31.08.2011 · Vor dem Länderspiel gegen Österreich geht Bundestrainer Joachim Löw auf Abstand zu Fußball-Profi und Buchautor Philipp Lahm. Der gibt sich reumütig und darf Kapitän bleiben.
Von Christian Kamp, DüsseldorfDie Lautstärkeregler hatte niemand hochgedreht. Es war schon Joachim Löw selbst, der seiner Stimme plötzlich zusätzliche Wucht verlieh. „Es stört mich“, sagte der Bundestrainer, „dass wir bei der Nationalmannschaft ständig andere Dinge diskutieren.“ Und in deutlich erhöhter Phonstärke versuchte Löw das Thema in den Vordergrund zu rücken, das aus seiner Sicht doch alle Aufmerksamkeit verdient – die fußballerische Entwicklung seines Teams, die er noch einmal in Schlaglichtern pries: große Nationen geschlagen, dabei spielerisch dominiert, etliche junge Kräfte integriert, und das alles noch mit Luft nach oben.
„Das hat für mich höchste Priorität“, betonte Löw. Aber hören wollte das niemand. Es ging wieder einmal um Störgeräusche nichtsportlicher Natur am Dienstagnachmittag bei der ersten Pressekonferenz des Teams vor dem EM-Qualifikationsspiel am Freitag gegen Österreich (20.45 Uhr, ZDF live). Ein Buch war zwar weit und breit nicht zu entdecken im Foyer des Düsseldorfer Messezentrums. Aber natürlich machte schon die Besetzung des Podiums deutlich, dass hier Philipp Lahms Autobiographie und deren kritische Rezeption in der deutschen Fußballszene verhandelt werden sollte – und das, so die Hoffnung von Löw und der Teamführung, am besten abschließend.
Der autoritäre (wenngleich nicht sonderlich strenge) Herr Löw und der reumütige Kapitän, das war das zentrale Motiv, das von der kleinen Aufführung am Dienstag hängenbleiben sollte. Löw, demonstrativ in der Mitte des Podiums und förmlich in grauen Zwirn gekleidet, machte noch einmal deutlich, was er Lahm schon am Vorabend im Beisein des Trainergespanns und von Teammanager Oliver Bierhoff vermittelt hatte. Er finde es „nicht glücklich“, sagte Löw, wenn ein noch aktiver Spieler sich über frühere Trainer despektierlich äußere, so wie es Lahm über den früheren Bundestrainer Rudi Völler sowie die ehemaligen Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann, Felix Magath und Louis van Gaal und deren Arbeitsmethoden getan hatte. „Ich bin der Meinung, das steht niemandem zu“, betonte Löw. Lahm, im Trainingsanzug und am äußersten Rand des Podiums, nahm die Kritik allem Anschein nach an. „Wenn der Trainer das so will, werde ich mich daran halten“, sagte er.
Dass Löw es bei einer Rüge belassen und auf weitergehende Konsequenzen verzichten würde, war schon vorher abzusehen gewesen. Den Entzug der Kapitänsbinde hatte Teammanager Bierhoff in der ersten offiziellen Reaktion auf den Vorabdruck von Auszügen in der „Bild“-Zeitung ausgeschlossen. Auch Löw berichtete am Dienstag, dass es „keine Diskussion“ gegeben habe, „ob wir ihn als Kapitän absetzen“. Er begründete das damit, dass die Teamführung nach ausführlicher Lektüre zu der Meinung gekommen sei, dass „keine Interna aus der Mannschaft gegeben worden sind“. Darin schloss Löw ausdrücklich die Passagen ein, in denen Lahm über ein zänkisches Binnenklima während der EM 2008 berichtet hatte. Lahm schloss sich dieser Interpretation an: „In diesem Buch stehen keine Interna“, sagte er. Dass aber vielleicht gar nicht so sehr die vermeintlich kritischen Passagen als solche anstößig sind, sondern die Art und Weise, wie er sie benutzte, um das Buch zu vermarkten und sich als kritischen Geist zu positionieren (nicht zum ersten Mal) – auf einen solchen Gedanken wollte Lahm sich nicht einlassen.
Die entscheidende Frage ließ sich am Dienstag ohnehin noch nicht beantworten: Inwieweit die Causa Lahm geeignet ist, das Miteinander im Nationalteam über den Tag hinaus zu stören. Lahm berichtete zwar, dass er in der Mannschaft nicht anders aufgenommen worden sei als sonst; schon seine Bayern-Kollegen hatten den Wirbel am Wochenende eher amüsiert zur Kenntnis genommen. Und Löw betonte, dass sein Verhältnis zu Lahm, den er als „authentisch, ehrlich und klar in seinen Vorstellungen“ kenne, „selbstverständlich“ vertrauensvoll bleiben werde. Ein Sieg gegen Österreich, der die vorzeitige Qualifikation für die EM in Polen und der Ukraine bedeuten würde, hätte zusätzliche Verdrängungskraft.
Und doch ist nicht auszuschließen, dass mit der kurzfristigen Befriedung die eigentliche Sprengkraft noch nicht beseitigt ist. So wird der Name Lahm bei künftigen disziplinarischen Verstößen in einer Reihe mit anderen genannt werden, die sich mit Löws nicht immer stringenter Sanktionslinie verbinden: die vergleichsweise streng behandelten Ballack (nach kritischem Interview – ebenfalls als Kapitän) und vor allem Kuranyi (nach Tribünenflucht) einerseits sowie der mit großer Milde bedachte Podolski (nach Ohrfeige gegen Ballack) andererseits. Und dann gibt es noch die Möglichkeit, dass die betont ernsten Gesichter, mit denen Lahm und Löw die Düsseldorfer Pressekonferenz absolvierten, nicht nur im Drehbuch standen, sondern tatsächlich etwas von der Gemütslage der beiden Männer verrieten. Wenn man es so betrachtete, saß da ein gut meinender Lehrer, der ausgerechnet von seinem Primus und Klassensprecher arg enttäuscht worden war.
Lasst die Kirche im Dorf........
wolf haupricht (emilgilels)
- 31.08.2011, 15:08 Uhr
das Recht auf freie Meinungsäußerung gilt auch für Fußballer
Henriette Nachtblau (natoll2050)
- 31.08.2011, 14:17 Uhr
Löw und Lahm
Klaus Rösch (klbr)
- 31.08.2011, 11:36 Uhr
Lahmer Löw und knurriger lahm
Tatiana Schmidt (tatiane)
- 31.08.2011, 07:27 Uhr
Fussballbuben
Ralph Wolffs (rawpho)
- 31.08.2011, 01:25 Uhr