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Veröffentlicht: 07.02.2013, 15:57 Uhr

Nationalmannschaft Der König und sein neuer Adjutant

Mesut Özil beeindruckt beim 2:1 in Frankreich wie lange nicht mehr - und wird nahezu perfekt unterstützt von Ilkay Gündogan. Das sollte den Platzhirsch Schweinsteiger wachsam werden lassen.

von , Paris
© AFP Kongeniales Duo mit gelsenkircher-türkischen Wurzeln: Mesut Özil (r.) und Ilkay Gündogan

Mit einer Einschätzung lag Didier Deschamps knapp daneben. Wenn es wirklich so wäre, dass Mesut Özil so viele Tore für Deutschland schießt, wie vom französischen Nationaltrainer behauptet, dann hätte man es nicht nur mit einem fußballerischen Universalgenie zu tun. Dann wäre auch das Testspiel am Mittwoch in Paris viel früher in Richtung des deutschen Teams gelaufen.

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Dass Özil noch die eine oder andere Chance zu viel auslässt, war aber auch wirklich das Einzige, was man dem Mittelfeldspieler vorhalten konnte an einem Abend, an dem sich in wunderbarer Weise das ganze deutsche Spiel um ihn zu drehen schien. Um sein unvergleichliches Gefühl für Raum und Zeit, seine Beschleunigung mit Ball, seine Fähigkeit, jederzeit eine unerwartete Drehung zu wagen oder einen Pass zu spielen, der kreatives Chaos schafft, wo eben auf Seiten des Gegners noch so etwas wie Ordnung war - so wie vor Sami Khediras Treffer in der 74. Minute, der dem deutschen Team beim 2:1 den ersten Sieg in Frankreich seit 1935 bescherte. Dem Resümee, wonach Özil den Unterschied gemacht habe zwischen einer guten französischen und einer alles in allem sehr guten deutschen, konnte sich Deschamps nicht verschließen. „En grande forme“ sagte Deschamps - und das traf es ziemlich gut.

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Joachim Löw hob neben allen oft genug gepriesenen Offensivgaben noch etwas hervor, was man vielleicht nicht immer ganz selbstverständlich mit Özil in Verbindung bringt. Özil, sagte Löw, sei „wahnsinnig viel“ gelaufen, und das „in hohem Tempo“. Natürlich sei er „einer der überragenden Spieler auf dem Platz“ gewesen. Ein glücklicher Trainer, der so einen Mann regelmäßig sehen und schätzen kann.

Lob für Gündogan

Interessanter jedoch als die Bestätigung von Özils Klasse dürfte für den Bundestrainer noch eine andere Beobachtung gewesen sein. Dass da nämlich noch einer war im deutschen Mittelfeld, der Ballfertigkeit, Dynamik und Ideenreichtum in ziemlich hoher Qualität verkörperte. Der, wenn es ganz schnell geht, schon einmal für einen Augenblick mit Özil verwechselt werden könnte. Und von dem man eine Leistung dieser Güteklasse vielleicht noch nicht erwartet hatte - es war schließlich erst sein fünftes Länderspiel. Doch Ilkay Gündogan knüpfte im weißen Trikot mit dem Adler nahtlos an das an, was er zuletzt im schwarz-gelben Dortmunder Dress gezeigt hatte. Nicht nur wegen seines öffnenden Passes, der Thomas Müller in der 51. Minute die schnelle Antwort auf die französische Führung durch Mathieu Valbuena (44.) ermöglicht hatte.

Nein, Gündogan war die allermeiste Zeit eine Autorität im deutschen Spiel: hellwach, lauf- und zweikampfstark und mit einem vielleicht nicht perfekten, aber doch schon ausgeprägten Gespür für die Chancen- und Risikenabwägung im Passspiel. Kurz: Wenn Özil der Herrscher über das deutsche Spiel war, dann war Gündogan sein wirkungsvoller Adjutant.

159955952 © AFP Vergrößern Flink am Ball: Ilkay Gündogan glänzt gegen Frankreich

Der Bundestrainer hatte mit viel Gefallen verfolgt, welchen Gewinn Gündogan für das deutsche Spiel darstellte. „Wahnsinnig präsent, extrem ballsicher, gut in der Bewegung gegen den Ball“ - es war schon ein erstklassiges Zeugnis, das Löw ihm ausstellte. Zumal er anfügte, dass Gündogan sich zuletzt sowohl im Klub als auch im Nationalteam „enorm entwickelt“ habe. Und die Beobachtung, dass seine Mannschaft „im Zentrum ein klares fußballerisches Übergewicht“ gehabt habe, durfte Gündogan durchaus als Sonderlob mit nach Hause nehmen.

Warnung für Schweinsteiger

Was das über den Tag hinaus bedeutet, gehört zu den spannenden Fragen, die im Laufe des Fußballjahres beantwortet werden wollen. Ist der 22 Jahre alte Gündogan ein Mann, auf den Löw dauerhaft bauen kann und soll? Oder doch nur ein Platzhalter für den Platzhirschen Schweinsteiger, der sich gegen Frankreich mal wieder malade abgemeldet hatte. Man muss es noch nicht für einen Fingerzeig halten, aber vielleicht hatte es schon etwas zu bedeuten, dass Gündogans Name am Mittwoch neben dem Özils in einem speziellen Zusammenhang fiel. Nämlich, als Löw zufrieden registrierte, dass sein Team diesmal auch unter Gegnerdruck die richtigen Lösungen gefunden habe, nämlich „ohne lange Bälle hinten sauber raus zu spielen“. Und nicht wie an einem schwarzen Abend im vergangenen Oktober. „Wir haben nie die Kontrolle verloren wie gegen Schweden zum Beispiel“, sagte Löw. Bei jenem sagenhaften Zerfall hatten Schweinsteiger und Kroos die Mittelfeldzentrale gestellt.

Das alles mag noch nicht die Basis dafür sein, dass die Pfründe neu verteilt werden. Dafür müsste Gündogan über etwas längere Zeit den Nachweis von Konstanz bringen - und man muss auch sagen, dass die Franzosen zwar offensiv einiges zu diesem sehr unterhaltsamen Abend beigetragen hatten, gerade im Zentrum aber nicht mit derselben Konsequenz zu Werke gingen, wie man das von Gegnern der allerersten Kategorie erwarten darf. Und doch könnte ein aufstrebender Gündogan einiges in Gang bringen. Schweinsteiger ist vielleicht ein bisschen zu oft nicht da, als dass er eine uneingeschränkte Autorität auf und neben dem Platz sein könnte. Diese Rolle nimmt mehr und mehr Khedira ein. Und dass neben ihm als Stabilisator Gündogan der Mann für eine Extraportion Esprit sein könnte, ist mehr als nur ein zarter Hinweis, der von Paris ausging.

Einen „verschärften Konkurrenzkampf“ hatte Löw für das Übergangsjahr 2013 ausgerufen. Dass der nicht in allen Mannschaftsteilen auf höchstem Niveau geführt werden kann, ist hinlänglich bekannt. Dass er aber auf einer Schlüsselposition neu und auch ein bisschen unerwartet eröffnet wurde, kann dem Bundestrainer nur recht sein. Er verfügt nun über eine interessante Variante mehr, die noch vor wenigen Monaten niemand für möglich gehalten hatte. Die seit Mittwoch aber durchaus Zukunft hat.

Quelle: F.A.Z.

 

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