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Nadine Angerer Nummer eins mit Diplom

Wenn es im Kollektiv der deutschen Weltmeisterinnen eine hervorstechende Spielerin gibt, dann ist sie es. Nadine Angerer parierte im Endspiel einen Elfmeter und blieb das ganze Turnier ohne Gegentor. Ihren Status als Nummer eins hat sie dennoch nicht sicher.

© AP Vergrößern Die unbezwingbare Frau des Turniers: Nadine Angerer

Da stand sie nun im Stadion von Schanghai am Gitter der Mixed Zone und redete in die Mikrofone, wie sie es noch nie zuvor getan hatte in ihrem Leben. Auf deutsch, auf englisch und wieder auf deutsch, für die Presse, fürs Fernsehen und wieder für die Presse, und als sie wieder einmal mitten dabei war, zu erzählen, wie das war mit dem Elfmeter gegen Marta in der zweiten Halbzeit, kam DFB-Präsident Theo Zwanziger vorbei und drückte ihr im Vorübergehen ein Küsschen auf die Wange.

Nadine Angerer grinste, verdrehte die Augen und redete einfach weiter, und jeder konnte sehen, wie glücklich die Torhüterin mit sich und ihrer Rolle in der deutschen Nationalmannschaft in diesen Augenblicken war. Als schließlich fünf, sechs Stunden später der nächste Morgen über Schanghai anbrach und eine lange Feier im Mannschaftshotel hinter den alten und neuen Weltmeisterinnen lag, hatte Nadine Angerer vier Einladungen für Fernsehsendungen in Deutschland eingesammelt, und dies ist nur ein erstes Indiz dafür, dass sie nicht mehr in dasselbe Leben zurückkehren wird, aus dem sie vor vier Wochen zur Fußball-Weltmeisterschaft gestartet ist.

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„Die Nadine trägt jetzt auch eine Verantwortung“

Es wäre nicht sehr überraschend, wenn Nadine Angerer auf dem Boulevard nun zur neuen Torwart-Titanin ausgerufen wird. Torhüter haben hierzulande eine große Tradition, es ist eine Rolle, die die Deutschen lieben. Der Torwart ist seit Toni Tureks Zeiten ein deutscher Mythos, und so stehen die Chancen nicht schlecht, dass nun auch der Frauenfußball mit dem Namen Nadine Angerer länger verbunden sein wird als nur für ein paar Wochen Weltmeisterschaft DFB-Präsident Theo Zwanziger mit seinem Gespür für öffentliche Wirkung hat das noch in der Siegernacht zum Thema der Zukunft gemacht. „Auf Nadine wird jetzt eine ganz neue Geschichte zukommen“, sagte Zwanziger am Abend in Schanghai.

Deutschlands Frauen sind Fussball-Weltmeister 2007 © ddp Vergrößern Der gerechte Lohn für die herausragenden Leistungen

Er will der Torhüterin von Turbine Potsdam dabei helfen, die neue Rollen anzunehmen, denn mit ihrer Story verknüpft der Präsident auch große Hoffnungen. „Es ist wichtig für den deutschen Frauenfußball, dass wir neben Birgit Prinz, die ja schon Kultstatus hat, eine Reihe weiterer junger Frauen sichtbar machen mit ihren Leistungen. Und nur dann hast du ja auch wirklich eine Chance in einer Welt, die von Medien und Kommunikation geprägt ist, auch tatsächlich für die, die nachwachsen, etwas zu tun.“ Zwanziger erwartet, „dass sie sich als Typ in der Öffentlichkeit darstellt“ und aktiv auf die Medien zugeht. „Die Nadine trägt jetzt auch eine Verantwortung. Ich werde sie zur Seite nehmen und ihr genau das sagen.“

„Ich habe hier ganz schön unter Druck gestanden“

Am Sonntag hat sie, wie man im Fußball so sagt, auch dafür Verantwortung übernommen. Und so erzählte sie immer wieder, wie das war mit dem Elfmeter. „Ich habe den Elfmeter von Marta im Viertelfinale gegen Australien gesehen. Da hat sie den Ball nach links geschossen. Und da habe ich gedacht, jetzt schießt sie nach rechts. Als habe ich lange gewartet solange es geht und bin dann nach rechts und dann hat sie auch nach rechts geschossen.“ Sie selbst habe nach dem gehaltenen Elfmeter gespürt, dass „ein Ruck durch die Mannschaft“ gehe. Aber sie selbst war sogar noch nach dem 2:0 in der 86. Minute noch angespannt. „Ich habe die anderen angeschrieen: Konzentriert bleiben“, erzählte sie. Das waren die anderen dann auch.

Damit war Sporthistorisches geschafft. Sechs WM-Spiele, 540 Spielminuten, kein Tor kassiert: Noch nie in der Geschichte des Fußballs konnte eine Mannschaft eine solche Bilanz nach einer Weltmeisterschaft vorweisen. Da ist es nicht so überraschend, dass Nadine Angerer noch etwas braucht, um zu verstehen, was in diesen Tagen mit ihr passiert ist. „Ich habe hier ja ganz schön unter Druck gestanden“, sagt sie. Sie kam nach Jahren des Wartens ja nur ins Tor, weil Silke Rottenberg sich verletzt hatte und nicht mehr rechtzeitig fit geworden ist für die Weltmeisterschaft.

Die erste deutsche Diplom-Torhüterin

„Ich kann das alles noch gar nicht so realisieren. Dazu brauche ich wohl noch ein paar Tage“, sagte sie. Eine „positive Leere“ spüre sie. „Natürlich freue ich mich, dass die Null wieder gestanden hat und ich meinen Teil zum Erfolg beitragen konnte.“ Der Internationale Fußball-Verband wählte Nadine Angerer nicht nur zur besten Spielerin des Finals, sondern auch zur besten Torhüterin des Turniers. Auf der Urkunde, die sie in den Händen hielt, stand dick gedruckt: Diplom. „Ist doch schön, erst mein Examen als Physiotherapeutin und jetzt auch noch ein Diplom.“

Nadine Angerer ist also nun die erste deutsche Diplom-Torhüterin, aber weil Deutschland ja das Land ist, wo die Torhüter wachsen, und Silke Rottenberg den Kampf nicht aufgeben wird, muss Nadine Angerer sogar im eigenen Team weiter um ihren Platz kämpfen, und das als beste Torhüterin der Welt in diesen Tagen. Aber dass sich auch da was verändert hat, das weiß sie natürlich auch. „Ich denke, Silke ist jetzt in der Rolle der Herausforderin“, sagte Nadine Angerer. Das hörte sich in der Nacht des WM-Triumphs schon wieder verdammt nach deutschem Torwart-Alltag an.

Quelle: F.A.Z.

 
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