Heute weiß man, dass die Ära Löw vor exakt einem Jahr auf ihrem Höhepunkt war. Die Deutschen fegten im November 2011 die Niederlande mit ungeahnter Leichtigkeit hinweg. Dieser Sieg im großen Nachbarduell aber war mehr als nur ein Sieg. Er war ein Kunstwerk. So brillant wie bei diesem 3:0 in Hamburg hatte eine deutsche Nationalmannschaft seit Jahrzehnten nicht gespielt. Es war ein Fußball, den sich die Deutschen kaum zu erträumen gewagt hatten, von dem sie vor ein paar Jahren nicht einmal ahnten, dass sie ihn spielen konnten. Und Joachim Löw war es, der diesen Fußball geschaffen hat.
Die Gala von Hamburg enthielt aber auch ein Versprechen. Denn dass Schönheit kein Selbstzweck ist, gehört zum deutschen Fußballselbstverständnis. Eine verspielte Europameisterschaft und eine verschenkte 4:0-Führung gegen Schweden später trifft die Nationalmannschaft an diesem Mittwoch (20.30 Uhr/ live in ARD und F.A.Z.-Liveticker) wieder auf Holland. Am Tag vor dem Spiel wird Löw auf der Pressekonferenz gefragt, ob seine Mannschaft spielerisch immer noch besser als die holländische sei. Es ist die Frage eines Holländers. Löw ist in seinem Element, er spricht vom Ballbesitz- und Offensivspiel, dass die Holländer seit dreißig Jahren lernen, und dass sie immer noch zu einem der spielstärksten Teams der Welt gehörten. „Aber wir haben spielerisch aufgeholt, wir haben Holland zweimal hintereinander geschlagen.
Löw muss kämpfen
Wir haben es geschafft, einen solchen Gegner auch mal spielerisch zu dominieren.“ Es ist eine letzte Reminiszenz an die leichten Tage vor der EM, als der spielerische Glanz auch den großen Gewinn versprach. In Deutschland werden dem Bundestrainer mittlerweile andere Fragen gestellt. Sie drehen sich darum, was dem Team fehlt. Was geschehen muss, um das schöne Spiel zum Erfolg zu führen. Es geht um Defensivarbeit, deutsche Tugenden, um Hierarchie und Führung. Die Fragen sind spätestens nach dem 4:4 gegen die Schweden so drängend geworden, dass Löw nun in seiner „schwierigsten Phase“ als Bundestrainer steckt, wie er zuletzt sagte, eine Phase, die schon vier, fünf Monate dauert. Ob sie sich zum Dauerzustand bis zur WM ausweitet, ist nicht ausgeschlossen.
Löw muss kämpfen. Zum ersten Mal, seit er die Nationalelf im Sommer 2006 übernahm. Aber noch weiß man nicht, ob der Begründer des schönen neuen deutschen Fußballs das kann. Schon die erste Frage eines deutschen Reporters zeigt in Amsterdam die neue Richtung an. Der holländische Trainer Louis van Gaal habe gesagt, Löw sei ein guter Trainer, aber was ihm fehle, sei Erfolg. Der Bundestrainer hält zunächst ein paar Komplimente für den ehemaligen Bayern-Trainer bereit, dann kontert er: „Es ist auch gut für einen Nationaltrainer, sich für ein Turnier zu qualifizieren. Dass hat er beim letzten Mal ja nicht geschafft.“ Der Bundestrainer hat den Angriff abgewehrt, spielerisch. Ganz so, wie er sich das auch von seiner Mannschaft auf dem Fußballplatz bei Attacken wünscht.
Eine kleine Medienoffensive
„Es wird viel von deutschen Tugenden gesprochen“, fuhr Löw fort. „Aber man muss auch den Mut haben zu sagen, dass die deutschen Tugenden heute auch technisch gut ausgebildete Spieler sind, ein technisch gutes Spiel - Angriffsfußball. Das wollen wir fördern.“ Jahrelang erschien Löw wie Deutschlands bester Fußballingenieur, einer, der sein Team immer weiter optimiert nach seinem Bild vom attraktiven Fußball. Nun aber ist er auch als Krisenmanager gefragt, als Sanierer der Defensive, als Motivator nach Rückschlägen. „Zwei Dinge“ seien ihm wichtig, sagt er. „Dass wir unserem Spielstil treu bleiben können - schnelles Spiel und Ballsicherheit. Und dass wir unsere Grundordnung herstellen.“ Die Balance zu finden, dass sei das Thema der nächsten Monate.
Man kann mittlerweile - wenn Löw unverdrossen die deutsche Spielstärke preist, die gar nicht in Frage gestellt wird - auf den Gedanken kommen, dass sich der Bundestrainer, der in Deutschland den Rumpelfußball erledigt hat, ungerecht behandelt fühlt, dass er glaubt, seine Leistung der vergangenen Jahre würde nicht gebührend gewürdigt. Löw hatte zuletzt eine kleine Medienoffensive nach dem 4:4 gegen Schweden gestartet. Er verteidigte vor allem seinen bisherigen Weg.
Auch nach seiner ersten Pressekonferenz seit dem Absturz von Berlin kann man schwerlich behaupten, dass der Bundestrainer in eine neue Rolle geschlüpft wäre. Man weiß nicht mal, ob er sie überhaupt annehmen will - und damit auch die Kritik an seiner Arbeit, die damit verbunden ist. „Die Menschen sprechen mich eher auf die ersten 60 Minuten gegen die Schweden an als auf die halbe Stunde danach“, sagte Löw vor ein paar Tagen in einem Interview mit dem „Kölner Express.“ Das klang trotzig, fast so, als wolle er die offenkundigen Schwächen ausblenden, zumindest aber überblenden. Und er fügte hinzu: „Die Kritik, die nach dem Aus gegen Italien aufkam, habe ich nicht auf meine Person bezogen.“ Warum eigentlich nicht?
In Amsterdam fehlen acht Stammkräfte, so viele wie lange nicht. Löw trat dem Eindruck entgegen, dass die Profis das Test-Länderspiel nicht mehr ganz so wichtig nähmen und sich im Zweifel für ihre Klubaufgaben schonten. Auch Marcel Schmelzer ist nicht dabei. Fußprellung. Am Wochenende hatte der Dortmunder allerdings schon auf sich aufmerksam gemacht. Er äußerte sich erstmals zu der Kritik von Löw, der in aller Öffentlichkeit vor dem Spiel im Oktober in Irland gesagt hatte, er könne sich keinen anderen Verteidiger schnitzen, und so müsse er es eben weiter mit Schmelzer probieren.
„Ich bin aus allen Wolken gefallen“, sagte der Dortmunder in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“. Mitspieler Mario Götze, an den er sich mit seiner Sorge wendete, sagte ihm, dass es so nicht gehe und dass er sich nichts habe zuschulden kommen lassen. „Ich war immer schon ein Typ, der über Vertrauen funktioniert und nie über Druck“, sagte Schmelzer. „Vertrauen gibt mir Selbstvertrauen. Ich weiß, dass in Dortmund alle Vertrauen in mich haben.“ Man kann nun in mancherlei Hinsicht sagen, dass bei der Nationalelf Vertrauen verloren gegangen ist.
Sein Motto: Weiter so
Manuel Neuer hat sich zuletzt auch Gedanken gemacht. „Vielleicht muss einfach mal im Vordergrund stehen: Wir spielen heute zu null“, sagte der Bayern-Torhüter nach dem 4:4 im „Kicker“. Er würde sich dies als „Hauptvorgabe“ für ein Länderspiel wünschen. Sie dürften die elementaren Dinge des Fußballs nicht vergessen. Auch beim 2:1 in Österreich oder beim 4:2 im EM-Viertelfinale gegen Griechenland hätten sie Gegentore bekommen „wie es schlimmer nicht mehr geht. Wir müssen alle defensiver denken“, forderte Neuer. Löw erklärte in Amsterdam: „Wir wollen unsere Offensiv-Spielweise absolut beibehalten - aber wir müssen an einigen Dingen in der Defensive arbeiten.“
Die sportliche Frage jedoch, die über allen anderen steht, und die auch das Missvergnügen nach der EM stärker begründete als die bloße Niederlage gegen Italien: Schafft es die Nationalelf - aktuelle Defensivschwäche hin oder her - beim nächsten Saisonhöhepunkt ihre Bestleistung zu zeigen, oder gar über sich hinauszuwachsen? Das ist der Anspruch, den Sportler an sich selbst haben müssen, aber den die Nationalelf unter Löw bisher nicht erfüllt hat. Das ist etwas ganz anderes als eine plumpe Titelforderung, die der Bundestrainer kritisiert.
Löw räumte in Amsterdam ein, dass sein Team Probleme hat, wenn etwas „Außergewöhnliches“ geschehe auf dem Platz. Da muss sich also auch etwas ändern bis zur Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien. Aber was? Die Signale, die der Bundestrainer seit dem Sommer sendet, stehen nicht unbedingt für Veränderung oder neue Reize. Das Motto von Jogi Löw zum Ende eines Jahres, das so einiges auf den Kopf gestellt hat in seiner Fußballwelt, lautet: weiter so.
Es gibt momentan nur drei...
Thomas Kobler (ThomasKobler)
- 14.11.2012, 16:20 Uhr