Jerome Boateng, Holger Badstuber und Mats Hummels waren einigermaßen überrascht, als sie am Freitagnachmittag die Spielbesprechung mit dem Bundestrainer verließen. Joachim Löw hatte seinen drei gelernten Innenverteidigern und dem gesamten Team mitgeteilt, dass sie es am Abend gegen die Ukraine mit einer Dreierkette in der Abwehr versuchen werden - aber die neue Formation hatte die Nationalmannschaft in keiner einzigen Trainingseinheit eingeübt.
Als wenige Stunden später nach dem Test in Kiew ein sehr munteres 3:3 gegen den östlichen EM-Gastgeber stand, freute sich der Bundestrainer trotz der Gegentreffer sehr über seine überraschende Variante. Drei Gegentore in einer Halbzeit hatte die Nationalelf zuletzt beim 1:4 in Italien einstecken müssen, das war drei Monate vor der Weltmeisterschaft 2006, und der Bundestrainer hieß damals noch Jürgen Klinsmann - und Löw war sein Assistent.
„Ich bin sehr zufrieden mit der Dreierkette“, sagte der Cheftrainer im Spätherbst 2011 trotzdem vergnügt, „auch wenn ich da einer der wenigen bin.“ Die Idee war Löw unter der Woche gekommen. Eigentlich hatte er vorgehabt, in Kiew es mal wieder mit dem 4-4-2-System zu probieren, also mit zwei Stürmern, Mario Gomez und Miroslav Klose. Aber dann sagte Klose wegen einer Verletzung ab, und Löws Kopf begann zu arbeiten, wie er das drittletzte Testspiel vor der unmittelbaren EM-Vorbereitung im Mai am besten nutzen könnte. Dann kam ihm die Sache mit der Dreierkette in den Sinn. „Wir wollen uns weiterentwickeln, wir wollen unberechenbar sein“, sagte der Bundestrainer nach seinem auch für die eigenen Spieler überraschenden Systemwechsel.
Noch nie besser vorbereitet
Löw simulierte in der Ukraine so etwas wie den Ernstfall, auch das Unerwartete soll besser beherrschbar werden. „Falls wir mal in Rückstand geraten, wollen wir umstellen, ohne dass es ganz viele Fragen gibt“, sagte Löw. „Eine Spitzenmannschaft muss das können.“
Nach zehn Siegen in zehn EM-Qualifikationsspielen war zuletzt angesichts der Dominanz die Frage aufgekommen, ob die Deutschen derzeit vielleicht die beste Nationalmannschaft erleben, die sie je hatten. Das Rekordergebnis gibt diese Ansicht her, die Spielstärke und Auswahlmöglichkeiten wohl auch, aber ganz sicher lässt sich sagen, dass noch nie eine deutsche Mannschaft besser vorbereitet in ein Turnier gehen dürfte wie der aktuelle Löw-Jahrgang.
In der Vergangenheit mussten die Bundestrainer oft bis zum letzten Qualifikationsspiel um die Teilnahme bangen, und dann war man froh, wenn man eine Stammformation gefunden hatte und es ein paar Spiele gab, in der sie zusammenfinden konnte. In seiner Zeit als Klinsmanns Assistent kam die Nationalelf in zwei Jahren nicht einmal dazu, Standardsituationen intensiv einzuüben, weil in den Trainingseinheiten immer noch fußballerische Grundlagenarbeit geleistet werden musste.
„Ich habe viel Positives gesehen“
Sieben Monate vor der EM-Endrunde kann sich der Bundestrainer nun dank seiner exzellent harmonierenden Auswahl mittlerweile den Luxus leisten, die Weiterentwicklung personell und auch systemisch vorzunehmen, weil die Grundausrichtung von den Spielern längst verinnerlicht worden ist. „Mit dem Spiel in der Ukraine bin ich zufriedener als mit dem Sieg in der Türkei“, sagt Löw schon mit Blick auf die EM-Endrunde. „Ich habe viel Positives gesehen.“
Nur was, fragten sich manche. Die Treffer von Kroos in der ersten Halbzeit zum 1:2 und die beiden Tore von Rolfes (63. Minute) und Müller (77.) waren ihm ausreichende Zeichen für Engagement und Erfolgswillen. Dass Ron-Robert Zieler nach drei Schüssen, die alle zu Toren bei seinem Debüt führten, danach die Nerven behielt und noch glänzend reagierte, gefiel ihm auch. Und die beiden Gegentore nach deutschen Eckbällen wollte Löw auch nicht der neuen Dreierkette anlasten, sondern Abstimmungsproblemen, die das Team vorher hätte lösen müssen. „Zur Halbzeit lagen wir 1:3 zurück, und ich konnte nicht sagen, warum“, sagte Löw, der am Spielfeldrand auch meist ganz gelassen blieb.
Die Ergebnisse der Testspiele in diesem Jahr machen deutlich, dass der Bundestrainer die Resultate dieser Spiele ganz individuell bemisst. Neben der tadellosen Siegesserie in den Pflichtspielen stehen bei Testspielen neben drei Siegen auch drei Unentschieden und eine Niederlage. Auch beim Duell an diesem Dienstag in Hamburg gegen die Niederlande haben sich die Prestige- und Rivalitätsfragen den Vorstellungen des Bundestrainers unterzuordnen.
Kroos? „Überragend gut“
Er wird zwar wieder zur Viererkette zurückkehren, aber vielleicht wird es beim Duell des WM-Dritten gegen den WM-Zweiten dafür wieder mal ein System mit den beiden Spitzen Klose und Gomez als weiteres Zeichen taktischer Flexibilität geben - zum ersten Mal seit über zwei Jahren beim 2:0-Sieg in Aserbaidschan. Aber das hängt nicht zuletzt am Fitnesszustand von Klose nach seiner Sehnenreizung.
Selbst um die Hoffnungen, die sich mit dem ersten gemeinsamen Einsatz der Hochbegabten Özil und Götze verbunden hatten, aber in Kiew unerfüllt blieben, kümmerte sich der Bundestrainer mit dem Blick auf die EM-Endrunde nicht sonderlich. Er erklärte sich mit dem Auftritt der beiden Künstlernaturen zufrieden - und holte sie nach gut einer Stunde wie geplant vom Platz. Die jungen Lieblinge waren da schon ein bisschen kritischer. Man habe sich „ein bisschen ungeschickt angestellt“, sagte Götze, der mit Özil viel zu selten gemeinsame Sache machte.
Statt des vermeintlichen Traumpaares war es Toni Kroos, der im Mittelfeld die Ausnahmestellung des Tages einnahm. „Bei ihm sind viele Fäden zusammengelaufen“, sagte der Bundestrainer, „er war überragend gut.“ Nach einem solchen, auch für den Bundestrainer seltenen Lob muss man sich nicht wundern, wenn Löw auch mit Kroos noch Besonderes im Sinn hat.