04.09.2009 · Der argentinische Fußball-Nationaltrainer fühlt sich belästigt von zu viel Logistik und Bürokratie. Maradona vertraut am liebsten auf seine Aura. Sollte diese am Samstag gegen Brasilien versagen, könnte seine Karriere rasch vorbei sein.
Von Josef Oehrlein, Buenos AiresEigentlich müsste sein Geschöpf, die argentinische Fußballnationalmannschaft, allmählich aus den Windeln kommen. Doch es leidet noch an vielen Kinderkrankheiten. Das liegt vor allem daran, dass er sich nicht so intensiv darum kümmern kann, wie er das eigentlich vorhatte. Den argentinischen Fußball-Nationaltrainer Diego Maradona stört das Geschrei, und er fühlt sich belästigt von so viel „Logistik“, Bürokratie und Telefonieren. Manche Spieler, vor allem natürlich die Stars, seien schwerer zu erreichen als Barack Obama, klagt er. Da könne man nicht erwarten, dass er ihnen nun auch noch in kurzer Zeit seinen eigenen „Stil“ beibringe. Zu seinem Bedauern hat er in den vergangenen neun Monaten nur sechs Wochen wirklich trainieren können. Allmählich müssten aber nun „Konzepte“ in die Köpfe der Spieler befördert werden.
Trainer werden ist nicht schwer, Trainer sein dagegen sehr, hat Maradona erfahren müssen. Es kostet die einstige Nummer 10 mehr Mühe als einst das Spiel auf dem Rasen. Aber er hat ja unbedingt „Director Técnico“ werden wollen. Niemand hat ihn dazu gedrängt, er brachte sich unentwegt selbst ins Spiel. Die bisherige Bilanz seiner Arbeit sieht gemischt aus. Nach zwölf von 18 Ausscheidungsspielen für die Teilnahme an der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika dümpelt Argentinien hinter Brasilien, Chile und Paraguay auf Platz vier; für Lateinamerika gibt es vier direkt zu vergebende Plätze. Also wird es knapp. „Eine Weltmeisterschaft ohne Argentinien wäre keine Weltmeisterschaft“, sagt Maradona. Ein Ausscheiden bei der Qualifikation wäre der „Weltuntergang“, nicht nur für ihn, auch für das halbe Land.
Maradonas Pfeifen im Wald nach dem 1:6 gegen Bolivien
Die nächste und vielleicht schon entscheidende Hürde ist das Spiel am Samstag gegen Brasilien. Ein südamerikanischer Superclásico. Verliert Argentinien gegen den Erzrivalen, werden die Zweifel an Maradonas Fähigkeiten rasch das Wohlwollen aufzehren, das er noch genießt. Verliert sein Team gar haushoch, könnte es mit seiner Trainerkarriere rasch zu Ende sein. Bisher glichen seine Trainerarbeit und deren Ergebnisse einer Achterbahnfahrt. Ordentlichen oder gar glänzenden Siegen bei den Länderspielen gegen Schottland, Frankreich und Russland standen Pleiten bei den Qualifikationsspielen und besonders die peinlichste aller Niederlagen, das 1:6 im Qualifikationsspiel gegen Bolivien, gegenüber.
„Ich war bei Weltmeisterschaften dabei und habe zwei Finals bestritten, ich weiß, wie man dahin kommt, wie ich die Truppe anpacken, wie ich sie trainieren muss.“ Wenn Maradona so redet, dann klingt das wie Pfeifen im Walde. Nachts steht Maradona manchmal auf und notiert seine Traumideen von Freistößen oder Eckbällen. Er weiß immer, wie es eigentlich zu machen ist, nur gelingt es ihm nicht. Ihm ist offenbar noch nicht ganz aufgegangen, dass es etwas anderes ist, Fußballer und nicht den Fußball zu führen. An der Erfahrung als Trainer hapert es bei Maradona. „Ich lächle über diejenigen, die sagen, ich hätte keine Erfahrung“, entgegnet er trotzig. „Ich habe zwanzig Jahre in der Nationalmannschaft verbracht.“ Im Übrigen sei im Fußball alles längst erfunden. Am meisten vertraut er auf die Magie seiner bloßen Anwesenheit. Doch allmählich lässt die Zauberwirkung nach.
Bei einer Pleite wird er um eine Erklärung nicht verlegen sein
Inzwischen hat Maradona das Stadion „Gigante de Arroyito“ in der argentinischen Stadt Rosario inspiziert, wo seine Mannschaft gegen Brasilien antreten wird. Wenn sein Team verliert, kann es wohl kaum an der Arena liegen, denn der Platz von Rosario Central sei „ein ideales Stadion“, befand er.
Wie immer das Spiel gegen Brasilien ausgeht, Maradona wird bei einem Sieg sagen, er habe doch gleich gewusst, dass auf dem Weg zur Weltmeisterschaft in Südafrika alles planmäßig laufe. Und bei einer Pleite wird er um eine Erklärung für das Missgeschick nicht verlegen sein. Selbst wenn er jetzt oder nach einer späteren Schlappe das Traineramt aufgeben würde - für ihn gibt es ein Weiterleben nach der Niederlage. Der argentinische Fußball hat noch einige andere lukrative Jobs zu bieten.
Josef Oehrlein Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.
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