26.08.2009 · Torhüterin Nadine Angerer versucht in Finnland mit den deutschen Fußballfrauen den EM-Titel zu gewinnen. Doch sie hat noch andere Ziele. Im FAZ.NET-Interview spricht Angerer über Zumutungen in der Nationalelf, Liebe zur Fotografie und den Traum von Afrika.
Nadine Angerer ist Weltmeisterin und Stammtorhüterin der deutschen Frauenfußball-Nationalmannschaft. Derzeit ist sie bei der Europameisterschaft in Finnland im Einsatz. Beim ersten Gruppenspiel gegen Norwegen gewann die Auswahl von Bundestrainerin Silvia Neid mit 4:0 und hat nun beste Aussichten auf den Einzug in die K.o.-Runde (siehe auch: 4:0 gegen Norwegen - DFB-Frauen: Hoch gewonnen und lange gezittert).
Dort will Nadine Angerer durchstarten und den siebten EM-Titel für die deutsche Mannschaft festhalten. Im FAZ.NET-Interview spricht die Torhüterin des 1. FFC Frankfurt, die beim WM-Gewinn 2007 ohne jedes Gegentor blieb, über Geld, die WM 2011 im eigenen Land, Zumutungen in der Nationalelf und ihren großen Traum von Afrika.
Sie sind begeisterte Fotografin. Was haben Sie in Frankfurt bislang in den Fokus genommen?
Ich habe bislang vor allem Streetart fotografiert.
Ist das Graffiti-Kunst?
Nein, das hat nicht viel mit Sprayen zu tun. Das ist Kunst, die man überall findet: am Kanaldeckel oder am Kaugummiautomaten. Eben auf der Straße.
Und was sagt diese Streetart über Frankfurt aus?
Ich denke mal, dass Frankfurt im Vergleich zu meiner alten Heimat Berlin beispielsweise ein wenig hintendran ist. Berlin ist kreativer. In Frankfurt muss man genauer hinschauen.
Was haben Sie sich vor Ihrem Wechsel aus Stockholm zum FFC unter Frankfurt vorgestellt?
Banker, Schlipsträger und so.
Ist es anders gekommen?
Ich kenne Frankfurt noch zu wenig, um das abschließend beurteilen zu können. Ich wohne mitten im Taunus, keine direkten Nachbarn, keine befestigte Straße. Aber es gibt doch viel mehr normale Menschen in Frankfurt, als ich dachte. Aber Schlipsträger gibt es natürlich auch. Die könnte ich eigentlich mal fotografieren.
In China haben Sie während der Weltmeisterschaft 2007 vor allem Häuser fotografiert. Was haben Sie sich jetzt für die Europameisterschaft in Finnland vorgenommen?
Es wird sicher nicht so spannend wie in China. Aber mich interessieren auch dort Häuser und Architektur.
Fotografieren Sie auch Fußball?
Nein, das interessiert mich nicht. Nur eins ärgert mich: dass ich nicht alle Kabinen aus meiner Karriere fotografiert habe. Da waren Sachen dabei ...
Zum Beispiel?
Sofas als Umkleide, Kabel aus der Wand, offenes Klo mitten in der Kabine oder Stehklos in Russland mit ein Meter hoher Trennwand. Dann steht plötzlich deine Gegnerin neben dir.
Der FFC war für Sie früher ein Hauptkonkurrent. Wie ist es, heute auf der anderen Seite zu stehen?
Ich fühle mich superwohl. Die Mannschaft ist noch viel netter, als ich es erwartet habe.
Was hatten Sie erwartet?
Die FFC-Spielerinnen standen bei uns in Potsdam immer im Ruf, dass sie nichts miteinander unternehmen. Aber es ist anders, viel besser, als es dem Ruf nach sein sollte.
Was ist mit Ihrem Spruch aus Potsdamer Tagen, dass Sie niemals nach Frankfurt gehen wollten?
Bislang hat mir niemand sagen können, wann ich das gesagt haben soll. Aber wenn ich es mal gesagt habe, dann habe ich das damals auch so gemeint. Man kann aber seine Meinung ändern.
Hat Sie nur das Geld nach Frankfurt geführt?
Mir geht es hier finanziell gut. Das ist sicher auch ein Grund für den Wechsel gewesen. Für mich war aber auch wichtig, dass es etwas aufzubauen galt, weil das Team auf Platz vier stand, als ich kam.
Sie kennen FFC-Manager Siegfried Dietrich, der seit rund einem Jahr auch Ihr persönlicher Berater ist, und den Potsdamer Trainer Bernd Schröder sehr gut. Erklären Sie mal, wieso die beiden immer wieder aneinandergeraten?
Eine Zeitung hat mal getitelt: Zickenkrieg der Männer - und das war wirklich so. Wir Spielerinnen haben uns immer schon gut verstanden trotz der jahrelangen Konkurrenzsituation. Wir sind nach Spielen auch mal in Berlin oder hier in Frankfurt zusammen weggegangen. Das war immer ein Ding der Manager. Aber vielleicht hat uns das auch gegenseitig angestachelt. Und diese Rivalität hat sicher dazu beigetragen, dass die Bundesliga spannender geworden ist.
Im April, beim Länderspiel in Frankfurt gegen Brasilien, schien der FFC ein Auslaufmodell zu sein. Bei der Europameisterschaft aber zählen trotz der schlechten Saison vier oder fünf Spielerinnen zu den Kandidatinnen für die Startelf. Welche Rolle spielt der FFC noch in der Nationalmannschaft?
Immer noch eine wichtige Rolle. Das liegt auch daran, dass Ariane Hingst wieder fit ist, dass Birgit Prinz gesund ist, dass Saskia Bartusiak super trainiert hat. Ich finde es hilfreich, wenn gewisse Blöcke zusammenspielen. Man kennt sich, das ist ein Vorteil. Erfolgreich waren wir immer, wenn viele Frankfurterinnen und Potsdamerinnen oder Duisburgerinnen dabei waren.
Sie waren lange nur als Nummer zwei im Tor dabei. Wie haben Sie es verkraftet, fast ein Jahrzehnt lang hinter Silke Rottenberg auf Ihre Chance warten zu müssen?
Das waren schwere Zeiten. Ich war oft an dem Punkt, wo ich ans Aufhören dachte. Dann durfte ich aber mal wieder zwei Spiele machen und hatte Hoffnung. Dann landete ich wieder auf der Bank. Das war schlimm. Aber Birgit Prinz oder Ariane Hingst beispielsweise haben mich immer wieder aufgemuntert, nicht aufzuhören. Die Mannschaft war toll, nur so konnte ich das wohl durchhalten.
War diese Wartezeit eine Lehre?
Sicher, ich weiß jetzt, dass sich Warten lohnt. Ich wusste aber auch immer, dass ich irgendwann entschädigt werde.
Sie gelten als wenig stromlinienförmig. Wie vereinbart sich das mit Mannschaftssport?
Ich finde mich ganz normal, ehrlich gesagt. Für mich zählen vielleicht Dinge zum Leben, die andere komisch finden. Ich habe kürzlich beispielsweise für meinen Rucksackurlaub die Flüge gebucht, aber kein Hotel, weil ich mir dann vor Ort was suche. Da haben einige Mitspielerinnen schockiert gesagt: Natze, das kannst du doch nicht machen! Aber natürlich kann man das machen, weil ich immer was finde zum Übernachten. Für mich ist einfach unvorstellbar, einen All-inclusive-Urlaub zu machen. Das ist langweilig.
Wie ertragen Sie dann All-inclusive-Reisen mit der Nationalmannschaft, da sind Sie wie jetzt wegen der EM samt Vorbereitung zwei Monate in ein Korsett gezwungen?
Da muss ich mich unterordnen, weil ich Fußball spielen will und das so organisiert ist. Das ist in Ordnung, auch wenn es mir richtig schwerfällt, mich in diesen Terminplan einzufügen. Sicher ist das auch ein Grund, weswegen ich nach der Karriere erst einmal nach Afrika will. Ich will raus aus den ganzen Zwängen und dort vielleicht eine Unterkunft für Rucksacktouristen aufbauen.
Können Sie abseits des Platzes schnell vom Fußball abschalten?
Nach großen Turnieren oder Spielen brauche ich schon mal zwei, drei Tage. Fußball ist mir nun mal sehr wichtig, und ich trainiere für mein Leben gern. Aber ich brauche einen Ausgleich. Meine Freunde zum Beispiel haben Gott sei Dank nichts mit Fußball zu tun. Die fragen mich dann, warum ich beim Freistoß eine Mauer davorstelle. Das sei doch unfair. So was tut mir gut.
Warum sind Sie als Abenteurerin nicht nach Amerika gewechselt, Sie hatten schließlich Angebote für die neue Women Professional Soccer League?
Ich habe mit Bundestrainerin Silvia Neid gesprochen. Sie hatte mir zugestanden, dass ich es machen könne, wenn ich wolle. Sie wollte nur, dass ich zu gewissen Vorbereitungslehrgängen da wäre. Das wäre für mich aber mit enormem Reisestress verbunden gewesen. Aber die Nationalmannschaft war immer meine Motivation, also wollte ich das hier durchziehen. Sicher spielte auch eine Rolle, dass ich als Nummer eins mehr Verantwortung für die Mannschaft trage. Als Nummer zwei wäre ich wohl nach Amerika gegangen.
Sie gelten als Spielerin, die auf Reisen etwas von Land und Leuten mitbekommen will. Versuchen Sie, andere zu animieren?
Ariane Hingst und Birgit Prinz, das ist inzwischen meine Clique, habe ich schon sensibilisiert. Die habe ich bei den Olympischen Spielen in China in jeden Massageladen mit reingezogen. Das klappt super. Die anderen sind manchmal vorsichtig. Aber das ist ja nicht schlimm.
Wie machen sich die Generationenunterschiede in der Mannschaft bemerkbar?
Die ganz jungen Spielerinnen sind anders drauf als wir früher. Da geht es häufiger auch um Mode und Schminke. Sie sind aber keine Zicken, sondern gute Typen und Teamplayer.
Welche Rolle spielt die WM 2011 in Deutschland im Mannschaftskreis?
Zu Anfang des Jahres habe ich nur an 2011 gedacht. Ich musste mir selbst oft sagen, dass wir noch eine EM in diesem Jahr haben.
Den „Weltrekord“ mit 540 Minuten ohne Gegentor haben Sie bei der Weltmeisterschaft 2007 durch sechs Zu-null-Spiele erobert. Haben Sie sich vor der EM mal erkundigt, wo der „Europarekord“ liegt?
Das interessiert mich nicht, an so etwas denke ich noch nicht mal. Ich will Europameisterin werden.
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 21 | 32 | 46 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 21 | 35 | 44 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 20 | 21 | 41 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 20 | 19 | 40 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Werder Bremen | 21 | -1 | 33 | ![]() |
| 6. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 21 | 0 | 31 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 21 | -2 | 31 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 21 | -11 | 27 | ![]() |
| 9. | ![]() |
VfB Stuttgart | 21 | 3 | 26 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 21 | -2 | 25 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1. FC Köln | 20 | -11 | 24 | ![]() |
| 12. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 21 | -6 | 23 | ![]() |
| 13. | ![]() |
Hamburger SV | 20 | -9 | 23 | ![]() |
| 14. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 20 | -12 | 21 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hertha BSC | 21 | -11 | 20 | ![]() |
| 16. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 21 | -11 | 18 | ![]() |
| 17. | ![]() |
FC Augsburg | 20 | -14 | 17 | ![]() |
| 18. | ![]() |
SC Freiburg | 21 | -20 | 17 | ![]() |