Home
http://www.faz.net/-gtm-74a0m
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Nationalmannschaft Neue Power aus dem Pott

 ·  Die Dortmunder kehren in halber Mannschaftsstärke zur Nationalelf zurück. Gelingt es Bundestrainer Löw gegen die Niederlande, den mitreißenden BVB-Faktor ins schwankende DFB-Team zu integrieren?

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (2)
© dpa Dortmunder Tatkraft: Kommen Götze und Reus nun auch im Nationalteam mehr zum Zug?

Wenn sich das Fußballjahr dem Ende entgegenneigt und Joachim Löw Bilanz zieht, ist das bisher immer eine leichte Übung für den Bundestrainer gewesen. Eine rhetorische Standardsituation sozusagen. Der Bundestrainer lieferte fundierte Analysen über die Nationalmannschaft sowie über den deutschen Klubfußball, und was er seit 2006 dabei zur Lage des deutschen Fußballs zur Sprache brachte, verlief stets nach demselben Muster - und immer mit demselben Ergebnis.

Joachim Löw erinnert die deutschen Fußballfans seit 2006 regelmäßig daran, dass der Abstand der Bundesliga zu den europäischen Spitzenligen zu groß sei, dass die deutschen Spieler zu wenig Einsätze und Erfolge in der Champions League vorweisen könnten und dass noch hart gearbeitet werden müsse, bis sich daran etwas ändern werde. Und was viele Klubs, die an ihr international mittelmäßiges Dasein in der schönen Bundesligawelt nur ungern erinnert werden wollten, dabei am meisten ärgerte, war die Tatsache, dass die Nationalmannschaft trotz der schlechteren Voraussetzungen international weit bessere Ergebnisse lieferte - und sich scheinbar schnurgerade immer weiter in die richtige Richtung entwickelte.

Löw achtete dabei sehr genau auf seine Worte, um die Klubs nicht über Gebühr zu reizen, und meistens schwiegen die Bundesliga-Größen auch, aber nur, weil die Ergebnisse dies verlangten. Also ballten sie nur die Faust in der Tasche.

Bundesliga ist das neue Kraftzentrum

Zum Jahresende 2012 aber ist alles anders. Die Nationalmannschaft hat in diesem Jahr ihren Führungsanspruch weitgehend eingebüßt, die Bundesliga hat sich zum Kraftzentrum des deutschen Fußballs entwickelt.

In der Amtszeit von Löw (und seines Vorgängers Jürgen Klinsmann) hatte es so etwas noch nicht gegeben: Vor dem letzten Länderspiel des Jahres an diesem Mittwoch in Amsterdam gegen die Niederlande steckt der Nationalmannschaft noch das lachhafte 4:4 aus der WM-Qualifikation gegen Schweden in den Knochen. Jener kollektive Kollaps, der in Berlin in einer halben Stunde einen Vorsprung von vier Toren kostete, der Enttäuschung aus dem EM-Halbfinale gegen Italien neue Nahrung gab und als Ballast bis zur Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien nicht verschwinden wird.

Erfolge in Europa

Die Bundesliga indes strahlt im November in Europa wie noch nie in der Geschichte der Champions League - und wie kein anderer Klub steht Borussia Dortmund für diese nachholende Entwicklung. „Wir haben dramatisch aufgeholt, brauchen uns vor keiner Liga der Welt zu verstecken“, sagte Hans-Joachim Watzke, der Vorsitzende der Geschäftsführung von Borussia Dortmund, nach dem 2:2 des deutschen Meisters am Dienstag bei Real Madrid. Den unmittelbaren Vergleich gegen den spanischen Meister hat der BVB in der Gruppenphase nach dem 2:1 im Hinspiel sogar gewonnen, dem Tabellenführer fehlt nur noch ein Unentschieden gegen Ajax Amsterdam, um in der stärksten Gruppe vorzeitig das Achtelfinale zu erreichen.

„Natürlich haben unsere Spieler international einen Schritt nach vorn gemacht. Sie können jetzt härtesten Prüfungen standhalten. Das hat sicher auch den Bundestrainer beeindruckt“, sagt Watzke: „Joachim Löw weiß, was er will, und muss die Entscheidungen treffen. Aber es gibt keinen Grund mehr, mangelnde internationale Erfahrung als Argument anzuführen.“

Respekt vor der Borussia

Das Lob über die internationale Reifung der Dortmunder ist mittlerweile grenzüberschreitend. Jetzt reden auch die besten Adressen über die Borussia mit solchem Respekt, wie es seit Jahrzehnten nur der FC Bayern und seit 2006 auch die Nationalelf gewohnt waren. „An Real Madrid und Barcelona führt kein Weg vorbei, das ist klar. Aber ich glaube wirklich, dass Dortmund ebenfalls um den Titel mitspielen wird“, sagte Alex Ferguson, der Trainer vom Manchester United, in der BBC. Diese drei Teams haben herausragende Titelchancen, und ich hoffe, wir ebenfalls.“ Der Madrider Trainer José Mourinho stellte kurz und bündig fest: „Wenn die Borussia das Achtelfinale erreicht, kann sie diesen Wettbewerb gewinnen.“

Der Boom der Bundesliga in Europa ist flächendeckend - neben dem FC Bayern und Schalke in der Champions League haben auch Mönchengladbach und Stuttgart in der Europa League die Chance, die Gruppenphase zu überstehen. Leverkusen und Hannover sind in diesem Wettbewerb schon weiter. In der laufenden Saison verbuchte die Bundesliga bei ihren Auftritten bisher 8,357 Punkte. Die spanische Primera Division kommt auf 8,285 und die englische Premier League auf 8,000 Punkte - die Bundesliga ist derzeit Spitze in Europa.

Dortmunder Element nur schwach ausgeprägt

Man kann diese Entwicklung auch poetischer ausdrücken, die Zeitung „El Mundo“ hat das getan: „Es war nicht die Maske des Sebastian Kehl, die den Madrilenen Angst und Schrecken einflößte. Das eigentlich Furchterregende der Borussia trug das Gesicht der Unschuld“, hieß es in dem Madrider Blatt unter Anspielung auf das Alter der Dortmunder Mittelfeldspieler Götze, Reus und Gündogan. Und mit dem internationalen Dortmunder Aufschwung rückt auch die Frage für die Nationalmannschaft in den Blick, wie Löw die Power und das Potential aus dem Pott für sein Team nutzbar macht - eine Aufgabe, die weit über das letzte Testspiel des Jahres gegen die Niederlande hinausweist.

Bisher ist das Dortmunder Element noch immer vergleichsweise schwach ausgeprägt. Beim Fiasko gegen Schweden standen sieben Bayern in der Startformation - und nur Reus vom BVB. Schmelzer und Hummels fehlten wegen Verletzungen, nun gehören sie ebenso wieder zum Kader wie auch Götze und Gündogan. Löw hatte seinen Verzicht auf eine stärkere BVB-Note in seinem Kader zuletzt immer mit den höheren Anforderungen begründet, die in der Nationalelf nötig seien. Nach den eindrucksvollen Auftritten gegen Madrid und Manchester ist mit diesem Argument nicht mehr viel zu gewinnen. Noch im Oktober hatte der Bundestrainer dem nun verletzunsgbedingt fehlenden BVB-Verteidiger Schmelzer klargemacht: „Für allerhöchste Qualitätsansprüche braucht er noch ein bisschen Zeit. Er muss sich international an Tempo, Dynamik und Druck gewöhnen.“

Alle fünf können in die Startelf

Die Dortmunder haben diesen Hinweis auch als Beleg für die ihrer Ansicht nach immer noch mangelnde Akzeptanz im DFB-Team empfunden, darunter hatte auch schon das Klima bei der EM gelitten. Die mit internationalen Komplimenten überhäuften Borussen kehren nun in halber Mannschaftsstärke zur Nationalelf zurück.

„Alle fünf können Tag und Nacht unter den ersten elf spielen und sind in der Lage, der Mannschaft zu helfen“, sagt Watzke. Die Dortmunder Ansprüche steigen, und die Frage lautet, ob es dem Bundestrainer gelingt, den mitreißenden BVB-Faktor ins schwankende DFB-Team zu übersetzen.

Die Bundesliga strahlt im November in Europa wie noch nie in der Geschichte der Champions League - und wie kein anderer Klub steht Dortmund für diese nachholende Entwicklung. „Alle fünf können Tag und Nacht unter den ersten elf spielen und sind in der Lage, der Nationalmannschaft zu helfen.“ Borussia-Chef Hans-Joachim Watzke

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

Jüngste Beiträge

Umfrage

Wer gewinnt das Champions-League-Finale 2013?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

Jahre des Versagens

Von Paul Ingendaay

Die Zeit von José Mourinho bei Real Madrid ist abgelaufen. Der unbequeme Trainer ist aber nicht der einzige Grund für die Misere des Klubs. Präsident Pérez regiert mit beispielloser Ahnungslosigkeit. Mehr 2 9