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Nationalmannschaft Der Vielseitige unter lauter Hochbegabten

14.11.2011 ·  Toni Kroos ist einer der Gewinner des Jahres. Sowohl bei den Bayern als auch in der Nationalmannschaft hat er einen Sprung gemacht. Am Dienstagabend (20.45 Uhr) wartet gegen die Niederlande eine weitere Bewährungsprobe.

Von Michael Ashelm, Hamburg
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Toni Kroos ist ein ruhiger junger Mann. Er wirkt klar in seinen Aussagen, aber mit seinen 21 Jahren doch zurückhaltend. Wenn er Fußball spielt, ist er viel dominanter, und man könnte denken, er wäre auch älter. Kroos selbst ist dieses Gefühl nicht fremd. "Ich fühle mich jung, aber habe für mein Alter schon viel erlebt und bin damit vielleicht so weit wie ein 25-Jähriger", sagt er. Kroos, der mit 17 Jahren seine Erstligapremiere beim FC Bayern gegeben hatte, bestritt gerade seine 100. Bundesligapartie und wird an diesem Dienstag im Prestigeduell gegen die Niederlande wohl auf seinen 24. Einsatz in der Nationalmannschaft kommen - und das in nicht mal zwei Jahren (20.45 Uhr/ live im ZDF und F.A.Z.-Liveticker). Immer wieder hat Kroos in dieser Zeit mit starken Leistungen auf sich aufmerksam gemacht und bestätigt, dass er zu Recht dem Kreis der Hochbegabten im deutschen Fußball zugerechnet wird. Er ist einer der Gewinner des Fußballjahres.

So konstant niveauvoll, effektiv und auffällig wie in den vergangenen Wochen und Monaten zeigte er sich allerdings noch nie. Er selbst spricht von einer "normalen Entwicklung". Andere, die eng mit ihm zusammenarbeiten, bleiben in der Beschreibung nicht so defensiv wie er. Sein Vereinstrainer Jupp Heynckes beim FC Bayern lobt ihn und spricht vom "Delikatessen-Fußball", Bundestrainer Joachim Löw konstatiert gar den Durchbruch in der Nationalelf. "Er hat nach der WM einen großen Schritt gemacht. Fußballerische Klasse hatte er ja schon immer, aber jetzt verfügt er auf dem Platz über noch mehr Ausstrahlung, Präsenz und Selbstbewusstsein."

Der gebürtige Greifswalder, der einst als Sechzehnjähriger über Hansa Rostock zum FC Bayern kam, ist nicht nur beim Branchenführer in München, sondern inzwischen auch bei Löw ein fester Bestandteil des Systems. So, wie er derzeit auf dem Platz im Mittelfeld agiert, macht er sich unverzichtbar. Das gilt für beide Mannschaften - noch mehr seit Bastian Schweinsteigers Verletzungspause.

Leistungssprung unter Heynckes

Gegen die Ukraine hatte Kroos in der ersten Halbzeit mit einem satten 18-Meter-Schuss den 1:2-Anschlusstreffer erzielt. In dieser aus deutscher Sicht zeitweise wirren Partie hatte er im durch die Dreierabwehrkette ungewohnt überfüllten Mittelfeld die Orientierung behalten und die ganz wichtige Verbindung zwischen Abwehr sowie Angriff hergestellt. "Bei ihm sind viele Fäden zusammengelaufen, er war immer im Spiel, immer anspielbereit", sagte Löw.

Seit Kroos in München mit seinem Lieblingstrainer Jupp Heynckes zusammenarbeitet, hat er einen weiteren Leistungssprung gemacht. Weil er damals beim FC Bayern unter Jürgen Klinsmann nicht berücksichtigt worden war, leistete er sich einen kleinen Umweg als Leihgabe über den Bundesligaklub Bayer Leverkusen, wo später die gewinnbringende Zusammenarbeit mit Heynckes ihren Anfang nahm. Die aktuelle Situation mit den beiden für ihn derzeit wichtigsten Fußball-Lehrern in München und bei der Nationalmannschaft ist für den Jungdynamiker eine Art Optimalzustand.

Effektive Drehscheibe des Spiels

Es gibt leichte Unterschiede zwischen seiner Aufgabenstellung beim FC Bayern und der in der Nationalmannschaft. Während er im Verein weiter vorne im Mittelfeld noch vor Schweinsteiger spielt und auch dafür verantwortlich ist, die gegnerische Innenverteidigung zu attackieren, damit der Stürmerkollege Mario Gomez Freiräume für seine Torschüsse gewinnt, liegt seine Grundposition in der Nationalelf weiter hinten. Löw nennt Kroos einen "Zwischenspieler", der sich im vollbesetzten Mittelfeld nicht nur zwischen den gegnerischen Spielern eigene Räume zur Entfaltung sucht, sondern eben auch für den Kontakt zwischen den Mannschaftsteilen sorgt. Doch unabhängig davon, welche Ausrichtung angesagt und wie die Feinjustierung des Spielsystems gerade vorgesehen ist, zeigte sich Kroos auf dem Platz zuletzt vor allem als verlässliche Stütze.

Oft genug gefiel er dabei als äußerst effektive Drehscheibe des Spiels - als Gestalter, Beschleuniger, Passgeber und Balleroberer. Dazu ist er im Vergleich mit anderen defensiv ausgerichteten Mittelfeldspielern in der Nationalmannschaft wie zum Beispiel Sami Khedira torgefährlicher. Das erhöht nun den Leistungsdruck im Team. Vor einigen Wochen, als die Nationalmannschaft zum vorletzten EM-Qualifikationsspiel in die Türkei reiste, beklagte sich Khedira bei einem öffentlichen Auftritt über die aus seiner Sicht zu schlechte Presse und monierte ein mediales Zerrbild seiner Leistungen im Verein bei Real Madrid. Der Vorstoß sollte Selbstbewusstsein vorführen, aber konnte auch so gedeutet werden, dass Khedira inzwischen den größeren Konkurrenzdruck innerhalb der eigenen Reihen spürt.

Für Kroos ist dies eine spannende Saison. Er befindet sich derzeit in hervorragender Verfassung und könnte theoretisch mit dem FC Bayern wie auch mit der Nationalmannschaft am Ende zwei große Titel gewinnen - in der Champions League und beim EM-Turnier. Bisher ist das nur ein großer Traum. "Wir haben mit den Bayern und in der Nationalmannschaft eine hervorragende Entwicklung gemacht. Aber die Spanier sind mit dem FC Barcelona und mit ihrer Nationalmannschaft weiterhin ein Stück vorne", sagt Kroos. Doch auch er, der im WM-Halbfinale gegen den späteren Weltmeister aus Spanien die Chance auf den Führungstreffer hatte, glaubt, dass sich der Abstand zumindest verringert hat.

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Jahrgang 1965, Sportredakteur.

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