Fußball zum Nervenschonen gehörte zuletzt ja nicht wirklich zum bevorzugten Repertoire der deutschen Nationalmannschaft. Zum Jahresabschluss aber gegen die Niederlande ließ es die Auswahl von Joachim Löw ausnahmsweise mal gemächlich angehen - so gemächlich, dass man schon von ziemlicher Langeweile sprechen musste beim 0:0 in Amsterdam. „Wir haben gute Defensivarbeit geleistet, das ist nach den letzten Spielen wichtig“, sagte Bundestrainer Löw. „Die Holländer hatten vielleicht etwas Angst vor uns und spielten sehr zurückgezogen.“
Betrachtet man nur das nackte Ergebnis, ließe sich vielleicht der Eindruck eines Fortschritts im Vergleich zum höchst unterhaltsamen, aber eben auch zutiefst beunruhigenden 4:4 im Oktober gegen Schweden gewinnen. Tatsächlich aber hatte der weitgehend arbeitsfreie Abend für Torwart Manuel Neuer mehr mit einer Art deutsch-holländischem Nichtangriffspakt zu tun, bei dem die Deutschen noch die etwas bessere Figur abgaben.
Sie waren aber eben auch nicht gut genug, um zum dritten Mal binnen eines Jahres gegen die Niederlande als Sieger vom Platz zu gehen. So, wie in Amsterdam Fußball gespielt wurde, musste man es doch als Plädoyer für die Abschaffung des ohnehin nicht sonderlich beliebten November-Termins nehmen, der diesmal von der Absage von acht deutschen Stammkräften begleitet war. „Wir haben wenig zugelassen in der Defensive“, sagte Kapitän Philipp Lahm. „Wenn man zuletzt 4:4 gespielt hat, ist das wichtig, wiedeer Sicherheit zurückzugewinnen.“
Deutschland kaum gefordert
Der Erkenntnisgewinn für den Bundestrainer dürfte dennoch gegen Null gehen. Denn auch Löws Improvisationen blieben ein Muster ohne Wert, weil die Deutschen so gut wie gar nicht gefordert wurden. Immerhin, muss man fast sagen, wurde so kein weiterer Schaden angerichtet nach der schwedischen Blamage, so dass Löw und sein Team ohne neue negative Schwingungen in das nächste Jahr gehen können, das am 6. Februar mit einem weiteren Test beginnt, dann gegen Frankreich in Paris.
In Amsterdam stand schon die erste Hälfte unter dem Motto gepflegte Langeweile. Nichts deutete darauf hin, dass hier eine Mannschaft der anderen wehtun wollte. Das Ergebnis war auf beiden Seiten ähnlich: tempoarmer Ballbesitzfußball mit nur sehr ausgewählt gesetzten Akzenten. Mehr davon hatte sicher die deutsche Mannschaft. Was in gewisser Weise schon mit der Aufstellung begann.
Löw nämlich hatte zu allen erwartbaren Improvisationen und Varianten (Gündogan und Lars Bender im defensiven Mittelfeld) eine aus dem Hut gezaubert, mit der niemand gerechnet hatte. Mario Götze durfte sich in Abwesenheit des stürmenden Stammpersonals als einzige Spitze versuchen. Weniger die Tatsache, dass ein offensiver Mittelfeldspieler diese Rolle ausfüllt, war das Besondere; auch Lionel Messi darf dies ab und an in Barcelona praktizieren. Dass es aber Götze war und nicht doch Marco Reus - diese Überraschung war Löw doch gelungen.
Holländer nicht besser
Ob es ein Experiment mit Zukunft war, ließ sich schwer sagen. Götze litt sichtlich unter dem fehlenden Tempo der ganzen Mannschaft. Einmal tauchte er doch frei vor Torwart Vermeer auf. So wie er diese Chance vergab, legte dann doch eher den Schluss nahe, dass an ihm nicht ein Strafraumstürmer verlorengegangen ist.
Neben dieser Szene in der 21. Minute hatten noch Holtby (26.), dem der Platz im zentralen Mittelfeld gehörte, Reus (39.) und Gündogan (45.) gute Schussgelegenheiten - ihre Versuche wurden jedoch entweder abgeblockt oder verfehlten das Ziel. Dass Höwedes als Rechtsverteidiger zu den auffälligeren Spielern gehörte, sagte viel über das deutsche Spiel in den ersten 45 Minuten.
Robben fand nicht den Dreh
Nicht, dass die Holländer es irgendwie besser gemacht hätten. Im Gegenteil. Das Team von Louis van Gaal kam recht bieder und bei seinen zaghaften Angriffversuchen oft erschreckend unpräzise daher. Auch van Gaal fehlten einige seiner Besten. Drei Bundesligaprofis - van der Vaart, Robben, Afellay - standen in der Startelf. Einmal ging von ihnen ein Moment der Inspiration aus, als Afellay Robben freispielte, der aber nicht den richtigen Dreh fand, nachdem er Neuer schon umkurvt hatte.
Ansonsten war nichts zu spüren von einem Bemühen, die beiden Pleiten des vergangenen Jahres gegen Deutschland, das 0:3 im November in Hamburg sowie das 1:2 in Charkiw bei der EM im Juni, vergessen zu machen. Dass das deutsche Tor nicht in Gefahr geriet, war so eher dem holländischen Mangel an Offensivgeist geschuldet als einer neuen Qualität in Löws Defensive.
Zweite Hälfte noch langweiliger
Was kaum möglich schien: Die zweite Hälfte bot noch weniger Erbauliches als die erste. Die Deutschen mieden nun noch mehr jedes Risiko, so dass nicht einmal mehr spärliche Gelegenheiten heraussprangen. Daran änderte auch die Hereinnahme von Podolski für Götze nichts. Die Niederländer schienen sich davon gegen Ende zu etwas gesteigerten Bemühungen ermutigt zu fühlen. Und so musste sich Neuer nach 77 Minuten ganz schön strecken, um einen Schuss von Janmaat abzuwehren.
Löws zweiter Wechsel des Abends dürfte vor allem für die Familienchronik im Hause Bender einen Eintrag wert sein. Dass der Dortmunder Sven in den letzten Minuten die Position des Leverkuseners Lars einnahm, machte für dieses Spiel selbstverständlich keinen Unterschied. Als Gewinner durfte sich am ehesten noch Roman Neustädter fühlen - der Schalker kam zu seinem ersten Einsatz im deutschen Team.
Niederlande: Vermeer (Ajax Amsterdam/26 Jahre/1 Länderspiel) - van Rhijn (Ajax Amsterdam/21/5 - 46. de Vrij/Feyenoord Rotterdam/20/2), Heitinga (FC Everton/28/85 - 46. Janmaat/Feyenoord Rotterdam/23/3), Vlaar (Aston Villa/27/14), Bruno Martins Indi (Feyenoord Rotterdam/20/6) - Nigel de Jong (AC Mailand/27/67) - Afellay (FC Schalke 04/26/44 - 59. van Ginkel/Vitesse Arnheim/19/1), van der Vaart (Hamburger SV/29/103 - 72. Emanuelson/AC Mailand/26/17) - Schaken (Feyenoord Rotterdam/30/2), Kuyt (Fenerbahce Istanbul/32/92), Robben (Bayern München/28/63 - 46. Elia/Werder Bremen/25/28)
Deutschland: Neuer (Bayern München/26/36) - Höwedes (FC Schalke 04/24/10), Mertesacker (FC Arsenal/28/85), Hummels (Borussia Dortmund/23/23), Lahm (Bayern München/29/95) - Lars Bender (Bayer Leverkusen/23/11 - 82. Sven Bender/Borussia Dortmund/23/3), Gündogan (Borussia Dortmund/22/4) - Müller (Bayern München/23/38 - 87. Schürrle/Bayer Leverkusen/22/20), Holtby (FC Schalke 04/22/3 - 87. Neustädter/FC Schalke 04/24/1), Reus (Borussia Dortmund/23/14 - 90.+2 Draxler/FC Schalke 04/19/3) - Götze (Borussia Dortmund/20/20 - 72. Podolski/FC Arsenal/27/106)
Schiedsrichter: Proença (Portugal)
Zuschauer: 51 000
Gelbe Karten: - / -
..und da sind sie wieder,
Martin Haas (haasmartin1)
- 15.11.2012, 13:41 Uhr
Nichtangriffspakt DFB und Öffentliches Fernsehen
Jan Matthias (JanMatthias)
- 15.11.2012, 10:35 Uhr
Die Zeit der Nationalstaaten ist
Frank Badenstein (Badenstein)
- 15.11.2012, 09:50 Uhr
Entscheidend ist was „oben abgeht“ und nicht immer was
"hinten rauskommt".
Jürgen Eschweiler (Fohlen_Eschi)
- 15.11.2012, 09:48 Uhr
Klasse war auch Lös Spielerklärung
Michael Scheffler (Striesner)
- 15.11.2012, 09:36 Uhr