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Nationalmannschaft Der Alarm wird aufgehoben - oder nur aufgeschoben?

 ·  Die Nationalelf hat auf die Schnelle das Verteidigen gelernt und sich beim 3:0 gegen Österreich schadlos gehalten. Mats Hummels ist der Verlierer im DFB-Team.

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© GES-Sportfoto Vergrößern Wieder unbedingt abwehrbereit: Per Mertesacker ist das entscheidende Stück eher am Ball

Thomas Müller schien sich aus der Sache auch einen kleinen Spaß gemacht zu haben. In der tagelangen Debatte über den angeblichen deutschen Verteidigungsnotstand hatte er eine Meinung kundgetan, die so gar nicht zum Spaßfußballer, dafür aber umso besser zum Schalk passt, der in diesem Müller steckt. Die schönsten Siege, sagte der Offensivspieler, seien doch diejenigen, bei denen es lange 0:0 stehe und der Siegtreffer dann, nach einigem Zittern, erst kurz vor Schluss falle.

Was zwar für die großen Duelle mit Gegnern ähnlichen Kalibers gelten mag, weniger aber für den künstlerischen Alltag im Zirkus Löw - weshalb Müllers Bemerkung wohl als ironische Zuspitzung zu betrachten war. Nach dem 3:0 am Freitagabend gegen Österreich wurde er dann zwangsläufig gefragt, ob das denn kein so schönes Spiel für ihn gewesen sei. „Wie man weiß: Fußball ist kein Wunschkonzert“, sagte er, „manchmal muss man auch mit einem 3:0 leben.“ Schön, wenn man’s mit Humor nehmen kann.

Ganz im Ernst war es natürlich so: Wenn sich die deutsche Nationalmannschaft und ihr Bundestrainer etwas hätten wünschen dürfen für das WM-Qualifikationsspiel gegen Österreich, wäre so ziemlich genau das herausgekommen - ein überlegen geführtes Duell, konzentriert begonnen und mit der zeitigen Führung durch Miroslav Kloses Rekordtor (33. Minute, siehe nebenstehenden Text) belohnt, auch danach ein souveräner Vortrag und am Ende ein klarer Erfolg ohne den Makel eines Gegentreffers. Joachim Löw fand, dass die Mannschaft ihre Sache „überragend gut gemacht“ habe. Und auch die Einschätzungen der Spieler gingen, wenngleich nicht im Löwschen Superlativ, in dieselbe Richtung: ein rundum gelungener Abend.

Neuer froh

Die deutschen Profis verließen die Münchner Arena dann auch regelrecht beschwingt - und das nicht nur wegen der Gewissheit, der WM im nächsten Jahr in Brasilien einen entscheidenden Schritt näher gekommen zu sein; bei günstigem Verlauf könnte das Ziel schon am Dienstag nach dem Spiel auf den Färöer erreicht sein. Es war vielmehr das gute Gefühl, hinten den Laden endlich mal wieder dicht gehalten zu haben. „Für mich als Torwart war die wichtigste Erkenntnis, dass wir noch zu Null spielen können“, sagte Manuel Neuer.

Zuletzt war das im vergangenen März beim 3:0 in Kasachstan gelungen. In den jüngsten drei Partien musste die deutsche Defensive einem eher wie eine Gruppe altruistischer Aufbauhelfer für Fußball-Schwellenländer vorkommen. Insgesamt neun Gegentreffer auf der Testspielreise in die Vereinigten Staaten sowie beim 3:3 gegen Paraguay schienen all denen Recht zu geben, die Löw eine ungesunde Balance zwischen Offensive und Defensive und mithin magere Erfolgsaussichten für die WM im nächsten Jahr attestieren.

Selbst aus den Reihen der Spieler war während der letzten Tage vernehmlich der Wunsch nach außen gedrungen, doch bitte mehr auf die Verteidigungsarbeit zu achten. Löw, der noch vor dem Paraguay-Spiel seine Liebe zum Angriffsspiel bekräftigt hatte, war in der Defensive und reagierte leicht genervt. Auch, weil er die Kritik in Teilen als unsachlich betrachtete: Test- und Pflichtspiele, sagte der Bundestrainer, dürfe man nicht in einen Topf werfen. Die Vorbereitung auf Österreich nutzte er dennoch, um seine Männer noch einmal an die Grundlagen des Verteidigens zu erinnern.

Vorbereitungszeit genutzt

Nachhilfe in Theorie (Video) und Praxis (Trainingsplatz) standen ganz oben auf der Agenda. Und am Freitagabend durfte Löw sich zumindest für dieses Mal bestätigt fühlen. Es war nicht zu übersehen gewesen, wie fokussiert das ganze Team daran arbeitete, die Österreicher zu stören und unter Druck zu setzen: Verteidigung als Kollektivwerk, ganz so, wie Löw sich das wünscht. „Der große Unterschied war, dass wir eine Woche Zeit hatten, um uns vorzubereiten, und die haben wir sehr gut genutzt“, sagte Kapitän Philipp Lahm nach seinem 100. Länderspiel. „Wir haben gut agiert - in beide Richtungen.“ Die weiteren Treffer von Toni Kroos (51.) und Müller (88.) waren der gerechte Lohn.

Der Alarm also ist fürs Erste abgeblasen. Und doch wird abzuwarten bleiben, wie lange der Lerneffekt anhält. Davon, dass die Mannschaft vor dem 4:4 im vergangenen Oktober gegen Schweden sogar noch ein bisschen länger beisammen war, sprach niemand am Freitagabend. Spannend wird es auch aus einem anderen Grund: En passant hat Löw den Konkurrenzkampf in der Innenverteidigung neu eröffnet. Dass Jerome Boateng eine Chance bekommen würde nach einer beachtlichen Entwicklung beim FC Bayern und einer guten Leistung als Einwechselspieler gegen Paraguay, war abzusehen gewesen.

Hummels auf der Bank

Dass es bei der Suche nach einem Streichkandidaten Mats Hummels treffen würde und nicht Per Mertesacker, dagegen nicht unbedingt. Hummels, das ist klar, hat im Moment einen schweren Stand beim Bundestrainer. Er halte ihn zwar für einen „sehr guten Innenverteidiger“, sagte Löw. Aber: „In den letzten ein, zwei Spielen bei uns oder in Dortmund hat man gesehen, dass er vielleicht noch nicht die Sicherheit vom letzten Jahr hat.“ Man könnte auch sagen: Die Auszeit gegen Österreich war nach diversen Fehlleistungen ein Schuss vor den Bug für den selbstbewussten Profi.

So blieben am Ende noch jene Szenen hängen: Wie sich Neuer, Mertesacker, der überzeugend gespielt hatte, und Boateng nach dem Schlusspfiff gegenseitig zum vollbrachten Tagwerk gratulierten. Wie Boateng nach einer ordentlichen, wenngleich vom einen oder anderen fahrigen Moment getrübten Leistung voller Selbstbewusstsein einen Stammplatz bei der WM sein Ziel nannte. Und wie Hummels mit dem Ihr-versteht-schon-Blick sprachlos Richtung Bus verschwand. Humor, das war die Sache von anderen an diesem Abend.

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