Es ist so eine Sache mit den Erwartungen und dem Konkurrenz bei Spitzensportlern. Geht der Athlet falsch damit um, kann der Druck zum Versagen führen. Als zuletzt die Bundestrainer verschiedener Disziplinen zur Vorbereitung auf die Olympischen Spiele im nächsten Jahr zu einer Konferenz in Erfurt zusammenkamen, lautete eine Erkenntnis, dass in der Zusammenarbeit mit den Medaillenkandidaten der Fokus noch mehr auf diese Problematik gerichtet werden muss, damit Herausforderungen nicht im falschen Moment zu Bedrohungen werden.
Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft will bei der Europameisterschaft 2012 den Titel gewinnen und hat dafür schon mal eine beeindruckende Marke vorgelegt. Neun Siege in neun Spielen sind ihr in der Qualifikation zum Turnier gelungen. Entscheidet sie auch die letzte Partie am kommenden Dienstag gegen Belgien für sich, wäre das eine außergewöhnliche Demonstration der Stärke.
Diese sportliche Qualität möchte Bundestrainer Joachim Löw nicht nur erhalten, sondern aufs große Ziel hin verbessern, damit der nächste Fußballsommer endlich zum wahren Sommermärchen wird. Für weitere Leistungssteigerungen will er neben dem Talent der einzelnen Spieler vor allem die Dynamik des Konkurrenzdrucks nutzen.
Seit langem hat die erste Fußballauswahl des Landes nicht aus solch einem reichen Personalreservoir schöpfen können. Nicht wenige Positionen auf dem Feld sind doppelt auf Top-Niveau besetzt. Doch das hochklassige Überangebot stellt zugleich besondere Anforderungen an die Führung der Mannschaft. Nicht jeder Spieler wird verstehen, wenn ihm ein anderer vorgezogen wird. Schließlich ist die Einladung in den erlauchten Fußballkreis schon ein halbes Versprechen. Es wird Enttäuschte geben, die zu Hause in ihren Vereinen eine wichtige Rolle spielen, aber in der Nationalelf nur bloße Aushilfen bleiben.
Die Erwartungen von außen steigen
Als die deutsche Elf in zurückliegenden Fußball-Jahrzehnten noch weit mehr ein Sammelpunkt der Platzhirsche war, krachte es regelmäßig in den Quartieren. Animositäten zwischen einzelnen Spielern und Grabenkämpfe von Interessengruppen kosteten da schon Titel. Diese Gefahren bedrohen natürlich heute genauso das Mannschaftsgefüge.
Zudem steigen mit 1-a-Ergebnissen die Erwartungen von außen. Mittelfeldmann Sami Khedira beklagte sich gerade öffentlich über die Wahrnehmung seiner Leistung in den Medien. Weil er etwa glaubt, im internen Ranking gegenüber Kollegen ins Hintertreffen zu geraten?
Dieses menschliche Hochleistungssystem in der Balance zu halten, wird für Joachim Löw nicht einfacher werden. Nicht nur sportlich sind die richtigen Typen fürs Team auszuwählen. Die Voraussetzungen, dass es funktioniert, sind allerdings gut. Mehr als die Hälfte der Mannschaft hat schon ähnliche Grenzerfahrungen sammeln können.
Der souverän wirkende Bundestrainer und sein Betreuerteam kennen die Tücken der Führung durch vorangegangene Aufgaben und konnten aus Fehlern lernen. Zugleich hat sich im jungen Team eine Hierarchie herausgebildet, die einen stabilen, kollegialen Eindruck macht. Dennoch ist jeder neue Angriff auf das höchste Ziel eine neue Herausforderung - manchmal auch mit unangenehmen Wendungen.