25.03.2006 · „Das ist das leichteste Spiel der Saison“, behauptet Trainer Kohler vor dem Heimspiel seines MSV Duisburg gegen den FC Bayern. Fragt sich nur, wie. Sein zumeist überfordertes Personal steuert scheinbar unaufhaltsam dem Abstieg entgegen.
Von Richard Leipold, DuisburgJürgen Kohler gehört nicht zu den Fußball-Lehrern, die das Publikum aufgrund ihres Charismas faszinieren. Aber zwei Stilmittel hält der Cheftrainer des MSV, der sportlich bisher wenig bewegt hat, konsequent durch, wenn er vor die Medien tritt: ein je nach Situation zum Grinsen steigerbares Lächeln, das Freude am Leben ausdrückt; dazu ein paar verbale Versatzstücke, die einstudiert klingen - als hätte er sie in einem Rhetorikkurs an der Volkshochschule gelernt.
"Das ist das leichteste Spiel der Saison", behauptet Kohler vor dem Heimspiel an diesem Samstag gegen den FC Bayern München. Der Tabellenführer sei "der richtige Gegner zum richtigen Zeitpunkt", sagt er, und er wird diese Sätze noch oft wiederholen. Aus seinen Worten spricht eine humoristisch anmutende und in Teilen vielleicht auch so gemeinte Sicht auf den von Woche zu Woche ernster werdenden Ernst des Fußball-Lebens. Gegen den deutschen Rekordmeister könne seine Elf nur gewinnen - so oder so, sagt er. Fragt sich nur, wie. Diese Frage bleibt unbeantwortet, soviel sei schon verraten. Vermutlich könnte sie nicht einmal ein rhetorisches Naturtalent beantworten.
Nach den Bayern kommen Schalke, Hamburg und Bremen
Duisburg ist Siebzehnter der Tabelle, sechs Punkte und ein paar Tore vom ersehnten fünfzehnten Platz entfernt; auswärts notorisch schwach und daheim mit einem Programm, das für die von Kohler beschworene Vision einer Aufholjagd in der Wirklichkeit wenig Raum läßt: Nach den Bayern kommen Schalke, Hamburg und Bremen in die hübsche MSV-Arena, die viel zu schade ist für die zweite Liga. Kohler erwartet gegen München "eine couragierte Leistung", und er formuliert diesen Anspruch so oft, als könnte er auf diese Art die Chance seines zumeist überforderten Personals steigern, einen überraschenden Erfolg zu erringen.
Wie schwer die Duisburger Herkules-Aufgabe wird, illustrieren die Namen der Spieler, die Kohler als Hoffnungsträger aufführt: Marino Biliskov, Necat Aygün, Tobias Willi, Alexander Bugera, Markus Kurth und Carsten Wolters. Sie waren zuletzt gesperrt, verletzt oder formschwach. Gegen Bayern aber sollen sie die Widerstandskräfte einer fast hoffnungslos verlorenen Mannschaft derart stark mobilisieren, daß sie "vieles an Reputation zurückgewinnt", wie der Trainer sagt.
Chance für den MSV „ist klein“
Zuletzt hatten die Duisburger in Frankfurt ihre Kreditlinie selbst bei den geduldigsten Menschen in der Anhängerschaft überzogen. Nach der Rückkehr aus Hessen warteten viele Fans vor der MSV-Arena auf den Mannschaftsbus und verwickelten die Profis nach Feierabend in eine Diskussion. Kohler fand diese erzwungene Basisarbeit befruchtend. "Die Fans waren zu Recht sauer, und es hat ihnen gutgetan, mal Dampf abzulassen." Kohler behauptet, die Spieler wüßten nun, "daß sie gefordert sind". Gut, daß sie darüber gesprochen haben.
Weniger gern spricht Kohler über die Zukunft. Selbst der Trainer, der ungeheuer forsch angetreten ist, erkennt im Dickicht des Wunschdenkens schemenhaft die Konturen der Wirklichkeit. Die Chance, in der Bundesliga zu bleiben, "ist klein", sagt er. "Wir müssen realistisch sein." Bei so viel Sinn für das Machbare drängt sich die Frage auf, ob Kohler im Falle des Abstiegs die Herausforderung zweiter Klasse annimmt. Er umdribbelt das Thema mit einem Klassiker aus dem Fundus der Floskeln. "Ich konzentriere mich nur auf das nächste Spiel." Kein Konzept für die zweite Liga? "Doch, das haben wir", entgegnet Kohler, es sei schon im Februar entwickelt worden, Gespräche mit möglichen neuen Kräften liefen. Nur ob der Trainer selbst Bestandteil dieses Plans ist, läßt er offen. Seine Neigung, nach dem Abstieg zu bleiben, scheint gering.
Klubchef Hellmich will sportlich mitreden
Kohler mag kein großer Redner sein; der einstige Nationalspieler ist aber erfahren und schlau genug, seine Mitstreiter in den Führungsgremien in die Pflicht zu nehmen. Statt sich zu rechtfertigen, stellt er Ansprüche. "Die Strukturen im Verein müssen sich ändern, wie es besprochen ist." Dahinter verbirgt sich die Forderung nach einem Manager mit sportlicher Kompetenz und guten Kontakten. De facto bestimmt neben dem Trainer allein der Vereinsvorsitzende Klubchef Walter Hellmich die Geschicke des MSV. Der Bau-Unternehmer führt zugleich den Aufsichtsrat der Kapitalgesellschaft an, die den Traditionsklub ummantelt. Kritiker behaupten deshalb, "Strukturen" müßten nicht geändert, sondern überhaupt erst geschaffen werden.
Hellmich gilt als unschlagbar, wenn es darum geht, in der strukturschwachen Region wirtschaftliche Potentiale zu erschließen und Sponsoren anzuwerben. Aber der Zweiundsechzigjährige ist offenbar beseelt von dem Ehrgeiz, auch sportlich mitzureden. Menschen, die es gut mit ihm meinen, halten es für überfällig, daß er auf diesem Gebiet entlastet wird. Wie lange Jürgen Kohler noch zu diesen Ratgebern gehört, ist eine der vielen ungelösten Fragen, die auf den MSV Duisburg zukommen.
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |