03.03.2008 · Solange sich Auftritte wie gegen Österreich nicht wiederholen, wird es für Jens Lehmann bis zur EM friedlich bleiben. Oliver Kahn als bester Konkurrent ist kein Rivale mehr. Den anderen deutschen Torhütern fehlt es an Konstanz oder am Vertrauen des Bundestrainers.
Von Richard LeipoldDeutschland gilt seit Jahrzehnten als große Torwartnation. Aber wer ist eigentlich der beste deutsche Schlussmann? Bleibt Jens Lehmann bis zur Europameisterschaft die Nummer eins? Und wer könnte ihm diesen Rang gut drei Monate vor Turnierbeginn noch streitig machen? Solche Fragen wühlen das Torwartland zusehends auf, weil Lehmann bei Arsenal London nur zweite Wahl ist und beim jüngsten Länderspiel gegen Österreich einen schlechten Tag hatte, auch wenn er dort ohne Gegentor blieb. "Wenn man die Absicht hat, den Torwart zu wechseln, dann wird es langsam Zeit", sagt Franz Beckenbauer, Bayernpräsident und Zeitungskolumnist.
Da Lehmann bei Arsenal nur sporadisch eingesetzt wird, kann Bundestrainer Joachim Löw seine ganze Aufmerksamkeit abseits der Länderspiele dem Verfolgerfeld widmen. Das Auswahlverfahren vor dieser EM unterscheidet sich grundlegend von der traditionellen Art, die Stelle(n) im deutschen Tor zu besetzen. Seit dem Rücktritt Sepp Maiers fand in zeitlicher Nähe zu den großen Turnieren ein Zweikampf statt, sofern die Nummer eins nicht von vornherein feststand. Die spannendsten Duelle hießen: Schumacher gegen Stein, Illgner gegen Köpke, Kahn gegen Köpke und Lehmann gegen Kahn. Dieses Mal ist das Bewerberfeld unübersichtlicher. "Wir haben genug Leute", sagt Beckenbauer. Aber keinen, von dem sich auf den ersten Blick sagen lässt: Der ist es!
Kahn favorisiert Rost
Theoretisch kämen sieben Kandidaten als Herausforderer des 38 Jahre alten Lehmann in Frage. Praktisch ist der Kreis ein wenig kleiner, weil einige ausscheiden, obwohl sie vielleicht gut genug wären, wenn es allein nach ihrem Leistungsvermögen ginge. Viele Fachleute und Fans nehmen Oliver Kahn in seiner letzten Saison als besten Torwart der Bundesliga wahr. Der Kapitän des FC Bayern sieht das auch selbst so, sagt aber, mit Blick auf die Nationalelf habe er "nicht mehr das Bestreben, die Nummer eins zu sein". Er favorisiere derzeit Frank Rost vom Hamburger SV, "weil er sehr konstant spielt und die nötige Erfahrung mitbringt". Realistische Chancen besitzt Rost jedoch nicht, weil er seit langem aus dem Blickfeld der Bundestrainer geraten ist und als (zu) dominante Persönlichkeit nicht in das Profil passt. Auch Tim Wiese hätte in Kahn einen Fürsprecher. Der Bremer spielt, im Gegensatz zu anderen Bewerbern, seit Jahren mit Werder in der Champions League, hat sich aber bei Löw unbeliebt gemacht: mit allzu forschen, wenn auch zutreffenden Bemerkungen über die Defizite einiger Konkurrenten.
Nach einem fulminanten Karrierestart galt Manuel Neuer von Schalke 04 als aussichtsreichster Newcomer. Allerlei größere und kleinere Fehler haben das vielleicht größte deutsche Torwarttalent in seiner zweiten Bundesligasaison jedoch zurückgeworfen und seine EM-Chancen geschmälert. Rene Adler von Bayer Leverkusen besitzt ähnlich viel Talent wie Neuer, wirkt aber konstanter. Er vermag auch im zweiten Jahr voll zu überzeugen. "Über kurz oder lang sehe ich ihn als Nummer eins im deutschen Tor, wenn auch vielleicht noch nicht bei dieser EM", sagt der Leverkusener Sportdirektor Rudi Völler.
Hildebrand: „Werde irgendwann Nummer eins sein“
Ein Frühstarter wie Neuer und Adler war einst auch Robert Enke, der im Ausland jedoch einen Karriereknick erlitt. Nach allerlei Irrungen und Wirrungen bei Hannover 96 gelandet, wurde er in der Bundesliga wieder zu einer Spitzenkraft. Enke ist zuverlässig und strahlt jederzeit Ruhe aus. Sein Hauptmanko, die fehlende internationale Erfahrung, auszugleichen dürfte ihm jedoch schwerfallen.
Timo Hildebrand gehört von allen Ersatzkandidaten am längsten zum Kreis der Nationalmannschaft und ist seit anderthalb Jahren, also seit dem Rücktritt Kahns, die Nummer zwei. Nach seinem Weggang aus Stuttgart hatte er beim FC Valencia einen schweren Start, kommt dort inzwischen aber besser zurecht. Jüngst rief Hildebrand sich im Pokal-Halbfinale gegen den FC Barcelona mit einer starken Leistung in Erinnerung. "Wenn ich so weiterspiele, werde ich irgendwann Deutschlands Nummer eins sein", behauptet Hildebrand. Er beabsichtige aber nicht, "Jens Lehmann den Krieg zu erklären".
Fazit: Solange sich solche Auftritte wie in Wien nicht wiederholen, wird es für Lehmann friedlich bleiben. Von allen Anwärtern ist er der einzige, der sich in der Nationalelf über einen längeren Zeitraum zu profilieren vermochte. Kahn als bester Konkurrent ist kein Rivale mehr. Nur in allergrößter Not, meint Beckenbauer, zöge es den Bayern-Torhüter wohl doch zur EM: "Wenn Not am Mann wäre, weil der eine Torhüter krank ist, der andere Scharlach hat und der nächste Selbstmord begangen hat."
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |