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Nationalmannschaft Bis zur letzten Minute

27.06.2005 ·  Jürgen Klinsmann hält sich seine Personalentscheidungen nicht nur in der Torhüterfrage bis zum Schluß offen. Die Gewinner des Confed Cup sollen sich nicht zu sicher fühlen, die Verlierer die Hoffnung nicht fahren lassen.

Von Michael Horeni
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Selbst Andreas Köpke war verblüfft, als er den Chef über seinen Arbeitsbereich im Fernsehen reden hörte. Der Bundestrainer hatte unmittelbar nach dem verlorenen Halbfinale gegen Brasilien ganz nebenbei die Entscheidung über den Zeitplan festgelegt, nach dem die Frage, wer bei der Weltmeisterschaft im Sommer 2006 im deutschen Tor steht, entschieden wird. "Kurz vor der WM im Mai 2006", sagte Klinsmann. Torwarttrainer Köpke allerdings, war in dieser Frage von Klinsmann nicht gehört worden.

Dabei hatte der frühere Nationaltorhüter in den letzten Monaten aus eigener Erfahrung stets für einen früheren Termin plädiert, um der künftigen Nummer eins etwas länger Sicherheit und dem Verlierer des Duells ein bißchen mehr Zeit zu geben, die Entscheidung zu verkraften. "Wir haben nichts besprochen", sagte Köpke nun im "Kicker". "Eigentlich wollen wir uns nach dem Confed Cup zusammensetzen und alles analysieren. Ich bleibe aber dabei, daß man den richtigen Zeitpunkt nicht verpassen darf, sich auf die Nummer eins festzulegen."

Viele Gewinner und Verlierer

Köpke weiß, wovon er redet. Bundestrainer Berti Vogts entschied sich 1994 auch erst im WM-Trainingslager für Weltmeister Bodo Illgner. Köpke brauchte lange, um diesen Rückschlag zu verkraften, er wollte schon fast nicht mit nach Amerika fahren. Klinsmann weiß das sehr genau.

Das Zeichen, das er nun mit dem späten Termin setzte, zielt aber nicht nur auf Oliver Kahn und Jens Lehmann, sondern auch auf die gesamte Mannschaft. Der Konkurrenzkampf um die Plätze im Weltmeisterschaftskader, so die Botschaft, wird bis zum Ende der kommenden Saison dauern. Die Gewinner des Confederations Cup sollen sich nicht zu sicher fühlen, die Verlierer die Hoffnung nicht fahren lassen - und von beiden gab es in den vergangenen zwei Wochen viele in der deutschen Mannschaft.

Hildebrand sichert nach hinten ab

Patrick Owomoyela und Thomas Brdaric etwa kamen bisher noch überhaupt nicht, Tim Borowski nur wenige Minuten gegen Brasilien zum Einsatz, und es wird für Klinsmann auch nicht leicht werden, sie von ihrer Bedeutung für die Mannschaft nachhaltig zu überzeugen. Ein wenig anders, aber nicht viel besser, sieht es für Marco Engelhardt aus, der aber immerhin für zwanzig Minuten gegen Argentinien das Vertrauen des Bundestrainers erhielt. Ihre wackelige Lage ist den bei diesem Turnier zu kurz gekommenen Nationalspielern vollkommen bewußt, und von mehr als einen Platz im WM-Kader wagen sie angesichts der Konkurrenz auch nicht zu träumen.

Die Torhüter für die WM dagegen stehen - falls sich niemand verletzt oder gegen die Regeln des gegenseitigen Respekts verstößt - schon jetzt fest. Dabei konnte sich Timo Hildebrand in diesen Tagen unter den drei deutschen Einzelkämpfern sogar noch am besten fühlen. Er kam als Nummer drei überraschend gegen Argentinien zum Einsatz und erlebte das beste deutsche Spiel dieses Jahres. Konkurrenz von Rost und Co. muß er nicht mehr fürchten.

Abwehr-Entdeckung Mertesacker

Kahn wurde zwar von Klinsmann wiederholt ausdrücklich als Nummer eins bezeichnet, doch die Arbeitseinsätze waren nicht dazu angetan, das Wohlbefinden des Bayern-Kapitäns weiter zu steigern. Das 4:3 gegen Australien war für ihn "ein grausames Spiel", der zweite und letzte Einsatz an diesem Mittwoch gegen Mexiko im Spiel um Platz drei ist sportlich das bedeutungsloseste Spiel des Turniers. Lehmann erlebte erfreulichere, aber dennoch nur durchwachsene Tage bei der WM-Generalprobe. Er imponierte beim 3:0 gegen Tunesien, konnte das 2:3 gegen Brasilien jedoch nicht verhindern und ist jetzt zudem auch offiziell die Nummer zwei in Klinsmanns aktueller Hierarchie. Außerdem fing er sich von Kapitän Michael Ballack noch einen Rüffel für seine Kritik an den Bayern-Spielern ein, was seiner Stellung im Mannschaftsgefüge nicht gerade diente.

In der Abwehr zählt Per Mertesacker zu den Entdeckungen des Turniers. Der Hannoveraner entwickelte sich mit seinem überlegten, mitunter fehlerlosen und stets fairen Spiel zum Ruhepol in einer wankelmütigen Defensive, die bisher acht Gegentreffer in vier Spielen hinnehmen mußte. Sein Weg führt geradewegs in die WM-Mannschaft. Das Turnier wird aus deutscher Sicht auch mit dem Namen Huth verbunden bleiben, der sich zum Liebling der Fans, aber auch manches Gegenspielers wie Adriano entwickelte. Der physisch und psychisch robuste Innenverteidiger englischer Prägung besitzt, falls er in Chelsea Spielpraxis erhalten sollte, zwar noch viel Steigerungspotential, ob er es allerdings bis zur WM ausschöpfen kann, ist fraglich. Der lange verletzte Dortmunder Christoph Metzelder könnte sein größter Konkurrent werden, womöglich auch der erfahrene Christian Wörns.

Mittelfeld als Prachtstück

Der Berliner Arne Friedrich spielte beim Confederations Cup im Rahmen seiner Möglichkeiten, ohne nachhaltig zu beeindrucken. Aber die Konkurrenz in der Defensive ist nicht besonders groß. Der künftige Stuttgarter Thomas Hitzlsperger hatte in der Vorrunde mehr unglückliche als überzeugende Auftritte - und war im Halbfinale nicht mehr dabei. Ihm könnte Philipp Lahm, falls der künftige Münchner nach einem Kreuzbandriß in ein paar Monaten wieder fit sein sollte, noch leicht enteilen.

Das deutsche Mittelfeld, das Prachtstück der Mannschaft, hat beim Confederations Cup schon Zeichen für die WM gesetzt. Bastian Schweinsteiger hat sich in der Fußballwelt durch seine beherzten Auftritte in kurzer Zeit einen Namen gemacht, auch wenn der brasilianische Trainer Parreira findet, daß dieser Name nun wirklich "unaussprechlich" ist. Auch Kapitän Ballack bescheinigt dem 20 Jahre alten Münchner Offensivgeist eine ungewöhnliche Stabilität. Sebastian Deisler brachte ebenfalls eine neue, lange vermißte Qualität ins deutsche Spiel, von der Klinsmann inständig hofft, sie möge in der kommenden Saison erhalten bleiben bei einem Spieler, der schon zahlreiche Rückschläge erlebt hat. Aber auch Bernd Schneider und Torsten Frings haben im Umkreis von Ballack wieder ihren enormen Stellenwert bewiesen und waren dem künftigen Schalker Fabian Ernst in Wirkung und Einsatzzeiten deutlich voraus.

Klose kommt noch

Im Angriff machte Lukas Podolski ohne viele Worte die beste Werbung für sich. Der Kölner trug ein belebendes Element ins deutsche Spiel, aber die Plätze werden im Sturm weiterhin stark umkämpft bleiben. Kevin Kuranyi ist der treffsicherste Angreifer in der Ära Klinsmann, Gerald Asamoah leistet wichtige Arbeit als kampffreudiger Stürmer, Mike Hanke deutete seine Gefährlichkeit an, aber auch den weiten Weg, den er noch vor sich hat. Zumal mit Miroslav Klose der erfolgreichste deutsche Stürmer der Bundesliga wegen Verletzung bei der Generalprobe fehlte. Aber für den letzten Stürmerplatz im Kader des deutschen Teams gelten ohnehin die gleichen zeitlichen Zugangsbestimmungen wie für den Torhüter Nummer eins: Bis zur letzten Minute ist alles offen. "Wer Tore schießt", sagt Ballack, "ist immer ein Kandidat." Auch wenn man heute seinen Namen vielleicht noch gar nicht kennt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28. Juni 2005
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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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