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Nationalmannschaft Teilen und herrschen

01.09.2010 ·  Joachim Löw will Klarheit schaffen. Nach wochenlangen Diskussionen in der Kapitänsfrage will der Bundestrainer im Laufe des Tages ein Gespräch mit den Beteiligten führen und danach seine Entscheidung mitteilen. Andere Baustellen müssen warten.

Von Christian Kamp, Frankfurt
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Bastian Schweinsteiger hat es schon getan, Per Mertesacker, Mesut Özil, Heiko Westermann, Cacau und Stefan Kießling auch. Als vorerst letzter war Miroslav Klose an der Reihe. Sie alle haben sich in den vergangenen Wochen mehr oder weniger deutlich für Michael Ballack als Kapitän der Fußball-Nationalmannschaft ausgesprochen. Mindestens ein Drittel des Teams also, das am Freitag in Brüssel gegen Belgien und am Dienstag in Köln gegen Aserbaidschan die ersten Punkte in der Europameisterschafts-Qualifikation sammeln soll, steht, so die Bekenntnisse aufrichtig gemeint sind, hinter dem langjährigen „Capitano“. Reichlich Rückendeckung für einen, von dem es zuletzt hieß, er werde innerhalb der Mannschaft kritisch gesehen und nicht mehr als uneingeschränkte Führungskraft akzeptiert. Für Philipp Lahm, seinen Konkurrenten, haben jedenfalls weniger Kollegen öffentlich Position bezogen. Arne Friedrich ist ein Fürsprecher, sein Münchner Klubkollege Thomas Müller ein anderer.

Am Dienstag begann für Joachim Löw und sein Team mit dem Treffen in Frankfurt die neue Zeitrechnung bis zur Europameisterschaft 2012. Und mit dem Start ins nächste Abenteuer wird zugleich mit Hochspannung des Trainers Botschaft erwartet, wer die deutsche Mannschaft auf dem Weg zu dem Turnier in Polen und der Ukraine anführen soll. Löw hat bereits angekündigt, dass er an diesem Mittwoch – nachdem er mit den Spielern gesprochen hat – „einige zukunftsweisende Entscheidungen“ bekanntgeben werde. Für die Qualifikationsspiele hat Löw bekanntlich auf Ballack verzichtet, nachdem der, wie in den ersten beiden Ligaspielen zu sehen war, nach seiner Fußverletzung noch nicht wieder hundertprozentig bei Kräften ist. Vorteil Lahm also? Nicht unbedingt.

Nach Mehrheiten wird Löw sich zwar kaum richten, wenn er an diesem Mittwoch seine Haltung in der Kapitänsfrage kundtut. Ignorieren aber kann er die Stimmen pro Ballack schlecht – zumal der auch im Mannschaftsrat, dem Klose, Schweinsteiger, Mertesacker, Friedrich und Lahm angehören, über eine Mehrheit verfügt. Nach Lage der Dinge ist Ballack immer noch ein nicht unerheblicher Machtfaktor im Gefüge der ersten deutschen Auswahl. Und doch ist kaum vorstellbar, dass Ballack wieder ohne Einschränkung in seiner vorherigen Position installiert wird. Setzte Löw wirklich auf Ballack, wäre es nicht nur ein leichtes, sondern auch ganz selbstverständlich gewesen, sich klar zu der nach Ballacks Verletzung getroffenen Absprache zu bekennen, wonach Lahm vertretungsweise der WM-Kapitän, Ballack aber der Platzhirsch sei.

Debatte ist „völlig überzogen“

Ein Agreement, an das auch Miroslav Klose noch einmal erinnerte. „Wenn alles so kommt wie abgesprochen, wird Ballack wieder Kapitän. Und ich gehe davon aus, dass Ballack sicher Kapitän sein wird, wenn er wieder dabei ist“, sagte er. Löw aber tat dergleichen nicht – und ließ es so zu, dass sich zwei Dinge in der öffentlichen Diskussion auf ungünstige Weise vermischten: die Kapitänsfrage und die Frage nach der Zukunft Ballacks im Nationalteam überhaupt. Dass Löw eher lavierte als Ballack zu stützen, legte die Vermutung nahe, er hege auch sportlich Zweifel an dessen Rückkehr. Tatsächlich wäre es vor Ballacks Verletzung undenkbar gewesen, auf ihn zu verzichten, so lange er sich selbst für einsatzfähig hält. Zugleich ist so überhaupt erst die öffentliche Debatte um das Kapitänsamt angefacht worden, von der Löw nun sagt, sie sei „völlig überzogen“ geführt.

Vieles – auch Löws Neigung, Entscheidungen auszusitzen – deutet auf einen Kompromiss hin, allein schon, damit alle Beteiligten so unbeschadet wie möglich aus der Sache herauskommen: eine wie auch immer zwischen Lahm und Ballack zu teilende Führungsrolle. Dazu passten nicht nur die Worte von Teammanager Oliver Bierhoff vom Dienstag. „Es sind viele Chefs auf dem Platz gefragt“, sagte er beim Treffen in Frankfurt. Auch Löw hatte kürzlich gesagt: „Ich brauche mehrere Kapitäne.“ Gut möglich, dass das ganz wörtlich zu nehmen ist.

Defensive Problemzone

In einer anderen Zukunftsfrage, die Löw im Hinblick auf die EM beantworten will, ist an ein Wechselspiel nicht gedacht. Daran, dass er Manuel Neuer als Nummer eins im Tor bestätigen wird, gibt es keinen vernünftigen Zweifel. „Ich werde ganz entspannt auf die Entscheidung warten“, sagte Neuer. Tim Wiese und René Adler, der nach seiner Verletzung, die ihn die WM-Teilnahme kostete, wieder nominiert wurde, müssen sich vorerst um den Platz des ersten Reservisten streiten.

Neuer indes wird hoffen, dass er es im DFB-Team nicht mit ähnlich indisponierten Vorderleuten zu tun hat wie zuletzt beim FC Schalke. Denn auch in der deutschen Abwehr ist der Notstand nicht mehr weit, da Friedrich, Dennis Aogo und Jérome Boateng verletzt sind und andere wie Holger Badstuber und (der nicht nominierte) Serdar Tasci sich im Tief befinden. Für das Unternehmen EM-Qualifikation ist zu hoffen, dass vor lauter Schattengefechten um K-, T- und sonstige Fragen nicht die eigentlichen Problemzonen aus dem Blickfeld geraten sind.

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Jahrgang 1974, Sportredakteur.

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