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Mönchengladbach Befreit von der Diktatur - Köppels Borussia

28.10.2005 ·  Die Kritiker des sanften Trainers reiben sich die Augen. Horst Köppel hat sich mit seiner Mannschaft in die Spitzengruppe vorgearbeitet. Nach zehn Runden stehen die Gladbacher unerwartet günstig da.

Von Richard Leipold, Mönchengladbach
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Die Mönchengladbacher Fans haben ein Lied in ihrem Repertoire, das sie bei Spielen gegen Dortmund besonders gern singen. Eine Mischung aus Provokation, Treueschwur und Alleinvertretungsanspruch. "Es gibt nur eine Borussia." Für Horst Köppel gilt das nicht. Der Fußball-Lehrer hat für beide Vereine gearbeitet und sympathisiert mit beiden. Für Gladbach hat er gespielt und Meisterschaften errungen, in Dortmund hat er sich als Trainer profiliert und den nationalen Pokal gewonnen.

Inzwischen arbeitet er wieder an seinem Wohnort - als Trainer der Gladbacher Profis. Die Feinheiten in der Wertschätzung wechseln, je nachdem, bei welchem der beiden Klubs er gerade angestellt ist. "Meine Nummer eins ist Borussia Mönchengladbach, meine Nummer zwei ist Borussia Dortmund", sagt Köppel. "Als ich beim BVB gearbeitet habe, war es umgekehrt." So gesehen ist die Partie an diesem Samstag ein Spitzenspiel: Dortmund gegen Gladbach, die Nummer zwei gegen die aktuelle Nummer eins.

Spitzenmannschaft auf Zeit

Auch sportlich hat sich Köppel mit seiner Mannschaft in die Spitzengruppe vorgearbeitet. Nach zehn Runden stehen die Gladbacher dort, wo die Dortmunder gern wären: auf dem fünften Tabellenplatz. Zuletzt holten die Rheinländer aus fünf Partien dreizehn Punkte. Fans wie Verantwortliche reiben sich die Augen, Köppels Kritiker erst recht. Kaum jemand hatte ihm zugetraut, so durchzustarten; schon gar nicht nach den ersten fünf Spielen, von denen die Gladbacher nur eines (gegen Aufsteiger Duisburg) hatten gewinnen können.

Nach dem mäßigen Start sei "eine Hektik aufgekommen", über die er sich nur wundern könne, sagt Köppel. Nach dem jüngsten Scheitern im Pokal gegen Berlin seien schon wieder Nörgler auf den Plan getreten, im sogenannten Umfeld, "aber auch im Verein", wie er sagt, ohne Namen zu nennen. Er könne nur davor warnen, den aktuellen Stand als Trendmeldung oder gar verläßliche Hochrechnung mit Blick auf den Jahresabschluß zu deuten. Der Cheftrainer sieht den VfL Borussia noch als Spitzenmannschaft auf Zeit. "Wir sollten den Augenblick genießen, dabei aber realistisch bleiben. Wir stehen da, wo wir am Schluß nicht stehen werden." Für Köppel wäre das Ziel erreicht, wenn sein Team "Zehnter oder Zwölfter wird, ohne zwischendurch in Abstiegsgefahr zu geraten". Bei Hertha oder Leverkusen, derzeit hinter Gladbach plaziert, vermutet er "mehr Potential". Sollte der Größenwahn als Gegenspieler in Gladbach den Zweikampf suchen, geht der Trainer dazwischen - und predigt Bescheidenheit.

Demokratie wieder eingeführt

Während seine selbstbewußten Vorgänger oft die falschen Spieler einkauften oder den falschen Ton pflegten (oder beides), hat Köppel die Demokratie wieder eingeführt. Er sieht den Spieler als Mitarbeiter, nicht als Nummer, als bloßen Gehaltsempfänger, der zu funktionieren hat, gleichgültig wie. Die Profis kommen sich vor wie befreit von einer Diktatur. Nach der Rückkehr in die erste Liga hatten Hans Meyer, Ewald Lienen, Holger Fach und Dick Advocaat versucht, die Mannschaft von der Abstiegszone fernzuhalten. Männer aus verschiedenen Generationen, die jeder auf seine Art letztlich nach der Devise geherrscht haben: Ihr braucht mich nicht zu lieben, Hauptsache, ihr fürchtet mich. Sie haben der Mannschaft viele neue Gesichter, aber nie ein richtiges Gesicht gegeben. Am Ende mußte "Papa Horst" auf die sanfte Art das Schlimmste verhindern.

In der vergangenen Saison knapp dem Abstieg entronnen, hätte das Präsidium am liebsten wieder einen großen Namen präsentiert. In Leverkusen erzählt man sich, die Gladbacher hätten Reiner Calmund, den früheren Bayer-Manager, zu überreden versucht, mit ihnen nach Istanbul zu fliegen, damit er bei Fenerbahce-Trainer Christoph Daum ein gutes Wort für sie einlege. Dann mußten sie mit Köppel verlängern, ihm einen lukrativen Vertrag zugestehen, den kurioserweise der frühere BVB-Präsident Gerd Niebaum als Berater für ihn ausgehandelt hat. Den Vertrag mit einem Mann, der mit Vorurteilen behaftet schien: zu alt, zu weich, zu lange aus dem Profigeschäft raus. Im ersten Drittel der Saison hat sein Personal diese Vorbehalte spielend widerlegt.

Kickende Feingeister

Im Team gibt es einige Studenten, die nach höherer Bildung streben. Thomas Broich etwa, Ze Antonio oder Kasey Keller. Diese kickenden Feingeister studieren derzeit, neben ihrem universitären Fachgebiet, den Erfolg auf dem Fußballplatz und fühlen sich wohl. "Während meiner Zeit in Tottenham bin ich immer mit einem Buch rumgelaufen, da war ich wie ein Alien", sagt Keller. Seine Kollegen hatten andere Interessen. "Es ging nur um Autos, Alkohol und Frauen." Mit solchen Typen hätte Köppel vermutlich mehr Schwierigkeiten. Der 57 Jahre alte Trainer legt Wert auf Umgangsformen, die von Respekt für das Gegenüber zeugen. Als er den Mittelfeldstrategen Broich ein paar Wochen lang nicht für die Start-Elf nominierte, lobte er zumindest dessen "gutes Benehmen".

Vielen Profis in der Bundesliga eilt der Ruf voraus, sie erinnerten in ihrem Charakter an Raubtiere. Wo sonst Dompteure und Animateure gefragt sind, kommt Köppel fast als väterlicher Freund daher. "Ich brauche einen Draht zu den Spielern. Deshalb will ich wissen, was sie bewegt, und ich wünsche mir, daß die Spieler auch wissen wollen, was mich bewegt." Dieser Anspruch klingt im Fußballgeschäft wie eine Vision. Horst Köppel mag ein wenig zu sehr an das Gute im Profi glauben - an eine Rückkehr ins Westfalenstadion vor achtzigtausend Zuschauern hat er nicht geglaubt. "Ich habe auch gar nicht danach gestrebt", sagt er. Das macht ihn unabhängig - und auf seine Weise stark.

Quelle: F.A.Z. vom 29. Oktober 2005
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