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Nationalmannschaft Frontalunterricht mit Lehrer Löw

17.11.2008 ·  Der Bundestrainer spricht zum Thema Benimm - und seine Spieler haben zuzuhören. Joachim Löw formuliert in strenger Art seine Prinzipien und Erwartungen auf dem Weg zur WM 2010 in Südafrika. Extrawürste will er nicht mehr braten.

Von Michael Horeni, Berlin
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Joachim Löw hat seine Botschaft an die deutschen Fußballprofis schon längst unters Volk gebracht. Er hat in den vergangenen Wochen in zahlreichen Erklärungen versichert, wie wenig er von den öffentlichen Alleingängen seines Kapitäns Michael Ballack (siehe: Michael Ballack im F.A.Z.-Interview: „Frings' Rücktritt wäre schlimm“) und seines Mittelfeldkumpels Torsten Frings (siehe: Nationalelf: Bankdrücker Torsten Frings denkt an Rücktritt) halte.

Seit wenigen Tagen läuft nun auch ein Werbespot eines Touristikunternehmens mit dem Bundestrainer, und darin sieht man Löw nicht nur in Badehose, an Bord einer Yacht und in einer Hängematte. Der zurückhaltende Urlauber liefert in luxuriöser Umgebung auch gleich sein persönliches Credo und seine Führungsvorstellung als Bundestrainer frei Haus mit: „Bitte keine Extrawürste.“

„Es wird keine Diskussion. Ich werde Dinge ansprechen“

In der Luxuswelt der Nationalmannschaft wollte nun der Bundestrainer am Montag aus gegebenem Anlass leibhaftig in der ihm gemäß erscheinenden Form die Nationalspieler noch einmal an die Rahmenrichtlinien im ersten deutschen Fußballunternehmen erinnern. Er kündigte wenige Stunden vor der Unterredung daher schon mal an, wie er sich die Unterredung im großen Kreis vorstellt - nicht als Debattierrunde, sondern als Informationsveranstaltung von oben herab: „Es wird keine Diskussion. Ich werde Dinge ansprechen und informieren. Es ist ja einiges passiert.“ Man könnte dazu wohl auch sagen: Frontalunterricht mit Fußballlehrer Löw.

Löw nutzte seinen ersten öffentlichen Auftritt im Kreis der Nationalmannschaft nach den Attacken Ballacks, den missmutigen Rücktrittsdrohungen Frings' und der nachfolgenden allgemeinen Entschuldigungswelle, um seine Prinzipien und Erwartungen auf dem Weg zur Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika noch einmal darzulegen. „Ich werde an manche Dinge erinnern, die eigentlich schon seit langem zu unseren Regeln zählen. Zudem sage ich den Spielern, was ich für die Zukunft von ihnen erwarte“, kündigte der Bundestrainer an.

„An erster Stelle steht das Leistungsprinzip“

Er versuchte schon vorab deutlich zu machen, dass er von seinem Kurs, vor unangenehmen Entscheidungen nicht abrücken werde. „Man verletzt und enttäuscht Spieler“, sagte der Bundestrainer über die ganz normale Härte von Personalentscheidungen. „Aber an erster Stelle steht das Leistungsprinzip. Alles andere wäre Schwachsinn.“ Löw glaubte angesichts der Vorfälle und Querelen, die mit Kevin Kuranyis Abschied in der Pause gegen Russland ihren Anfang nahmen, vor dem letzten Länderspiel des Jahres am Mittwoch in Berlin gegen England noch einmal im ganz großen Kreis auf den Verhaltenskodex zu verweisen - obwohl er selbst feststellte, dass sich der überwältigende Teil der Mannschaft seit zweieinhalb Jahren unter seiner Leitung und davor auch unter Jürgen Klinsmann „hervorragend“ an den DFB-Knigge gehalten habe, dessen erstes Gebot lautet: Rede in der Öffentlichkeit nie schlecht über deine Mitspieler und deinen Trainer. Die Streitereien hätten die gesamte Mannschaft jedoch in ein „falsches Licht gerückt“, DFB-Präsident Theo Zwanziger hatte sogar von einem Imageschaden für die Nationalmannschaft gesprochen.

Aber weil ausgerechnet der Kapitän genau das getan hatte und nur eine Entschuldigung überbringen musste, aber ansonsten keine Konsequenzen erlebte, fürchten nicht wenige im Deutschen Fußball-Bund und im Umfeld des Teams, dass nun die Grüppchenbildung zu einem dauerhaften Problem bis zur Weltmeisterschaft werden könnte.

Nur für Kuranyi gibt es keinen Weg zurück

Es hatte schon bei der Europameisterschaft innerhalb der Mannschaft erste Unzufriedenheit darüber gegeben, wie Ballack seine Kapitänsrolle interpretierte - und die Auseinandersetzung mit dem Bundestrainer verfolgten die jüngeren Spieler sehr genau. „Ich sehe keine Gräben“, behauptete Löw am Montag. Die Vertrauensbasis sei nicht zerstört. „Es ist durchaus legitim, dass es unterschiedliche Interessenlagen gibt. Bei uns herrscht aber eine gute Gesprächs- und Vertrauenskultur.“

Weil es ein so nettes und erfolgreiches Team ist, durfte es zur Belohnung am Montag auch noch zur Bundeskanzlerin. Seit den Sommertagen 2006 ist Angela Merkel mit den Nationalspielern sehr vertraut. Sie lud sie nach dem Training ins Kanzleramt ein. 45 Minuten nahm sich Angela Merkel Zeit für eine Mannschaft, die jetzt wieder ganz artig ihrer Arbeit nachgehen soll.

Nur für Kevin Kuranyi gibt es trotz seiner vielen Entschuldigungen keinen Weg mehr zurück unter Joachim Löw. Obwohl Ballack und Frings mit ihren Entschuldigungen beim Bundestrainer Gehör fanden, vergibt der Bundestrainer dem Schalker seinen Fehltritt nicht. Das Entfernen vom Team während eines Länderspiels sei „anders anzusiedeln“, findet Löw. „Die Entscheidung steht und wird auch so bleiben.“

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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