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Nationalmannschafts-Kommentar Hochgefühle und Zündstoffgefahr bei der DFB-Auswahl

12.10.2008 ·  Die Leistung der Nationalmannschaft war besser, als man erwarten durfte. Der Rausschmiss von Kevin Kuranyi ist die einzig richtige Entscheidung. Auf den beleidigten fünften Stürmer ist leicht zu verzichten, auf ein angenehmes Betriebsklima nicht.

Von Peter Heß
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Als es nach dem Spiel galt, auf dem Podium Fußball-Deutschland das 2:1 über Russland zu erklären, wirkte Joachim Löw immer dann am glücklichsten, wenn er gerade nicht redete. Während der Übersetzungspausen lag ein Strahlen in seinen Augen, manchmal lächelte der Bundestrainer einem Bekannten zu. Dieser Heimsieg gegen den stärksten Gruppengegner in der Weltmeisterschafts-Qualifikation fühlte sich für ihn einfach nur gut an.

In seiner Analyse allerdings nahm sich Löw in die Pflicht, Einschränkungen zu machen. In der zweiten Halbzeit habe man Glück gegen starke Russen gehabt, sei auch der Ausgleich möglich gewesen. Und auch während seines Lobliedes auf die starke deutsche erste Halbzeit klang Löw nicht so beseelt, wie er während seines Schweigens wirkte.

Die Leistung war viel besser, als man erwarten durfte

Sein Verhalten war ein Reflex auf die Diskrepanz zwischen öffentlichem Anspruch und eigenem Realitätsempfinden. Die deutsche Nationalmannschaft nach der EM 2008 ist noch lange nicht so gefestigt wie während und im Jahr nach der WM 2006, dass der Bundestrainer bei einem Erfolg über eine europäische Spitzenmannschaft auf ideale Begleitumstände Wert legte. Hauptsache, gewonnen. Und damit hat Löw recht. Man darf nicht vergessen, in welch fragilem Zustand sich die Nationalelf befand und auch nach dem 2:1 noch befindet.

Video: Löw schmeißt Kuranyi aus der Nationalmannschaft

Am früher festen Gefüge wurde durch die Führungsdiskussion um Michael Ballack, die Verletzungspausen erfahrener Nationalspieler, das Bayern-Schicksal der Stürmer Podolski und Klose sowie die Suche nach der Nummer eins im Tor gerüttelt. Gegen Russland hatte Löw erstmals seine beste Auswahl beisammen, und niemand wusste, wie sich das Miteinander der Platzhirsche und der durch den Bundestrainer ermutigten Emporkömmlinge gestalten würde. Das Ergebnis: Seine Mannschaft übertraf in den ersten 45 Minuten alle Hoffnungen, in den zweiten 45 Minuten musste sie zittern wie befürchtet. Bleibt als Fazit: Die Leistung war viel besser, als man erwarten durfte.

Auf den beleidigten fünften Stürmer ist zu verzichten, auf ein angenehmes Betriebsklima nicht

Die Begegnung mit Russland taugt als gesunde Basis für eine gelungene WM-Qualifikation. Aber es hätte auch schiefgehen können. Löws Losung, dass ab sofort ein freies Spiel der Kräfte herrsche, nur noch aktuelle Leistungen und keine alten Verdienste mehr zählten, birgt Zündstoff, wie der Fall Kuranyi beweist. Bei einer Niederlage hätte es mehr enttäuschte Ersatzspieler gegeben als den Schalker Stürmer, und einige Mitwirkende wären in die Schusslinie geraten. Auf den beleidigten fünften Stürmer ist leicht zu verzichten, auf ein angenehmes Betriebsklima nicht.

Bei der Neuordnung in der Nationalmannschaft ergibt sich kein einheitliches Bild. Von den Etablierten bestätigte Ballack seinen Wert am nachhaltigsten, durch sein Tor und seine Präsenz. Frings ist vorerst ins Hintertreffen geraten, aber Hitzlspergers Vorstellung war auch nicht so überzeugend, dass dem Bremer keine Chancen mehr einzuräumen wären.

Von den jüngeren Spielern hat Trochowski den größten Schritt gemacht. Der Hamburger ist nach der EM zur verlässlichen Größe aufgestiegen. Nur: Alles andere als ein Sieg am Mittwoch gegen Wales könnte die Entwicklung des Teams schon wieder durcheinander bringen. Es sind unruhige Zeiten in der Nationalmannschaft, deshalb war der Sieg gegen Russland einfach nur schön.

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Jahrgang 1959, Sportredakteur.

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