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Nationalmannschaft Müller hat alles im Blick

05.09.2010 ·  Starker Auftritt in Brüssel: Jungstar Thomas Müller rettet den WM-Schwung in den Alltag des ersten EM-Qualifikationsspiel gegen Belgien hinüber. Beim 1:0-Sieg lieferte er nicht nur wegen der Vorlage zum Siegtor eine überzeugende Leistung ab.

Von Christian Kamp, Brüssel
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Das Tor von Brüssel war eine Sache unter Bayern: Van Buytens Fehler, Schweinsteigers Balleroberung, Müllers Geistesblitz, schließlich Kloses kühle Vollendung – falls Louis van Gaal, der Trainer der Münchner Klubkollegen, das Spiel verfolgt hat, gab es für ihn einiges zu sehen in dieser 51. Minute. Und einen flüchtigen Gedanken, der ihm kürzlich in der Bundesliga gekommen war, kann er getrost wieder vergessen nach dem 1:0-Sieg der deutschen Mannschaft in Belgien: Dass Thomas Müller, der WM-Shootingstar, seinen Orientierungssinn verloren haben könnte.

Müller hatte alles im Blick in der entscheidenden Szene am Freitagabend: Der Pass auf Klose war ein Musterbeispiel dafür, wie Intuition und Orientierung, komprimiert in einen Sekundenbruchteil, einen engen Raum plötzlich öffnen können. So wie das bei der Weltmeisterschaft immer wieder funktioniert hatte - im deutschen Team allgemein, aber auch bei Müller selbst. Für ihn war es im Grunde derselbe Mechanismus wie in Südafrika, der zum Siegtor gegen Belgien führte: „Das war unsere Stärke bei der WM“, sagte er, „Schnell umschalten und dann rein.“ Was in Müllers Worten so lapidar klingt, ist nicht selbstverständlich. Denn natürlich hat die WM einiges verändert im Leben des Thomas Müller, das betrifft den Privatmann genauso wie den Fußballprofi.

Neuerdings ist Müller, der 20 Jahre alte Aufsteiger aus Weilheim in Oberbayern, eine Berühmtheit mit Popstar-Appeal. Als er kürzlich etwas zu schnell mit dem Auto unterwegs war und in eine Verkehrskontrolle geriet, fand er sich, von einem Leserreporter fotografiert, großformatig in einem Boulevardblatt wieder. „Das Leben in der Öffentlichkeit ist schwieriger geworden“, sagt er. Vor allem aber sind auf dem Platz die Erwartungen an einen WM-Schützenkönig größer als an einen, der gerade erst den Sprung zu den Profis geschafft hat.

Das zeigte sich in van Gaals Kritik, als Müller vor einer Woche beim 0:2 in Kaiserslautern die Chance zur Führung vergeben und dabei zwei Mitspieler nicht bedient hatte. Es war eine Szene, wie sie jedem Torjäger mal passieren kann. Van Gaal zürnte dennoch. „Wir sind bei Bayern München“, schimpfte er, „da muss man Orientierung haben.“ Müller nahm es mit der ihm eigenen Gelassenheit. Van Gaal habe ja recht, sagte er. Zum Sündenbock aber fühlte er sich nicht gemacht. Es gehört zu Müllers Stärken, die Dinge - egal, ob positiv oder negativ - mit viel Bodenhaftung zu registrieren und zu verarbeiten.

Der effektive Herr Müller

Dass mit ihm auch in dieser Saison zu rechnen sein wird, hatte er am ersten Spieltag mit seinem wunderbaren Tor gegen Wolfsburg gezeigt. Im Nationaltrikot knüpfte er gegen Belgien an seine dynamischen und vor allem geradlinigen Auftritte bei der WM an. Einer wie er ist im offensiven Mittelfeld immer gefragt. Mesut Özil mag der spektakulärere Fußballer sein, der effektivere ist oft Müller. Und dass auf den zu Launen neigenden Lukas Podolski auch in der Nationalmannschaft nicht immer Verlass ist, zeigte sich in Brüssel deutlich. Das einzige, was Müller zu einem rundum gelungenen Auftritt fehlte, war ein Tor. Dass daraus nichts wurde, hatte jedoch weniger mit ihm als mit dem belgischen Torwart Bailly zu tun, der einen Kopfball (22. Minute) und einen Direktschuss (70.) Müllers parierte.

Was also meint Louis van Gaal eigentlich, wenn er über Müller sagt, dass er „diese Saison Probleme bekommen wird“? Vermutlich ahnt der erfahrene Coach, dass die Entwicklung eines jungen Spielers, egal wie vielversprechend sie beginnt, nie geradlinig verlaufen kann. Müller mag noch mehr als andere den WM-Schwung in den Alltag herübergerettet haben. Doch die Tage werden kommen, in denen die Kräfte schwinden und auch der Geist ein wenig Ruhe und Erholung braucht. Er wird es richtig einzuschätzen wissen, van Gaal, sein großer Förderer, sowieso.

Van Gaals Sorgenkind heißt van Buyten

Wenn nach dem Abend von Brüssel es etwas gibt, worüber der Bayern-Trainer sich aktuell Gedanken machen muss, dann ist es weniger Müllers Raumgefühl, sondern eher die Frage, ob seine Innenverteidigung internationalen Ansprüchen genügt. Zwar hat Holger Badstuber seine Sache an der Seite von Per Mertesacker ordentlich gemacht und wurde auch von Bundestrainer Löw mit Lob bedacht.

Van Buytens Lapsus aber wird bei van Gaal nur wenig Verständnis gefunden haben. So sehr Müllers Geistesblitz aus deutscher Sicht eine Großtat war - aus belgischer war es ein anderer Bayer, der den Ausschlag gab.

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Jahrgang 1974, Sportredakteur.

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