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Nationalmannschaft Generation Bravo-Sport

09.06.2010 ·  Die deutsche Nationalmannschaft ist so jung wie seit 1934 nicht mehr. Nach dem Ausfall des Routiniers Ballack beträgt der Altersdurchschnitt weniger als 25 Jahre. Der Mangel an Erfahrung ist auch eine Chance.

Von Michael Horeni, Pretoria
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Tobias Zaplata ist in Südafrika Reporter für „Bravo-Sport“ und die Weltmeisterschaft könnte für ihn nicht besser laufen. Es ist fast so, als habe nicht Bundestrainer Joachim Löw den deutschen Kader für diese Weltmeisterschaft nach sportlichen Kriterien zusammen gestellt, sondern Marketingstrategen des Jugendblatts. Die jüngste deutsche WM-Mannschaft seit 1934, ein Team, in dem man mit 28 Jahren schon alt aussieht, überall junge, frische und unverbrauchte Gesichter. Junge Profis mit ihren ganz eigenen Geschichten, mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund, gesegnet mit großem Talent und Ehrgeiz, von Hoffnungen und Träumen getrieben, die man noch nicht so ganz genau kennt. Es sind fast ein Dutzend Nationalspieler, die wie geschaffen sind, Identifikation bei dieser WM zu stiften. Unter einer Voraussetzung: sie gewinnen.

Einer der großen Hoffnungen, eine zentrale Figur im deutschen Team ist Mesut Özil, ein Spieler, von dem der Bundestrainer sagt, dass er dem Spiel eine Dimension hinzufügen kann, die es sonst nicht hat. Bevor Özil von seinen ersten Erfahrungen in Südafrika erzählt, lässt der Reporter des Jugendblatts ein gemeinsames Foto machen. Die Leser, im Schnitt etwa 14 Jahre alt, mögen das, die Nähe zu den Stars.

„Bravo-Sport“ ist so etwas wie ein Seismograph, wie Veränderungen im Fußball bei der Jugend ankommen, und die Veränderung spüren sie. „Es ist schön für uns, dass es so viel aufstrebende Talente gibt. Das hatten wir ja lange nicht“, sagt der Reporter. „Es gab die Poldi-Schweini-Generation, aber das ist abgeebbt. Wir merken jetzt, wie das Interesse wieder steigt. Wir sehen das an Mails, Posteranfragen oder Wünschen nach Geschichten über Özil, Kroos oder Marin. Früher waren das nur Poldi und Schweini.“

In dem Gespräch mit Özil dreht sich alles um ein Thema: Warum sind die Jungen so gut, was können sie erreichen? „Jeder hat Power, jeder will erfolgreich spielen, das sieht man auch auf dem Platz“, sagt der Mittelfeldspieler aus Bremen. Özil spricht ruhig und äußert sich behutsam, und man ahnt nicht, welches Temperament er mit auf den Fußballplatz bringt, wie explosiv und unberechenbar er sich verhalten kann. „Wir sind in den letzten Wochen zusammengewachsen, das sieht man auch außerhalb des Fußballplatzes. Wir haben viel Spaß, wir lachen viel zusammen, jeder kommt mit jedem klar. Daran sieht man, dass wir eine Mannschaft sind.“

Die Lockerheit der jungen deutschen Mannschaft teilt sich in den Gesprächen mit den Spielern nur selten mit, Thomas Müller vom FC Bayern hat schon seinen eigenen Kopf, aber die meisten nähern sich gegenüber der Öffentlichkeit noch tastend. Sie leben erst auf dem Platz auf, und im geschützten Raum der Nationalmannschaft. Die meisten kennen sich schon seit Jahren aus den Nachwuchsteams, nicht zuletzt aus der „U21“, die im vergangenen Sommer die Europameisterschaft gewann.

Schlagartig verjüngt

Der 3:1-Sieg gegen die Auswahl Bosnien-Hercegovinas am vergangenen Donnerstag gilt als Beweis für die jugendliche Stärke. Elan und Esprit, mit Spielwitz und Selbstbewusstsein haben für eine Aufbruchstimmung gesorgt, für Selbstbewusstsein bei den jungen Spielern, worauf viele vor drei Wochen noch nicht zu hoffen wagten. Fast ist man geneigt zu sagen: damals. Damals, als der Ausfall von Kapitän Michael Ballack wie ein „Schock“ auf den Bundestrainer wirkte. Unversehens öffnete sich die große Bühne für das junge Team.

Im Tor mit Manuel Neuer (24 Jahre), mit Bayern-Aufsteiger Holger Badstuber (21) auf der linken Abwehrseite, mit Sami Khedira (23) als Mittelfeldersatz für Ballack und mit Özil (21) als hängender Spitze hat sich die Mannschaft nahezu schlagartig verjüngt. Sie dürften, falls sich niemand verletzt, in der Startformation am Sonntag gegen Australien stehen, dazu kommen noch Müller (20) als erster Einwechselkandidat, Marko Marin (21), der mehr als nur Joker sein will. Kroos (20) hofft im Mittelfeld auf seine Chance, Dennis Aogo (23), Jerome Boateng (22), und Sedar Tasci (23) in der Defensive.

Mertesacker: „Es gibt wieder diesen frischen Wind“

„Die neue Generation ist mutiger und traut sich mehr zu“, sagt Per Mertsacker. Der Innenverteidiger stand bei der WM 2006 mit Podolski, Lahm und Schweinsteiger für den ersten Verjüngungsschub in der Nationalmannschaft, aber der Unterschied zur Generation 2010 ist ihm bewusst. „Es gibt wieder diesen frischen Wind, den auch ich damals gespürt habe. Der Unterschied zu heute ist vielleicht der, dass uns damals direkt gesagt wurde: Ihr vier, ihr spielt sofort.“

Das mit einem Altersdurchschnitt von knapp unter 25 Jahren zweitjüngste deutsche Aufgebot bei einer WM hat auf dem Weg zu seiner Selbstfindung tatsächlich mit besonders widrigen Umständen zu kämpfen. Der neuen Generation fehlt, wie die Betroffenheit und Ratlosigkeit nach Ballacks Ausfall dokumentierte, was für ein junges Team eigentlich als unverzichtbar gilt: Vertrauen. In Südafrika muss eine Notgemeinschaft ran, die Vertrauen nicht übertragen bekam, sondern es sich auf den letzten Drücker selbst erkämpfen musste. Aber sie fühlen sich nicht als Nothelfer, sie sehen nur ihre Chancen. „Es ist eine sehr gute Mischung, erfahrene Spieler wie Arne Friedrich und Klose. Dazu die andere Generation mit Schweinsteiger, Lahm, Trochowski und Jansen, die alle zusammen in den U-Mannschaften gespielt haben. Und dann kommen die Jungen wie Özil, Marin und ich - wir haben auch zusammen gespielt. Die Jungen bringen das Freche mit rein, dass wir uns was trauen, dass wir immer wieder wollen“, sagt Boateng. „Erfahrung haben wir nicht, aber wir wissen, was wir können“, sagt Özil vier Tage vor dem deutschen Auftakt. „Wir sind stark und erfolgshungrig. Das werden wir bei der WM zeigen.“

Das wäre eine Geschichte, wie geschaffen für ein neues Fußball-Märchen: Ein junges Team spielt sich in die Herzen der Fans und triumphiert gegen jede Wahrscheinlichkeit. Es ist auch der Glaube, an die Möglichkeit einer wundersamen Wendung, aus der das deutsche Team in Südafrika seine Kraft zieht. „Es ist unser Traum, den Titel zu gewinnen“, sagt Özil. „Dafür werden wir alles geben.“

Unbelastete Jugend statt Generationenkonflikt

Die Chance, die jungen Kräfte frühzeitig zu stärken, gab es im Herbst 2008. Damals wurde in der Nationalelf ein Generationenkonflikt sichtbar, der schon bei der Europameisterschaft in der Schweiz und Österreich hinter verschlossenen Türen ausbrach. Kapitän Ballack beklagte sich über den Umgang des Bundestrainers mit seinem Kumpel Frings, und in der Folge war eine Absetzung als Kapitän aber auch ein Rückzug aus der Nationalelf im Gespräch.

Es gibt erfolgreiche Trainer, die Löw dazu geraten hätten, schon in diesem Moment auf Ballack zu verzichten - und den jungen Nationalspieler damit aktiv das Vertrauen auszusprechen. Stattdessen stieg der Stellenwert des Kapitäns noch weiter, seine überragende Bedeutung ist noch heute in zahlreichen Werbespots zu sehen.

Aber sie wirken nach drei Wochen schon wie aus einer anderen Zeit. Aber wie wollen die Özils, Badstubers und Khediras die fehlende Erfahrung ausgleichen, in der Vorrunde und danach gegen die Topmannschaften? Özil sagt dazu einen entwaffnenden Satz, den nur die Jugend sagen kann: „Wir sind jung und wir sind stark.“ (siehe auch: Fußball-Legende Weber: „Erfahrung ist unersetzlich“)

Die Analyse der deutschen Nationalmannschaft ist Teil der Sonderbeilage zur Fußball-Weltmeisterschaft der F.A.Z. vom Donnerstag, 10. Juni.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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