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Münchner Olympiastadion Der Fußball sagt der kühlen Schönheit gar nicht leise Servus

14.05.2005 ·  1972 Olympische Spiele, 1974 Fußball-Weltmeister, zahllose Bundesligaspiele - mit dem letzten Ligaspiel, das im Schatten des Zeltdachs über den Rasen geht, verläßt der große Sport das Münchner Olympiastadion.

Von Ulrich Kaiser
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Das erste Tor erzielte Gerd Müller. Das war nichts Besonderes an diesem 26. Mai 1972 - er erzielte auch das zweite, dritte und vierte Tor. Am Schluß hatten die Deutschen das Länderspiel gegen die Auswahl der Sowjetunion mit 4:1 gewonnen. Mit dem Abstand von 33 Jahren ist das Ergebnis dieses Spieles eher nebensächlich geworden - zumindest weniger geschichtsträchtig als der Schauplatz des Geschehens. An jenem frischen Maiabend - genau drei Monate vor der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in München - wurde in diesem Stadion das erste Fußballspiel ausgetragen. Das Spiel galt als eine der vielen Olympia-Proben für die Sportstätten damals. Selbstverständlich verlief diese Probe genauso zur Zufriedenheit wie alle anderen. Es ist anzunehmen, daß Gerd Müller auch an diesem 14. Mai 2005 im Stadion sein wird. Dann trägt der FC Bayern München gegen den 1.FC Nürnberg hier das letzte Heimspiel der Liga im Olympiastadion aus. Unmittelbar nach dem Abpfiff des bayerischen Derbys wird Bayern-Kapitän Oliver Kahn die Trophäe für den 19. deutschen Meistertitel in Empfang nehmen. 33 Jahre nach dem ersten Auftritt verabschieden sich die Münchner so wie es mit einem 5:1-Sieg am letzten Spieltag der Saison 1971/72 begann: Einer Ehrenrunde des Meisters mit Schale und Schampus, bevor traditionsgemäß auf dem Münchner Marienplatz weiter gefeiert wird.

Sie ziehen um in die moderne Fußball-Arena am östlichen Stadtrand Münchens - die Bayern und auch die Sechziger. Jeder Südreisende auf der A 9 wird den drallen Bau wie ein über Nacht gelandetes UFO empfinden. Man wird sich daran genauso gewöhnen wie damals 1972, als das kleine Stadion auf Giesings Höhen verlassen wurde, das im Vergleich zu seinem Nachfolger nicht mehr als eine Dachkammer war. Die Architektur der kühlen Schönheit des Olympiastadions erschien den Spielern und den Zuschauern damals als non-plus-ultra. Aber Fußballer müssen ja nicht unbedingt Architekturliebhaber sein - und ein Schmuckstück schützt nicht gegen Regen. Nur wer einmal einen Novembernachmittag auf der Gegentribüne verbrachte weiß, wovon die Rede ist.

Wichtig für die Entwicklung des FC Bayern

Es ist sehr fraglich, ob der mittlerweile neunzehnmalige Meister FC Bayern München ohne das Olympiastadion eine ähnliche Entwicklung in der Reihe der großen Klubs der Welt genommen hätte. Sie wurden damals dreimal hintereinander deutscher Meister, Pokalsieger, Europapokalsieger. Es war um diese Zeit, als man von der besten deutschen Nationalelf aller Zeiten sprach. In der Mannschaft standen sechs Spieler des FC Bayern. Damals wurde mit den weitaus höheren Zuschauerzahlen unter anderem auch gelernt, größeres Geld zu verdienen. Es gab ja erst zwei Fernseh-Kanäle.

Der Fußball sagt der kühlen Schönheit gar nicht leise Servus

Natürlich bildet der Auszug des Fußballs aus dem Olympiastadion einen Einschnitt in die gesamte Infrastruktur der Anlage auf dem Oberwiesenfeld. In den 33 Jahren kamen 158 Millionen Menschen hierher: Darin enthalten sind 39 Millionen Besucher bei insgesamt 1120 Fußballspielen. Dazu gehören fünf Spiele der Weltmeisterschaft 1974, drei Spiele der Europameisterschaft 1976 und 1988, zwölf Länderspiele, ein halbes Dutzend internationaler Finalspiele - dazu die Liga- und Pokalspiele des FC Bayern und von 1860 München. Die jetzt ausbleibenden Fußballspiele werden einen Fehlbetrag von 4,5 Millionen Euro im Jahr ausmachen, die die Olympiapark GMBH als städtischer Betreiber irgendwie wieder hereinbringen sollte. Das Olympiastadion verliert 45 Veranstaltungen im Jahr - das bedeutet 1,8 Millionen Besucher.

Auch Johannes Paul II. war hier

Rund sechzig Veranstaltungen gab es in diesem Stadion, die nichts mit dem Fußball zu tun hatten: Katholische und Evangelische Kirchentage, die drei Tenöre, ein Sonnenfinsternisfest, eine Messe von Johannes Paul II., Michael Jackson, die Rolling Stones, der Wachtturm-Weltkongreß und eine Reihe großer Leichtathletik-Meetings mit den Europameisterschaften, Ziel und Start der Deutschlandrundfahrt und insgesamt vier Open-Air-Konzerte.

Natürlich sind es nicht nur Krokodilstränen, die man dem Olympiastadion nachweint. Es gibt keine andere Anlage dieser Art auf der ganzen Welt und das Zeltdach ist für die Stadt München genauso ein typischer Blickfang wie die Türme der Frauenkirche oder das Siegestor. Aber in einem 18seitigen Bericht, der jetzt im April zusammengestellt wurde, heißt es sehr richtig, daß "bei aller Euphorie die Münchner Olympiabauten vorwiegend mit Blick auf die 16 Tage olympische Nutzung und weniger mit Blick auf die Nachnutzung geplant und realisiert worden sind. Nur aus diesem Blickwinkel heraus war es zu verantworten, derartige Spezialgebäude, die nahezu ausschließlich unter architektonischem Gesichtspunkt realisiert worden sind, zu bauen."

Keine Olympia-Ruine dank zweier Bundesligaklubs

Es war ein Glücksfall, daß eine, mitunter auch zwei Fußballmannschaften der ersten Liga diesen Platz regelmäßig bespielten und das Stadion auf dem Oberwiesenfeld so nicht zur olympischen Ruine wurde. Es war deshalb auch durchaus verständlich, daß man zunächst einen großen Umbau erwog. Man wurde bei den endlosen Diskussionen aber nie den Eindruck ganz los, daß trotz langer Beratungen und fertiger Pläne die Arbeiten mit halbem Herzen angepackt wurden. Der FC Bayern begab sich in die gleiche Lage, in der sich mitunter auch der wohlsituierte Bürger befindet, der nicht mehr zur Miete wohnen möchte, sondern seine eigenen vier Wände haben will. Es kam deshalb zumindest dem auch hier wortführenden FC Bayern nicht ungelegen, daß der Architekt Günter Behnisch sich vor dreieinhalb Jahrzehnten die Urheberrechte an dem ganzen Olympia-Ensemble gesichert hatte. In der Praxis bedeutete das, daß im Olympiapark kein Hinweisschild verändert werden darf. In dem Papier des Olympiapark, in dem übrigens der Name Behnisch nicht genannt wird, heißt es: "Installationen in bestehenden Einrichtungen, wie beispielsweise dem Olympiastadion, unterliegen - sobald sie außerhalb der geschlossenen Räumlichkeiten geplant sind - der Zustimmung der Urheberechtsinhaber."

Die neue Aera des Münchner Olympiastadions beginnt Ende Mai mit einem Open-Air-Kino vor der größten Kinoleinwand Europas. Es folgt Anfang Juni die "Weinwelt", eine stadionfüllende Messe - danach kommt die Oper "Turandot", die Geschichte der Prinzessin, die ihre Bewerber umbringen ließ, wenn sie das Rätsel nicht zu lösen vermochten. Wenn im August die Fußballsaison 2005/06 in der neuen Arena beginnt, gibt es im Olympiastadion ein Open-Air-Konzert mit "U2".

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