Jürgen Klinsmann macht sich große Sorgen um die nötige WM-Fitness seiner Nationalspieler. Die Beobachtungen der vergangenen Länderspiele, vor allem aber die Ergebnisse des im Frühjahr praktizierten Leistungstests haben dem Bundestrainer die körperlichen Defizite der besten deutschen Fußballer vor Augen geführt.
„Wir haben Erkenntnisse gesammelt, die im ersten Moment vielleicht negativ klingen“, lautete seine Bestandsaufnahme zum Auftakt des Trainingslagers für den Confederations Cup. Assistent Joachim Löw beschrieb die Resultate der Fitness-Überprüfung mit den Worten: „Ganz wenige Spieler sind in allen Bereichen top.“
„Bei jedem können bis 30 Prozent mehr kommen“
Für Klinsmann hatte sich schon in den Testspielen gegen Brasilien (1:1) und Argentinien (2:2) abgezeichnet, daß die DFB-Profis den von ihm neu verordneten Tempofußball konditionell nicht durchhalten können. „Da haben wir jeweils 60 bis 65 Minuten super mitgespielt, aber dann wurde die Luft dünner. Wir haben Schwierigkeiten bekommen und den Gegner so wieder ins Spiel gebracht“, analysierte der 40jährige. Auch beim anstehenden Acht-Nationen-Turnier muß man sich wohl darauf einstellen, daß der Gastgeber nicht auf die einst als typisch deutsche Tugend gepriesene physische Überlegenheit setzen kann. „Es ist nicht möglich, in vier Wochen großartig etwas zu ändern“, räumte Klinsmann ein.
Langfristig im Hinblick auf die WM aber sieht er ein großes Potential in seiner Mannschaft. „Wir im Trainerstab sind der Meinung, daß bei allen Spielern, auch bei unseren Topspielern, noch Raum zur Leistungsoptimierung da ist. Bei wirklich jedem können noch 20 bis 30 Prozent mehr kommen“, bemerkte Klinsmann. Um aber diese Reserven bis zum großen WM-Ziel auszuschöpfen, müsse jeder Einzelne mehr tun als in der Vergangenheit. „Wir erwarten von den Spielern in der nächsten Saison Zusatzschichten, daß sie herausstechen in ihren Vereinen, daß sie mehr machen als alle anderen“, erklärte Klinsmann.
„Druck machen, über 90, notfalls auch 120 Minuten“
Wer glaubt, er könne sich trotz der Warnungen des Bundestrainers mit angezogener Handbremse durch die WM-Saison manövrieren, dürfte bei der Nominierung des Kaders sein blaues Wunder erleben. „Die nächste Saison ist die Basis für die WM“, betonte Klinsmann. Schon im kommenden September sowie im März 2006 will Klinsmann von seinen amerikanischen Fitnessexperten um Mark Verstegen, die auch derzeit in München das DFB-Team betreuen, weitere Leistungstests durchführen lassen, um die Entwicklung seiner WM-Kandidaten zu überprüfen. „Der Fitnessaspekt ist ein Eckpunkt unserer Arbeit, weil wir Tempofußball spielen wollen. Wir müssen bei der WM Druck machen können, über 90 oder notfalls auch 120 Minuten“, verdeutlichte Klinsmann.
In den zwei Wochen bis zum Eröffnungsspiel um den Confederations Cup am 15. Juni in Frankfurt/Main gegen Australien will er die Spieler mit individuellen Trainingsplänen wieder bestmöglich auf Trab bringen. Dabei sei die Vorbereitung mit der Einweihung der Allianz Arena gegen den FC Bayern sowie den Länderspielen am Samstag in Nordirland sowie vier Tage später in Mönchengladbach gegen Rußland nicht optimal, kritisierte er: „Uns wurde, ehrlich gesagt, dieses Programm vorgegeben. Wir hätten lieber ein Freundschaftsspiel gestrichen zu Gunsten eines kleinen Urlaubs.“ Den gibt's jetzt erst hinterher - möglichst vom 30. Juni an, dem Tag nach dem Confederations-Cup-Finale.