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Nationalmannschaft Alarm für die deutsche Fußball-Mission

05.02.2008 ·  Vor der Partie gegen Österreich kritisiert Oliver Bierhoff die Einstellung der DFB-Auswahl. Ihn treibt die Sorge, dass sich der Geist, der von Jürgen Klinsmann für die WM 2006 geweckt wurde, verflüchtigen könnte. „Alles plätschert so dahin.“

Von Michael Horeni
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Seit einigen Wochen schon arbeitet es in Oliver Bierhoff. Irgendetwas passte ihm nicht in der Nationalmannschaft. Der Manager spürt schon länger, dass es in der Vorbereitung auf die Europameisterschaft nicht mehr so läuft, wie er sich das vorstellt. Er wusste aber bis zuletzt nicht, wie er auf die Veränderungen, die sich innerhalb des Teams und des Betreuerstabs eingeschlichen haben, reagieren sollte.

Vor einer Woche noch saß er einträchtig mit Bundestrainer Joachim Löw beim Medienworkshop des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zusammen und vermittelte den Eindruck, dass die Dinge ihren von der Weltmeisterschaft gewohnt erfolgreich Gang nehmen würden. Nur ein paar kurze Einlassungen ließen seine Sorgen erahnen.

„Es plätschert alles so dahin“

Sieben Tage später allerdings, bei der Pressekonferenz zum ersten Länderspiel des EM-Jahres gegen Österreich am Mittwoch in Wien, hat der Manager seine Haltung geändert. Bierhoff hat vier Monaten vor dem Auftakt der Europameisterschaft Alarm geschlagen. „Es plätschert alles so dahin. Das gefällt mir gar nicht – und das betrifft den gesamten Bereich“, sagte der Manager. „Wir müssen tierisch aufpassen und wach werden, dass die EM schon jetzt begonnen hat. Der größte Fehler wäre jetzt, entspannt in das Turnier zu gehen.“

Bierhoff vermied es bei seinem Weckruf, allzu konkret oder persönlich zu werden. Seine größte Sorge hinter der vage formulierten Kritik war allerdings offensichtlich: Es ist die Sorge, dass sich der Geist, der von Jürgen Klinsmann für die Weltmeisterschaft 2006 geweckt wurde, verflüchtigen könnte, dass sich eine gewisse Selbstzufriedenheit und Sorglosigkeit breit machen könnte. In den vergangenen Monaten häuften sich die Indizien für diese Befürchtung und die Ausgangsposition beim Start in die EM-Saison 2008 hat sich im Vergleich zum Auftakt des WM-Jahres 2006 verändert – und das nicht gerade zum Vorteil des Teams.

Löw liebt die Taktik

Bierhoff ist daher nicht nur wegen der Verletztenmisere „nachdenklich“, wie er sagt. Es geht um mehr als die Sorge, dass sich die Mannschaft nun schon seit vielen Monaten nicht in ihrer Stammformation antreten kann und der Bundestrainer auch bis zur unmittelbaren EM-Vorbereitung weiter experimentieren muss.

Wie zur Demonstration der veränderten Ausgangslage hatte Bierhoff Fitness-Coach Oliver Schmidtlein mit zur Pressekonferenz ins DFB-Hauptquartier gebracht. Denn auch der Stellenwert der Fitness hat sich in der Nationalmannschaft verändert. Ihr kommt unter Bundestrainer Joachim Löw nicht mehr die gleiche herausragende Bedeutung zu, wie unter seinem Vorgänger. Fitness war und ist das Steckenpferd von Klinsmann, Löw liebt die Taktik. Der Unterschied in den Prioritäten hat Folgen.

„Wir haben fünf Tage weniger Vorbereitung“

Die vielfach so heftig kritisierten Leistungstests, wie sie Klinsmann als Kriterium für die Spieler zur WM-Teilnahme eingeführt hatte, gibt es in dieser Form im EM-Jahr nicht mehr. „Wir werden auf weitere Leistungstests bis zur Europameisterschaft verzichten. Wir werden die Spieler individuell unter die Lupe nehmen“, sagt Schmidtlein. Es fehle für die Fitnesstests an Zeit, was die Fitness-Freunde in der Nationalmannschaft sehr bedauern. Daten über den körperlichen Zustand der Spieler, die vor zwei Jahren noch von der Nationalmannschaft selbst nach einem speziellen und als wichtig angesehen Anforderungskatalog erhoben wurden, werden nun Mannschaftsarzt Tim Meyer bei den Bundesligaklubs abgefragt.

Das soll genügen. Auch auf die unmittelbare Vorbereitung auf das Turnier, die vor zwei Jahren eine wichtige Grundlage des Erfolgs bei der WM war, wirkt sich der Zeitdruck aus. „Wir haben fünf Tage weniger Vorbereitung“, sagt Schmidtlein, „da können wir in der Ausdauer nicht allzu viel machen.“ Die Trainingsinhalte zielen daher nach dem Ende der Bundesliga von vornherein auf Schnelligkeit und Explosivität. Bei der WM konnten dagegen die Fitnessarbeit in den ersten Tagen auch noch mal die Grundlagen bei einigen Spielern verbessern.

Nur zehn Spieler beim Training

Bierhoff drängte zum Start ins EM-Jahr darauf, den Erfolgsfaktor Fitness weiter mit der entsprechenden Sorgfalt zu beachten: „Die WM hat gezeigt, dass die Fitness ein ganz wichtiger Aspekt ist.“ Bierhoff fragt sich, ob dieses vorhandene Bewusstsein auch in entsprechender Weise im Alltag von den Spielern umgesetzt wird. Er ist sich da nicht ganz so sicher, wenn der Druck der Führung auf die Profis nachlässt. Löw indes setzt auch in Sachen Fitness auf „Eigenverantwortung“ der Spieler. Auf die Kontrolle, ob sie neben dem üblichen Vereinstraining wie gefordert an sich arbeiten, wird mittlerweile weitgehend verzichtet.

Bierhoff sieht darin auch eine Gefahr. Er vermisst derzeit jedenfalls die „volle Konzentration“ auf die EM. „Wenn ich jetzt von Spielern in Interviews lese, dass die Europameisterschaft noch weit weg ist, ist das schon ein Warnsignal. Die Spieler müssen schon jetzt ganz konkret das Ziel EM haben. Wir müssen anziehen und Gas geben“, fordert der Manager. Bierhoff kündigte an, bis zur Europameisterschaft „wöchentlichen Kontakt zu den Spielern und engen Kontakt zu den Vereinstrainern“ aufzunehmen. „Wir müssen ganz nah dran sein.“

Gewinnen, um Ruhe zu haben

Es passte ins Bild am Tag des Starts in das EM-Jahr, dass nach der Absage von Oliver Neuville nur zehn Spieler beim auf 19 Profis geschrumpften Kader beim Training mitmachten. Die acht Nationalspieler, die am Sonntag noch bei ihren Vereinen im Einsatz waren, absolvierten im Hotel Regenerationsprogramme. Außerdem fehlte Michael Ballack wegen leichter Muskelbeschwerden an der Wade. Dem Einsatz des Kapitäns nach fast einem Jahr Länderspielpause wird aber nichts im Weg stehen.

Die Selbstverständlichkeit, mit der die WM als großes Ziel schon sehr früh für die Spieler in den Mittelpunkt gerückt wurde, fehlt dem Manager – nicht nur in Sachen Fitness. „Was kann man an neuen Reizen setzen, wo kann man auf Bewährtes zurückgreifen“, fragt sich Bierhoff auch selbst bei seiner Arbeit. Die Persönlichkeitsschulungen, zu der etwa Vorträge aus verschiedenen Bereichen während der Trainingslager zählten, wird es nicht mehr geben. „Das haben wir beiseite geschoben“, sagt Bierhoff. Ebenfalls aus Zeitmangel. Bundestrainer Löw indes gibt sich trotz der Schwierigkeiten weiter gelassen: „Ohne Trainingsrhythmus und Trainingsinhalte in ein Spiel gehen zu müssen, ist schon bedauerlich. Aber wir wollen trotzdem mit einem Sieg ins EM-Jahr starten, damit wir weiter Ruhe haben.“

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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