RUIT. Aus dem vollen schöpfen kann Rudi Völler wie so oft auch am Mittwoch beim Stuttgarter Länderspiel gegen Italien nicht. Doch der Teamchef des Deutschen Fußball-Bundes klagt darüber nicht. Daß neben sechs Langzeitverletzten nun auch sein Mittelfeldstratege Michael Ballack ebenso wie der an einer Bauchmuskelverletzung leidende Berliner Verteidiger Arne Friedrich passen müssen, kann er durch Worte sowieso nicht ändern. "Das ist zwar ein bißchen viel im Moment", sagt der unerschütterliche Cheftrainer des Weltmeisterschaftszweiten vor dem ersten Belastungstest in der neuen Saison, "aber man muß versuchen, das Beste draus zu machen."
Mit diesem Satz ist auch schon Völlers Arbeitsmotto hinreichend genau beschrieben. Schließlich muß er sich kurz vor den wichtigen Europameisterschafts-Qualifikationsspielen gegen Island und Schottland nicht nur mit den Absagen abfinden, die aus Blessuren von Stammkräften rühren, Völler muß auch immer wieder strukturelle Schwächen in seinem Fußballverbund zu überbrücken versuchen. Zum Beispiel auf der linken Seite, wo ihm in den kommenden Monaten die "Linksfüßer" Christian Ziege und Jörg Böhme nicht weiterhelfen können. Beide brauchen noch lange, um sich von schwerwiegenden Verletzungen zu erholen, und so dürfen sich mangels erfahrener Konkurrenten zwei junge Leute aus der Bundesliga Hoffnungen auf das Rampenlicht machen. Seine sechste Chance im Trikot mit dem Bundesadler bekommt am Mittwoch der 21 Jahre alte Tobias Rau. Der vom VfL Wolfsburg zu Meister Bayern München gewechselte ährenblonde Verteidiger ist in seinem Klub nur die Stand-by-Alternative zum französischen Welt- und Europameister Bixente Lizarazu. Doch den Niedersachsen ficht dieses Manko nicht an: "Natürlich ist es schade, wenn ich bei Bayern nicht spiele, aber an Praxis fehlt es mir nicht." Tatsächlich kann ein Trainingsspielchen bei den exklusiv besetzten Münchnern manchem Spieler zu mehr Wettkampfhärte verhelfen als die eine oder andere Bundesliga-Begegnung mit einem hoffnungslos unterlegenen Gegner.
Mit links könnte auch Christian Rahn am Mittwoch noch zum Zuge kommen. Doch der 24 Jahre alte, ähnlich blond wie Rau daherkommende Offensivverteidiger ist beim fehlgestarteten Hamburger SV längst nicht mehr in der spektakulären Verfassung, in welcher er sich noch beim Gewinn des Ligapokals präsentierte. Mag sein, daß Rahn noch ein wenig warten muß, ehe er seine dritte internationale Chance bei Völler bekommt.
Sich in Geduld zu fassen ist eine menschliche Stärke des dreimaligen Nationalspielers Michael Hartmann. Der Berliner ist bei Hertha BSC zu Beginn der Saison lediglich zweite Wahl, doch der 29 Jahre alte, fleißige Flügelmann bleibt aus Erfahrung zuversichtlich: "Im Laufe der Saison werde ich mich schon noch durchbeißen." Hartmann beackert zwar die linke Seite, ist aber ein "Rechtsfuß". Gut so, sagt der Teamchef, der diejenigen, die links eine Leerstelle sehen, um mehr Phantasie bittet. "Wir müssen uns in Deutschland davon befreien, daß es auf links immer ein Linksfuß sein muß." Völler erinnert dabei gern daran, daß bei den Italienern der international renommierte "Rechtsfuß" Zambrotta von Juventus Turin links verteidige und daß bei den deutschen Weltmeistern von 1974 der einst links gesinnte Paul Breitner mit dem stärkeren rechten Fuß außen links nahezu stürmisch verteidigt habe.
Von rechts nach links zu rücken, fiele dagegen Andreas Hinkel nicht im Traum ein. Der rechte Verteidiger des VfB Stuttgart ist am Mittwoch von Völler erstmals dazu ausersehen, von Beginn an auf dem Platz zu stehen. Weil er auch noch daheim ist bei seiner Premiere in der ersten Elf, betrachtet der 21 Jahre alte Schwabe sein drittes Länderspiel als ein kleines Karriere-Highlight. "Vor meinem Publikum, in meinem Stadion, für mein Land, das ist auf jeden Fall etwas Besonderes." Hinkel ist ein bekennender Dauerläufer und Vorkämpfer auf seiner rechten Bahn und hat dazu mehr als die ähnlichen Kollegen von gegenüber schon viel von der Komplexität seines Antreiber- und Verteidigerjobs begriffen. Zuletzt als "junger Wilder" bei dem offensiven VfB des vergangenen Jahres, zur Zeit mit der Devise "Volle Kraft nach hinten" bei den im heißen Sommer 2003 vorsichtiger zu Werke gehenden Stuttgartern, die als einzige Bundesliga-Mannschaft noch ohne Gegentreffer geblieben sind. Hinkels Vorbild ist der französische Weltmeister Lilian Thuram, sein erster nationaler Konkurrent auf der rechten Seite der diesmal aussetzende, drei Jahre ältere Arne Friedrich. Andreas Hinkel mag diese Konstellation mit einer überschaubaren und nicht übermächtigen Konkurrenz. Und erklärt dem geschätzten Kollegen ganz feierlich den Kampf: "Der Arne kann sich jetzt nicht ausruhen. Ich werde immer Gas geben, und das ist gut für Deutschland." Als Deutschland das letzte Mal in Stuttgart gegen Italien antrat, beim 2:1-Sieg im April 1994, war Hinkel auch schon im alten Neckarstadion dabei: als Balljunge. Der Knabe hat am Ball Karriere gemacht. Mal sehen, wer von den Balljungen am morgigen Mittwoch einem Andreas Hinkel nacheifern wird. ROLAND ZORN