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Nadine Angerer „Vergleicht mich nicht mit Oliver Kahn!"

 ·  Am Wochenende spielte sie wieder für Turbine Potsdam in der Frauen-Bundesliga und kassierte sogar ein Gegentor. Die WM-Heldin Nadine Angerer im FAZ.NET-Interview über Gefühlsausbrüche, Werbeverträge und den grauen Alltag.

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Am Wochenende spielte sie wieder für Turbine Potsdam in der Frauen-Bundesliga und kassierte beim 1:1 vor 3000 Zuschauern in Essen-Schönbeck sogar ein Gegentor. Die WM-Heldin Nadine Angerer über Gefühlsausbrüche, Werbeverträge und den grauen Bundesliga-Alltag.

In dieser Woche haben sich ja fast alle Showmaster dieser Republik um Sie gerissen: Johannes B. Kerner, Jörg Pilawa, Thomas Gottschalk, um nur einige zu nennen.

Ja, das hätte ich auch nie gedacht, dass ich mal zu „Wetten, dass ...?" komme. Das ist schon eine Ehre. Aber Kerner habe ich abgesagt, da war am gleichen Tag ein Empfang in Potsdam - und der war mir wichtiger.

Nachdem Sie jetzt Ihre Fernsehtauglichkeit bewiesen haben - vielleicht springt ja auch noch ein lukrativer Werbevertrag für die Heldin der Weltmeisterschaft in China heraus ...

Ehrlich, darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Werbeverträge machen - das ist nicht wichtig, sondern dass ich als Typ so bleibe, wie ich bin. Ich bin auf meine Art ein Typ.

Das sieht auch Ihr Trainer bei Turbine Potsdam, Bernd Schröder, so. Er lobt Ihre inneren Werte. Gleichzeitig hegt er Zweifel, ob die Werbung Sie wirklich entdecken will. Er glaubt, die PR-Experten wollen bei Frauen Modelmaße, so wie bei Heidi Klum. Doch mit so einer Figur könne man nun einmal nicht Fußball spielen.

Das ist seine Meinung, das geht auch völlig in Ordnung, was mich betrifft. Für Nagellack und Haarspray könnte ich sicher keine Werbung machen. Das wäre unpassend, ist aber auch nicht mein Ziel. Da gäbe es aber durchaus andere Spielerinnen, die dafür geeignet wären.

Für welches Produkt würden Sie denn gerne werben?

Ach, keine Ahnung. Für irgendwas, bei dem es um Afrika geht. Ich bin ein absoluter Afrika-Fan.

Man hört, für Ihren großen Traum von Afrika wollen Sie auch Ihre 50.000 Euro WM-Siegprämie einsetzen.

Erst mal zahle ich für die Prämie Steuern. Wohl nicht zu knapp. Dann schauen wir mal, was übrig bleibt. Das wird gespart. Irgendwann möchte ich ein Hotel für Rucksacktouristen in Afrika eröffnen. Dafür brauche ich noch mehr Geld, also muss ich noch ein paar weitere Titel gewinnen.

Es ist bekannt, dass Fußballspielerinnen den Vergleich mit männlichen Kollegen nicht mögen. Verzeihen Sie uns also, wenn wir behaupten: Sie hatten bei dieser WM etwas vom Titanen.

Bitte nicht.

Warum nicht?

Oliver Kahn ist ein sehr, sehr guter Torwart. Aber ein Vergleich mit ihm? Nein, da habe ich was dagegen. Wir sind vom Torhüterspiel völlig konträr. Wenn ich einen Vergleich ziehen würde, dann bin ich eher auf Jens Lehmanns Seite: der mitspielende Torwart. Oliver Kahn ist ein Beißer, Durchbrecher. Das bin ich nicht.

Aber da waren auch Ihre Gesten und Ihre Mimik bei dieser WM. Man hatte das Gefühl, Sie kriechen in das Spiel hinein und vergessen alles um sich herum. Dann gab es immer wieder eruptionsartige Gefühlsausbrüche. So wie bei Kahn.

Das stimmt, das war absolut so. Es waren ja auch immer spannende Spiele. Das hört sich vielleicht nicht so an, wenn wir 3:0 gegen Nordkorea oder Norwegen gewinnen - aber die Partien waren nicht so eindeutig. Da stauen sich unheimlich viele Emotionen auf. Als Feldspielerin kann man die abbauen, als Torwart nicht. Aber trotzdem würde ich mich nicht mit Kahn vergleichen wollen.

Weil er es manchmal übertreibt?

Also ich beiße keinem ins Ohr oder in den Hals oder was weiß ich wohin. Das ist nicht meine Art.

Wie finden Sie jetzt in den Alltag zurück? Die Massen haben Ihnen zugejubelt. Nun steht nur eine Woche später an diesem Sonntag bei der SG Essen-Schönebeck das erste Bundesligaspiel danach an.

Bis Donnerstag durfte gefeiert werden. Dann war wieder das erste Training. Es geht jetzt ganz normal weiter bei Turbine Potsdam. Das ist mein Arbeitgeber - die Basis, der Alltag. Ich bin da ein ganz verlässlicher Typ.

In China waren die Stadien voll, jetzt werden Sie auf der Bezirkssportanlage "Am Hallo" in Essen wohl allenfalls vor knapp 1000 Zuschauern spielen.

Meine Güte, das gehört zum Alltag. Damit muss man sich abfinden. Was nicht heißt, dass ich nicht lieber vor 30.000 Leuten spiele.

Auch 2003 gab es nach dem WM-Gewinn eine gewisse Hysterie um den Frauenfußball in Deutschland, einen kurzen Boom. Die Bundesliga ist aber letztlich unbedeutend geblieben in der öffentlichen Wahrnehmung. Sie sind in Potsdam mit 1200 Zuschauern im Schnitt schon der Ligakrösus.

Ja, das ist schade. Die Bundesliga muss auch endlich was tun. Ich bin schon jahrelang ein Verfechter von Änderungen. Es gibt so viele Baustellen in der Liga. Das fängt beim Management an und hört bei den Spielerinnen auf.

Was meinen Sie genau?

Es geht nicht um die Nationalspielerinnen. Die trainieren ja sieben- bis zehnmal in der Woche. Es geht um die anderen. Da musst du halt auch mal für weniger Geld zweimal am Tag trainieren, um dich weiterzuentwickeln - und so auch die Attraktivität der Liga zu erhöhen. Die breite Masse müsste also auch mal Opfer bringen. Doch die meisten sagen: Ich kriege nur ein paar hundert Euro, warum soll ich mehr tun, als ich muss? Das ist der falsche Ansatz, dann haben wir weiter zu hohe Leistungsunterschiede, die die Liga langweilig machen.

In Sachen Management zeigt ja zumindest der 1. FFC Frankfurt, wie man Frauenfußball bestens vermarkten kann.

Man kann über den Manager Siegfried Dietrich streiten, ob er sympathisch ist oder nicht - aber man muss seine Leistung sehen. Da muss ich sagen: Hut ab! Die Richtung stimmt. Wir brauchen zumindest generell ein Halbprofitum. Und zwar auch für jene Spielerinnen, die nicht in der Nationalmannschaft stehen.

Sind denn diese Defizite in der Liga die einzige Erklärung dafür, dass Frauenfußball in Deutschland wie beim WM-Finale neun Millionen Menschen vor die Fernsehschirme lockt, aber keine Fans auf die Bundesligaplätze?

Fakt ist, dass es auch nur in der Nationalelf absolute Stars gibt. Die fehlen in einigen Vereinen völlig. Doch das Publikum will Identifikationsfiguren, wie sie die Männerteams zuhauf haben.

Bekannte Figuren, wie Sie bei der WM eine geworden sind?

Ach, das weiß ich nicht, ob ich jetzt ein Star bin. Ich habe eine supergute WM gespielt, aber jetzt muss auch das Beiwerk stimmen. Wenn ich jetzt nicht den Hebel auf den Alltag umlegen kann, dann war das nur ein kurzes Vergnügen. Im Moment kann ich das alles überhaupt noch nicht einschätzen. Fragen Sie mich in drei, vier Monaten noch einmal. Dann weiß ich, ob sich mein Leben verändert hat.

Das Gespräch führte Matthias Wolf

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.10.2007, Nr. 40 / Seite 20
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