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Nationalmannschaft Spielerboykott verhindert - Löws Premiere gerettet

15.08.2006 ·  Diskussionen vor dem ersten Spiel des neuen Bundestrainers Joachim Löw: Einige Spieler wollen nicht länger in den Schuhen von Ausstatter adidas auflaufen. Gegen Schweden werden sie es dennoch tun, danach will der DFB über die Forderungen verhandeln.

Von Michael Ashelm, Berlin
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Daß es so nicht weitergehen konnte, hatte man sich fast gedacht. Geprägt vom Erfolg bei der Weltmeisterschaft, zeigten sich die Fußball-Nationalmannschaft und ihr Umfeld in harmonischer Eintracht. Ein schönes Bild, welches noch Wochen nach dem begeisternden Sommerturnier die Fußball-Republik in ein Gefühl von Verzückung und Stolz versetzte.

Doch wenn der Alltag erst einmal zurückkehrt und sich die Gemengelage nach einer solch extremen Kraftanstrengung neu darstellt, kommen Probleme auf den Tisch, die lange Zeit immer wieder vertagt worden sind. Wenn dazu die alte Leitfigur weg ist, in deren starken Händen bisher die entscheidenden Strippen zusammengelaufen waren, beginnt für viele Beteiligte auch die Phase neuer Machtkonstellationen.

Mannschaftsrat stellt Forderungen

Dies führte zu solch kuriosen Wendungen, daß der neue Bundestrainer Joachim Löw als Nachfolger von Jürgen Klinsmann am Dienstag für einen Moment nicht einmal völlig ausschließen konnte, daß sich ein Teil der deutschen WM-Helden womöglich weigern werde, an diesem Mittwoch in Gelsenkirchen beim Länderspiel gegen Schweden aufzulaufen. Von Boykott war die Rede - eigentlich unvorstellbar, nachdem die Nationalspieler aus der Hand des Bundespräsidenten das Silberne Lorbeerblatt für ihre vorbildlichen Leistungen erhalten hatten. Letztlich konnte der Boykott im sogenannten „Schuh-Krieg“ erwartungsgemäß abgewendet werden, nachdem sich die Spieler nach heftigen Diskussionen noch einmal bereit erklärt hatten, dieses eine Mal geschlossen in Adidas-Schuhen anzutreten.

Gespräche des Mannschaftsrats, gebildet von Jens Lehmann, Miroslav Klose, Bernd Schneider und Torsten Frings, mit der Spitze des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) führten aber auch zu einer eindeutigen Forderung: Die Spieler, die sich in ihrer Haltung geschlossen zeigten, wollen, daß der Verband im Einvernehmen mit seinem Ausrüster Adidas bis zum 2. September, wenn in Stuttgart das erste Europameisterschafts-Qualifikationsspiel gegen Irland ansteht, das Schuh-Diktat aufhebt. Die DFB-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder und Theo Zwanziger sicherten den Profis des WM-Dritten zu, die strittige Angelegenheit bis dahin einvernehmlich mit der Firma Adidas und dem Liga-Verband zu regeln.

Keine Erpressung

Der „Schuh-Krieg“ hatte kurz vor dem ersten Länderspiel nach der WM unter dem neuen Bundestrainer Joachim Löw einige Verwerfungen ausgelöst. Weil der DFB als einziger der großen nationalen Fußballverbände auf der Welt seinen Spielern keine freie Schuhwahl gewährt, sondern den Einsatz der Stiefel des langjährigen Vertragspartners Adidas vorschreibt, wollen die Profis nun die Chance für ein Aufbrechen der strengen Regel nutzen. Es könne keinesfalls von „Erpressung“ die Rede sein, sagte Teammanager Oliver Bierhoff, und auch ein Ultimatum sei nicht gestellt worden. Doch die Spieler nahmen die Angelegenheit sehr ernst. „Die gesamte Mannschaft will die freie Schuhwahl“, sagte Bierhoff. Mayer-Vorfelder hatten Jens Lehmann, Miroslav Klose, Bernd Schneider und Torsten Frings das Anliegen der Mannschaft vorgetragen. Mit unmißverständlichen Worten, wie es hieß.

Immer wieder in den vergangenen Jahren des stetigen Kommerzes im Fußball war das Thema von den Spielern der Nationalmannschaft auf die Agenda gehoben worden. Bislang konnte der DFB die Sache abbiegen, doch mit dem Schub des WM-Erfolgs scheinen die besten deutschen Fußballprofis neuen Mut gefaßt zu haben, sich ihren Teil der Vermarktung zu sichern. Elf der 17 für das Länderspiel gegen Schweden nominierten Nationalspieler treten in ihren Klubs nicht mit Adidas-Schuhen gegen den Ball. Sie haben Verträge mit den Firmen Nike, Puma oder Lotto. Offiziell heißt es beim DFB, die Profis bestünden aus gesundheitlichen, sozusagen fußschonenden Gründen auf ihrem persönlichen Lieblingsschuh, doch hinter dem Anliegen stehen in Wirklichkeit wirtschaftliche Interessen. Die Sportartikelfirmen als Werbepartner machen Druck, die Spieler können mit weiteren Einkünften rechnen, was auch deren Berater umtreibt.

„Die Spieler werden spielen“

Bierhoff machte nicht den Eindruck, als ob er die Spieler nicht verstünde. Auch wenn er vorgab, daß man den im vergangenen Jahr bis 2010 verlängerten Vertrag mit Adidas „respektieren“ wolle. Bis Ende Juli warb Bierhoff selbst für den Adidas-Rivalen Nike. Viel spricht nun für eine Einigung im Sinne der Spieler und damit eine Anpassung an die international üblichen Verhältnisse - mag damit auch eine kleine Abstufung der jährlich an den DFB überwiesenen Adidas-Millionen verbunden sein. „Die Spieler werden spielen. Aber ich habe Verständnis dafür, daß die Schuhe für einen Fußballer wichtiger als die Trikots sind“, sagte der Geschäftsführende DFB-Präsident Theo Zwanziger.

Die Machtverhältnisse rund um die Nationalmannschaft sortieren sich nach dem Weggang der Lichtgestalt Klinsmann neu. Für Bierhoff und Löw geht es dabei auch um die Frage der Kompetenzen, wie die vor zwei Jahren aufgenommene Reformbewegung mit den Ideen des Sportdirektors Matthias Sammer in Einklang gebracht werden kann. Dies betrifft die Arbeit im Jugend- und Juniorenbereich des DFB. Als „vollkommenen Schwachsinn“ bezeichnete Bierhoff die Diskussion um einen internen Machtkampf mit Sammer. Allerdings ist das Zusammenwirken der neuen Chefs und früheren Nationalmannschaftskollegen ausbaufähig. „Wichtig ist, wie die Aufgabenteilung aussieht. Eine Abstimmung ist unbedingt notwendig“, sagte Bierhoff gestern. Zwanziger appelliert an den Gemeinsinn der Hauptbeteiligten und setzt auf „kluge Köpfe“. Vorerst aber geht es darum, die Claims abzustecken.

Quelle: F.A.Z. vom 16. August 2006
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Jahrgang 1965, Sportredakteur.

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