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Nationalmannschaft Die Generation Klinsmann macht Hoffnung

09.06.2005 ·  Selbstkritisch, selbstbewußt und lernbegierig - die deutschen Fußball-Nationalspieler demonstrierten den richtigen Umgang mit dem 2:2 gegen Rußland. „Die Art und Weise, wie die Mannschaft mitzieht, ist bewundernswert“, meinte auch der Bundestrainer.

Von Michael Horeni, Düsseldorf
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Jürgen Klinsmann hat es gelernt, Vorlagen zu nutzen. Der frühere Weltklassestürmer, schon damals mit enormem Begeisterungspotenzial gesegnet, hat sich diese Fähigkeiten auch als Bundestrainer erhalten. Nach dem Abpfiff hatte jedenfalls sein russischer Kollege Juri Sjomin geradezu überschwengliches Lob an die deutsche Auswahl verteilt, und das 2:2-Unentschieden gegen "eine der besten Mannschaften der Welt" als emotional wichtiges Erfolgserlebnis für sein Team bezeichnet. Deutschland, eine der besten Mannschaften der Welt?

In der neuen Mönchengladbacher Heimat der ehemals berühmtesten deutschen Fußball-Fohlenzucht war an diesem Abend jedoch ganz deutlich zu erkennen, daß dieses von Klinsmann auf die nationale Dimension erweiterte jugendbewegte Fußballexperiment noch einen langen Reifeprozeß vor sich hat.

Deutsche Fohlenmannschaft

Aber der Bundestrainer wunderte sich dennoch kein bißchen über das große Kompliment, das der deutschen Fohlenmannschaft da in Mönchengladbach zuteil wurde. Denn das kam ihm ja nicht zum ersten Mal zu Ohren. "Ich glaube, unsere Gegner stellen fest, daß bei uns Talente heranwachsen, die dem Spiel ihren Stempel aufdrücken", sagte Klinsmann mit einem gewissen Stolz. Schon nach dem Spiel gegen Brasilien habe ihm Nationaltrainer Carlos Alberto Parreira gesagt, daß da in Deutschland "etwas heranwächst", und genauso habe auch der argentinische Trainer Jose Pekerman reagiert. "Wir werden notiert", stellte Klinsmann am Vorabend des Confederations Cups zufrieden fest, "wir erarbeiten uns mehr Respekt."

Tatsächlich war in der zweiten Halbzeit gegen die Russen die wohl jüngste deutsche Nationalmannschaft seit vielen Jahren lange damit beschäftigt, eine gelungene Turnier-Generalprobe auf die Beine zu stellen. Dies gelang ihr trotz erkennbarer Schwächen (vor allem auf den defensiven Außenpositionen) nicht zuletzt durch zwei Tore des erstklassigen Münchners Bastian Schweinsteiger (30. und 69. Minute), womit die Deutschen wie schon gegen Nordirland einen Rückstand mehr als nur aufgeholt hatten - und die Partie in der zweiten Halbzeit eigentlich bis zum Schluß dominierten.

Analysen im altbekannten Stil

Die Abwehr des deutschen Teams bestand nach dem Wechsel aus den beiden international ziemlich unerfahrenen Per Mertesacker (20 Jahre) und Thomas Hitzelsperger (23) sowie Arne Friedrich (26), davor tummelten sich in Mittelfeld und Sturm neben den Routiniers Bernd Schneider (31), Michael Ballack (28) und Torsten Frings (28) abwechselnd deutlich jüngere Profis wie Lucas Podolski (20), Kevin Kuranyi (23), Mike Hanke (22), Bastian Schweinsteiger (22), selbst Sebastian Deisler (25) und Gerald Asamoah (26) haben ihr bestes Fußballalter noch nicht erreicht.

Und wenn dann ein junges Team selbst nach einer 2:1-Führung noch zwanzig Minuten entschieden weiter auf einen dritten Treffer drängt, entstehen einzelne Fehler mitunter wie von selbst. Der unglückliche Ausgleich der Russen in der Nachspielzeit nach einem Konter durch Kerschakow veranlaßte aber vor allem die Routiniers zu sachlich korrekten Analysen im altbekannten Stil. "Wir dürfen nicht kurz vor Schluß in einen solchen Konter reinlaufen. Wir müssen in der einen oder anderen Situation einfach cleverer agieren, dann sind wir auch erfolgreicher", sagte Torwart Kahn.

Schwächen nicht verschweigen

Der Münchner Abräumer im Mittelfeld, Torsten Frings, stellte nüchtern fest: "Wenn man clever ist, spielt man das Ding locker über die Bühne." Die Schwächen wollte Klinsmann diesmal auch selbst nicht verschweigen: "Woran wir enorm arbeiten, ist an einer höheren Konzentrationsfähigkeit, besonders beim Umschalten von Angriff auf Abwehr. In erster Linie müssen wir bei Ballverlusten noch schneller reagieren und die Räume zumachen." Die jüngere Generation allerdings, die Generation Klinsmann, zeigte nach diesem kleinen Rückschlag schon eine hellwache Attitüde.

Bei den jungen Spielern war, trotz des Eingeständnisses ihrer Schwächen und des Ärgers über den späten Ausgleich, ein mit den Monaten gewachsenes Selbstbewußtsein zu erkennen. Der Hannoveraner Mertesacker etwa stellte sich nach dem Spiel mit breiter Brust vor die Kameras und sprach mit einem veränderten Selbstverständnis, wie er das bei Klinsmann und Co. mittlerweile gelernt hat. "Wir haben hart gearbeitet, und wir haben genug Selbstvertrauen", sagte der Jüngste im Team, der bis auf einen Abstimmungsfehler beim 2:2 wieder eine tadellose Leistung gezeigt hatte. Auch über Fehler, die deutschen Profis selbstbewußt einzugestehen nicht immer leichtfällt, sprach der Manndecker schon mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit. "Wir hatten eigentlich sicher den Ball, plötzlich war er weg. Es war ein ganz unverdientes Unentschieden für die Russen."

„Einfach bewundernswert“

Auch aus Hitzlsperger, auf dessen Seite alle drei Gegentore gegen Nordirland und Rußland entstanden, sprach vor allem Behauptungswille und Lernbereitschaft: "Ich weiß, daß ich Fehler mache. Aber daraus lerne ich. Lieber jetzt die Fehler als bei der WM." In der kommenden Woche beginnt erst einmal der Confederations Cup mit dem Auftaktspiel gegen Australien, und für die WM-Generalprobe glaubt der Bundestrainer seine Mannschaft trotz ihrer jugendlichen Unachtsamkeiten bestens vorbereitet.

Jetzt aber gibt es erst einmal drei freie Tage. Das hatte sie sich auch verdient, wie der Bundestrainer findet. Schon vor der Partie gegen die Russen hatte er sich für die hervorragende Arbeit im Training in den vergangenen zehn Tagen bedankt. "Wir wissen, wir haben noch viel Arbeit vor uns", sagte Klinsmann, "aber die Art und Weise, wie die Mannschaft mitzieht, ist einfach bewundernswert."

Deutschland - Russland 2:2 (1:1)
Deutschland: Kahn/Bayern München (35/78) - Hinkel/VfB Stuttgart (23/13) ab 46. Deisler/Bayern München (25/24), Friedrich/Hertha BSC Berlin (26/26), Mertesacker/Hannover 96 (20/7), Hitzlsperger/Aston Villa (23/6) - Schneider/Bayer Leverkusen (31/48), Torsten Frings/Bayern München (28/39), Ballack/Bayern München (28/53), Schweinsteiger/Bayern München (20/14) ab 84. Kuranyi/VFB Stuttgart (23/24) - Asamoah/Schalke 04 (26/28) ab 62. Hanke/Schalke 04 (22/1), Podolski/1. FC Köln (20/11) ab 84. Ernst/Werder Bremen (26/16)
Ruß
land: Owtschinnikow/Lokomotive Moskau (34/34) - Wasili Beresutsky/ZSKA Moskau (22/4), Sennikow/Lokomotive Moskau (28/20), Alexej Beresutsky/ZSKA Moskau (22/7) - Anjukow/Krilija Sowjetow Samara (22/7), Aldonin/ZSKA Moskau (25/17), Ewsejew/Lokomotive Moskau (29/18) - Ismailow/Lokomotive Moskau (22/22) ab 10. Semak/Paris St. Germain (29/39), Loskow/Lokomotive Moskau (31/18), Chirkow/ZSKA Moskau (21/2) ab 46. Kerchakow/Zenit St. Petersburg (22/27) - Sitschew/Lokomotive Moskau (21/24) ab 74. Arschawin/Zenit St. Petersburg (24/11)
Schiedsrichter: Konrad Plautz (Österreich)

Tore: 0:1 Anjukow (26.), 1:1 Schweinsteiger (30.), 2:1 Schweinsteiger (69.), 2:2 Kerchakow (90.+1)
Zuschauer: 46.228 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Fiedrich, Hinkel - Semak, Sennikow

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. Juni 2005
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