz erstaunlich, es wird ja immer besser. Die Ergebnisse, 5:0 gegen Bremen und 3:0 in Köln, interessieren mich dabei gar nicht, es ist die Spielweise. Natürlich wird Gladbach auch mal wieder ein Spiel verlieren, aber ich glaube nicht, dass sich diese Mannschaft durch ein, zwei Niederlagen wird zurückwerfen lassen, sie wird nicht mehr in ein tiefes Loch fallen. Das hat schon Haltbarkeit. Diese Mannschaft ist nicht mehr so labil und fragil, wie es vorausgesagt wurde, auch von mir. Ich habe es zunächst für ein bewundernswertes Strohfeuer gehalten, aber eben nur für ein Strohfeuer. Damit muss man nach 14 Spieltagen aufhören, das tue ich jetzt.

Gladbach gehört zur Bundesligaspitze, obwohl die Bayern lange überragend spielten und Dortmund seit Wochen glänzt. Gladbach profitiert also nicht von einer großen Krise der Favoriten.

Die Borussia sollte sich den Gefallen tun und sich nicht mit diesen beiden Klubs vergleichen. Aber einen solchen Fehler wird dort niemand machen, das lässt schon Favre nicht zu. Wer dort anfängt zu spinnen, wird sich auf der Ersatzbank wiederfinden. Favre verlangt höchste Professionalität, und es wäre nicht hochprofessionell, solche Maßstäbe jetzt schon zuzulassen.

Was sagt es über Gladbach und die Konkurrenz, dass eine Mannschaft, die nach der vergangenen Hinrunde abgeschlagen Letzter war, mit einem neuen Trainer eine solch fundamentale Wende hinlegen kann?

Das sagt aus, dass der Klub einen Trainer gefunden hat, der das wahre Potential der Mannschaft freilegen konnte. Gladbach war nicht so schlecht, wie es in den vergangenen Jahren schien. Nach der Rettung hat Favre die Mannschaft immer weiter entwickelt, die Spieler nehmen alles an von ihm. Gladbach ist eine Trainer-Mannschaft geworden, die das Potential hat, großartige Spieler zu entwickeln, und auch diejenigen, die derzeit Schlagzeilen machen, sind noch längst nicht am Ende ihrer Entwicklung angekommen. Favre ist der richtige Mann am richtigen Platz.

Was ist für Sie die spannende Frage beim Duell der beiden Borussias?

Ob die Gladbacher zu Hause mutig sind, der starken Dortmunder Mannschaft Paroli zu bieten - oder ob sie sich taktisch auf diese vermeintliche Übermacht einstellen werden. Das wird ein Hinweis sein, wie die Gladbacher selbst bewerten, was sie bisher geleistet haben, wie weit sie sind. Es interessiert mich viel mehr als das Ergebnis, wie sie sich gegen Dortmund verhalten, wie sie von Anfang an dieses Spiel herangehen, wozu sie schon fähig sind. Können einzelne Spieler und das Team als Ganzes über ein gewisses Level hinauswachsen? Das ist notwendig, um Borussia Dortmund zu besiegen.

Wo sehen Sie die Grenzen des Wachstums für die Sie spielen schon am obersten Rand ihrer Möglichkeiten. Wenn das halbwegs gehalten werden kann, dann spielen sie vielleicht am Ende sogar um Platz sechs mit. Dass diese Mannschaft schon jetzt hat alles vergessen lassen, was in der Vergangenheit hier geschehen ist und wie sich der Verein dargestellt hat, ist für mich allein schon äußerst positiv. Wenn das anhält, ist es eine rundherum großartige Leistung von allen.

Werden Sie eigentlich noch nervös, wenn Gladbach spielt?

Nervös würde ich es nicht nennen, was ich bin, wenn Borussia spielt. Ich bin Fan und werde das mein ganzes Leben sein. Das lässt sich nicht auslöschen, das ist unmöglich. Da sind meine Wurzeln, da bin ich aufgewachsen, der Borussia habe ich alles zu verdanken. Deswegen ärgere ich mich manchmal ja auch so.

Gibt es bei den Gladbacher Meistern von gestern, wenn sie auf diese junge Mannschaft schauen, nun so etwas wie kollektive Aufbruchstimmung?

Die Jungs aus unserer Mannschaft sind Realisten. Die erleben das wie ich. Sie freuen sich wahnsinnig, und sie hoffen auch, dass es so weitergeht. Aber sie kennen den Fußball gut genug und wissen, dass Phantastereien bei der Borussia nicht angebracht sind. Das würde garantiert zum Absturz führen.

Quelle: F.A.Z., das Gespräch führte Michael Horeni.
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