04.06.2011 · Mario Gomez befreit sich mit seinem Doppelschlag von Wien aus seiner Nationalmannschafts-Krise. Aber noch immer passt er nicht ins Konzept des Bundestrainers. der hat nur ein Lob für den Moment übrig.
Von Michael Horeni, WienMan kann kaum behaupten, dass Joachim Löw ein großer Fan von Mario Gomez ist. Fan ist der Bundestrainer nur von wenigen Spielern. Mesut Özil ist so ein Spieler der allerersten Kategorie, weil er schon nach zwei, drei Auftritten wusste, dass Özil die Nationalelf prägen und ihr eine neue Qualität schenken würde. Dann gibt es die zweite Kategorie von Spielern, bei denen das Fußballherz von Löw zwar nicht in Verzückung gerät, die aber seine höchste Wertschätzung genießen, weil er fest davon überzeugt ist, dass sie sein Team dauerhaft ein Stück weiter bringen, dass sie ein wichtiges Teil in seinem Personalpuzzle sind, um im kommenden Sommer die Nummer eins in Europa zu werden und dann vielleicht auch in der Welt. Sami Khedira, der Kapitän Michael Ballack verdrängt hat, ist so ein Spieler.
Und dann gibt es noch die Kategorie, zu der Mario Gomez gehört. Man kann sogar so weit gehen, zu behaupten, dass Gomez zu einer Kategorie von Spielertypen zählt, die dem Bundestrainer eigentlich gar nicht so richtig ins Konzept passen.
Die beiden Tore des Münchner Torjägers zum glücklichen 2:1-Sieg am Freitagabend in Wien gegen Österreich, der die Nationalelf bei nun sechs Siegen in sechs Qualifikationsspielen rekordverdächtig früh zum EM-Teilnehmer machen dürfte, haben daran gar nichts geändert – genauso wenig wie das große Lob von Löw über den Spieler des Abends von Wien.
Klose ist flexibler
Gomez weiß das alles sehr genau. Der Bundestrainer hatte es vor dem Länderspiel deutlich gesagt. Wenn auch im sportlich-fachlichen Ton. Er pries die „überragende Saison“ von Gomez, die Torgefahr, die von ihm ausgeht, und das Selbstbewusstsein, dass er wieder in sich trägt. Und er lobte, wie sich Gomez sogar ohne Unterstützung des Klubtrainers seinen Platz erkämpfte bei den Bayern – in der Nationalelf, darf man hinzufügen, ist das kaum anders.
Denn Löw sagte im gleichen Atemzug eben auch, dass Miroslav Klose für ihn weiterhin der flexiblere Angreifer ist, und dass Gomez die beste Chance auf einen Platz in der Startformation dann hat, wenn das System verändert wird, vom flexibleren 4-2-3-1 zurück zum 4-4-2 – und nicht allein aus eigener Kraft. (siehe: Joachim Löw: „Wir wollen in Europa die Nummer eins sein“) Mit anderen Worten: Der Spielertyp Klose ist weiterhin Löws Typ, da kann Gomez treffen, wie er will.
Befreiung fast von der gleichen Stelle aus
Der Abend in Wien war trotzdem wie eine Befreiung für den Torschützenkönig der Bundesliga, der jahrelang das Gefühl hatte, in Deutschland mit einer Visitenkarte rumzulaufen, auf der stand: „Der Blinde mit der Riesenchance von Wien.“ Aber ziemlich genau drei Jahre nach dem traumatischen Torjägererlebnis (siehe auch: Mario Gomez: „Ich habe gedacht: Mist, ich muss die Fans überzeugen“) machte er in Wien erst kurz vor der Pause fast von der gleichen Stelle diesmal das 1:0, und küsste danach vor Erleichterung den weißlackierten Torpfosten. „Ich wollte das Ruder rumreißen, ich habe es geschafft“, sagte Gomez sichtlich erleichtert. „Ich hab zu keiner Zeit in diesem Spiel an die Szene von damals gedacht. Aber einmal, als der Ball hinter der Linie war, dann schon.“
Als ihm in der Schlussminute mit einem schönen Kopfball auch noch der 2:1-Siegtreffer für eine geistig und körperlich ausgelaugte Nationalmannschaft gelang, durfte sich der Torjäger genau dort als großer Sieger des Tages feiern lassen, wo sein langer Karriere-Knick den Anfang nahm.
Lob für den Moment
Da sich in Wien die Dinge wie nach einem geheimen Drehbuch zu fügen schienen, tauchte auch ganz schnell die Frage an den Bundestrainer auf, ob nun die Ära des Stammspielers Gomez in der Nationalelf begonnen habe. Löw antwortete so flexibel, wie er die Dinge handhaben will. „Mario war für mich schon lange ein Stammspieler“, sagte der Bundestrainer, was natürlich stimmt, wenn man Stammspieler als eine Definition für einen Spieler begreift, der zum Kader gehört und immer mit einem Einsatz rechnen darf – aber eben nicht, wie man es klassischerweise versteht, als einen Spieler, der ständig zur Anfangsformation zählt. „Jetzt ist Miro Klose nicht da. Daher ist es müßig, über diese Dinge zu reden“, fügte Löw hinzu.
Dann folgte ein Lob für den Moment, ohne Hinweis auf einen neuen Status des Torjägers des Jahres. „Mario hat seine Aufgabe gegen Uruguay und hier gegen Österreich überragend gemacht. Man redet immer von Stammplätzen. Ich als Trainer sehe das völlig anders. Es fallen immer Spieler aus, da müssen andere ran.“ Außerdem, so fuhr Löw fort, hätte er gegen Österreich gerne in einem 4-4-2-System gespielt, weil er meinte, mit Klose und Gomez wäre die Abwehr der Österreicher viel besser zu beschäftigen gewesen.
Am Dienstag in Aserbeidschan, wo der Bundestrainer auf den wegen eines Krankheitsfalls in der Familie abgereisten Ersatztorwart Tim Wiese verzichten muss, ist Gomez natürlich wieder erste Wahl, so torgefährlich und körperlich frisch wie er sich auch zum Saisonausklang präsentierte – und ohne den verletzten Klose im Kader. Die körperlichen Vorteile in einer in Wien arg müden und überspielt wirkenden Mannschaft waren für den Bundestrainer nicht zuletzt die Nachwirkungen der langen Schaffenskrise des Torjägers 2011, die ihm nämlich Dauer-Belastungen wie den WM-Stars Özil, Khedira oder Müller erspart hatten. „Mario hatte nicht unbedingt dieses Mammutprogramm“, sagte Löw ganz trocken. Leider, wird sich Gomez sagen.