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Nationalmannschafts-Kommentar Der neue Bundestrainer

25.10.2008 ·  Michael Ballack musste erfahren, dass der Wert eines Spielers in der deutschen Nationalmannschaft nicht nur von Leistung und Popularität abhängt, sondern auch von der Beachtung der Hierarchie. Der Bundestrainer hat das letzte Wort. Und der heißt Löw.

Von Michael Horeni
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Michael Ballack ist der einzige Weltstar des deutschen Fußballs. Er spielt in der besten Liga der Welt. Sein Arbeitgeber, FC Chelsea, verfügt durch die Rohstoff-Milliarden seines russischen Geldgebers über finanzielle Mittel wie kein anderer Fußballklub der Welt. Ballack hat es zum vermögendsten deutschen Profi gebracht. Seit vier Jahren ist er Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, und er hat das Team geprägt wie kein anderer Spieler in dieser Dekade.

Wenn Deutschland bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika endlich wieder einmal Weltmeister werden will, wird die Nationalmannschaft auf Ballack nicht verzichten können. Als er in diesem Jahr nach der Europameisterschaft seine langjährige Lebensgefährtin heiratete, wurde die Gästeliste wie bei einer politischen Hochzeit gelesen. Spieler, die vom Kapitän geladen wurden, hatten es weit gebracht. Denn die Nationalmannschaft war das Reich von Michael Ballack.

Der Bundestrainer hat das letzte Wort

Dieses Reich ist zerfallen. Die Ursache war nicht eine Niederlage auf dem Fußballplatz, sondern ein Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (siehe: Michael Ballack im F.A.Z.-Interview: „Frings' Rücktritt wäre schlimm“), das so verstanden wurde, dass Ballack die Autorität des Bundestrainers nicht anerkenne, ihm ein Spiel mit gezinkten Karten vorwerfe und Mitspieler indirekt kritisiere. Der Kapitän der Nationalmannschaft hat seitdem erfahren, dass der Wert eines Spielers in der Nationalmannschaft nicht allein von den handelsüblichen Kategorien im Profifußball abhängt – Leistung, Reichtum, Popularität –, sondern auch von der Beachtung der Hierarchie. Der Bundestrainer hat das letzte Wort.

Die Verfehlung des Kapitäns gilt im Kreis der Nationalmannschaft als gravierend, Mitspieler distanzieren sich. Nahezu die gesamte Führung des deutschen Fußballs hat sich gegen Ballack gestellt. Bundestrainer Löw hat den Kapitän nun nach Deutschland einbestellt, um nach einem Gespräch über die Konsequenzen zu entscheiden: Die Möglichkeiten reichen von einer Entschuldigung Ballacks, dem Verlust des Kapitänsamtes bis zu einem Rauswurf aus der Nationalmannschaft.

Probleme der Profis mit ihrem plötzlichen Ruhm

Ballacks Attacke reiht sich ein in eine Kette von Vorfällen, die in der Nationalelf ohne Beispiel sind. Vor zwei Wochen verließ der Schalker Stürmer Kuranyi während des Länderspiels gegen Russland das Stadion zur Halbzeit, weil er seine Nebenrolle in der Elite-Auswahl nicht akzeptieren konnte. Er blieb einen Tag verschwunden. Der Bundestrainer warf ihn hinaus. In der Vorwoche drohte der Bremer Frings mit Rücktritt, weil er sich zuletzt zweimal auf der Ersatzbank wiederfand. Er fühlte sich gedemütigt. Anlass für Ballacks Angriffe war nun vor allem der Umgang mit seinem langjährigen Mittelfeldpartner Frings, der nur ein paar Minuten zum Einsatz kam.

Beckenbauer hat die Nationalmannschaft daraufhin als „Mimosenhaufen“ bezeichnet. Er liegt damit richtig. Es fällt schon länger auf, wie schwer sich deutsche Fußballprofis in einem Geschäft tun, in dem sie täglich von Fans, Medien und Klubs hofiert und bejubelt werden. Viele Profis kommen mit ihrem plötzlichen Ruhm nicht zurecht. Weder bei ihren bezahlten Beratern noch in ihren Familien haben sie die Erdung, die ihnen eine kritische Selbstwahrnehmung ermöglichte. Ballack allerdings gehörte bisher zu den gut beratenen Nationalspielern mit einem über die Jahre gewachsenen Profil.

Der Preis, den Löw für seine neuen Führungsstil zahlt

Die nach der Europameisterschaft aufgebrochenen Konflikte in der Nationalmannschaft sind daher nicht erklärbar ohne das veränderte Verhalten des Bundestrainers. Löw greift jetzt durch. Bis zum Sommer hatte der Bundestrainer nach der straffen Führung unter seinem Vorgänger Klinsmann vielfach noch Konsequenz vermissen lassen. Er verzichtete auf Leistungskontrollen und setzte im Zweifel auf alte Verdienste. Der Bundestrainer beschädigte damit den Leistungsgedanken und seine Autorität.

Kapitän Ballack konnte so bei der Europameisterschaft zu einem Machtfaktor werden, dem auch immer stärkere Entscheidungskraft selbst in Fragen der taktischen Ausrichtung zugeschrieben wurde. Er durfte sich weiter in seiner Rolle bestärkt fühlen, als ihm der Deutsche Fußball-Bund in einer monatelangen Auseinandersetzung mit Manager Bierhoff keine Grenzen setzte.

Ballack sollte sich nicht wundern, wenn er nicht mehr Kapitän wäre

Offenbar haben der Kapitän und seine unwilligen Kollegen nun jedoch den Willen des Bundestrainers unterschätzt, die Nationalmannschaft konsequent zu führen – ohne Rücksicht auf Namen und Meriten. Der Bundestrainer verzichtete nach der Europameisterschaft wegen Formschwäche auf Verteidiger Metzelder, er forcierte den Konkurrenzkampf durch jüngere Spieler, warf Kuranyi wegen undisziplinierten Verhaltens aus dem Team und forderte Frings auf, um seinen Platz zu kämpfen.

Die Konflikte sind der Preis, den Löw für seine neuen Führungsstil zahlt. Die Nationalmannschaft hat einen anderen Bundestrainer – manche haben es nur noch nicht bemerkt. Ballack sollte sich nicht wundern, wenn er beim nächsten Länderspiel gegen England nicht mehr Kapitän der deutschen Nationalmannschaft wäre.

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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