Seien wir realistisch: Sie werden in diesen Tagen häufig das Wort Offenbach in den Mund nehmen, in den Köpfen aber wird eher das Wort München eine Rolle spielen, oder?
Man kann es nicht ausschließen. In der Öffentlichkeit ist der Fokus natürlich schon auf die Bayern gerichtet. Das erste Bundesligaspiel der Vereinshistorie gegen den deutschen Rekordmeister, das ist schon etwas ganz besonderes für diesen Klub, für diese Stadt. Aber in unserem Fokus liegt ganz klar Offenbach. Weil wir natürlich auch noch den letztjährigen Pokalwettbewerb im Kopf haben.
Als Sie bis ins Halbfinale kamen, wo es dann aber gegen Borussia Dortmund jäh und schmerzhaft zu Ende ging: mit der allerletzten Aktion der Verlängerung. Wurmt einen das noch?
Wenn uns einer im Vorfeld gefragt hätte, was hättet ihr lieber, den Aufstieg oder das Erreichen des Pokalfinales und die Europa-League-Qualifikation, dann denke ich, dass wir uns alle für den Aufstieg entschieden hätten. Die Art und Weise, wie wir ausgeschieden sind, war natürlich mehr als schmerzlich.
Es war zugleich das erste Mal, dass ganz Fußball-Deutschland auf Greuther Fürth geschaut hat und erkannt hat: Hoppla, da entwickelt sich ja was. Hat sich die öffentliche Wahrnehmung da auf einen Schlag geändert?
Das hat man an den Reaktionen gespürt, die aus ganz Deutschland eintrudelten. Es gab viele, die uns zu einem mitreißenden Spiel gratuliert haben - und uns Mut zugesprochen haben: Dass wir es jetzt doch endlich packen sollen. Dass wir hochgehen sollen.
Hatte das Spiel Einfluss auf den Verlauf in der Liga - ist der Mannschaft da bewusst geworden, was sie leisten kann?
Sie wusste es eigentlich vorher, aber es hat sie noch mal bestärkt. Es war ja immer so, dass uns der Makel anhaftete, wenn es drauf ankommt, dann packen sie’s sowieso nicht. Das konnten wir dann mit der dritten Runde im Pokal ablegen, mit dem Sieg beim „Club“. So ein Ereignis, wo du als kleine Spielvereinigung beim großen Nachbarn gewinnst, das war ein Aha-Effekt. Auch wenn man sieht, was danach in den Straßen los war. Da entstand etwas zwischen den Leuten, den Anhängern und uns. Ich sage immer, der Aufstieg war die Befreiung der Fürther Seele. Weil es ja immer hieß, sie können nicht, sie wollen nicht. Weil du ja immer belächelt wurdest als Fürther. Und wenn der Aufstieg die große Befreiung der Seele war, dann wurde mit dem Spiel gegen den „Club“ der Zugang zur Seele geöffnet. Von daher denke ich, dass es dort begann.
Der Pokal war also der Türöffner für die Bundesliga?
Das denke ich schon, ja.
Trotzdem fragen sich viele: Wie kann ein Verein wie Greuther Fürth es in die Bundesliga schaffen? Als Sie hier anfingen, haben Sie ja auch nicht wirklich einen künftigen Erstligaklub vorgefunden.
Wir waren auf Platz 15, kurz davor, auf einen Abstiegsplatz zu rutschen, und dann ist der Verein ins Risiko gegangen. Er hat sich für einen Trainer entschieden, der zwar in zwei verschiedenen Phasen als Interimstrainer beim FC Schalke 04 fungiert hat und zwischenzeitlich Co-Trainer war, der aber bis zu diesem Zeitpunkt nie so selbstverantwortlich eine Vorbereitung geführt hat bei einem Profiverein. Das war aus Sicht von Greuther Fürth schon ein Risiko.
Aus Ihrer aber auch.
Naja, was hatte ich zu verlieren? Außerdem wusste ich, dass hier mit vielen jungen Spielern gearbeitet wird. Dass es nicht nur darum geht, Bälle weit und lang zu schlagen, sondern wirklich darum, Fußball zu spielen. Darin konnte ich mich wiederfinden. Trotzdem ist es ein Abenteuer, klar. Das erste Mal raus aus NRW, aus dem Rheinland, aus dem Ruhrgebiet, das ist schon ein Abenteuer. Aber ich denke, dass es beide Seiten bis zum heutigen Tag nicht bereut haben.
Aber wie macht man in zweieinhalb Jahren aus einer abstiegsgefährdeten Zweitligamannschaft ohne besondere wirtschaftliche Möglichkeiten einen Erstligaaufsteiger?
Wir sind damals in der Rückrundentabelle Siebter geworden. Da siehst du schon, da ist ein bisschen Qualität in der Mannschaft. Dann geht es darum, dass du nicht auf die Idee kommst, 12 bis 15 Spieler müssen raus und die gleiche Zahl an Neuzugängen wieder rein. Sondern diese Mannschaft peu à peu weiterzuentwickeln - ohne, dass man alles umschmeißt.
Und was hat dann den Ausschlag gegeben, dass es diesmal geklappt hat?
Wir haben ein junges Team, ein talentiertes Team, ein spielstarkes Team, das auch noch eine hohe Laufbereitschaft hat. Wir wollten nicht warten, was macht Gegner XYZ, und schauen wie sich ein Spiel entwickelt. Sondern wir wollten den Rhythmus vorgeben. Das Geschehen eher in die gegnerische Hälfte verlagern. Das hat dafür gesorgt, dass wir bestimmender auftreten. Und dann kam natürlich dazu, dass wir uns selbst auf den Arm genommen haben mit unserer „Unaufsteigbar-Tour“. Das wissen Sie ja besser als ich, dass man im Journalismus verschiedene Schubladen hat, und Greuther Fürth lag eben in der Schublade unaufsteigbar. Und so wollten wir selbst mit dem Begriff ein bisschen spielen, um den Wind aus den Segeln zu nehmen, um zu zeigen, dass wir damit auch offensiv umgehen können.
Ist es wirklich so, dass so etwas einen Effekt auf die Köpfe der Spieler hat?
Wenn du immer wieder hörst: Ihr schafft’s sowieso nicht, und du bist noch nicht so stabil, dann kann das schon dafür sorgen, klar. Und die Aussage an sich ist mir eben zu einfach. Weil man die Fälle nie miteinander vergleichen kann.
Würden Sie für sich in Anspruch nehmen, die neue Mentalität mit reingebracht zu haben?
Das müssen andere beurteilen. Aber was ich am Anfang nie verstanden habe, war, dass man sich hier immer sehr klein gemacht hat. Natürlich sind wir ein kleiner Verein, aber wir stehen für etwas. Und das, wofür wir stehen, darauf können wir stolz sein.
Es ist zwar auch eine Schublade, aber da haben Sie wohl einfach die fränkische Fußballmentalität erlebt: Was schiefgehen kann, wird schon schiefgehen.
Ja, diese permanente Skepsis. Im vergangenen Jahr haben wir am 25. Spieltag 1:0 gegen Alemannia Aachen gewonnen. Da will jemand mit mir wetten, dass wir es wieder nicht schaffen. Da standen wir auf Tabellenplatz eins. Da sag ich: Hast Du es immer noch nicht verstanden? Kriegst Du nicht mit, was hier passiert? Was soll das? Vielleicht ist es auch eine Form von Selbstschutz. Aber es hat mich schon ein bisschen erschrocken, wie skeptisch man dem Ganzen hier gegenüberstand. Und wie wenig Glaube hier herrschte. Man muss das ja immer im Verhältnis sehen. Wenn du mit einem unterdurchschnittlichen Etat Jahr für Jahr oben mitspielst, dann ist es an sich eine positive Leistung. Wenn du permanent junge Spieler entwickelst, dann ist das eine Auszeichnung. Da passte mir die Gewichtung gar nicht. Das war ein Kampf, das ist ein Kampf.
Ist es das immer noch?
Wir haben jetzt eine Euphorie, das ist unvorstellbar. Wir haben das ja erlebt auf dem Rathausplatz, als wir die Zweitliga-Meisterschaft gefeiert haben. Das war schon ein besonderer Moment. Deswegen sage ich: Befreiung der Fürther Seele. Du wirst immer gedrückt. Du bist immer der Kleine. Du schaust immer hoch zum Nachbarn, der, was die Bundesliga-Historie betrifft, mehr zu bieten hat. Und jetzt stehst du auf einer Stufe. Es ist wichtig für die Leute, dass sie jetzt auch mal als Bundesligist wahrgenommen werden. Aber wir wissen, dass es für einen Verein wie Fürth eine wahnsinnige Aufgabe ist, in diesem Konzert der Großen mitzuspielen. Ein tagtäglicher Kampf, in dem wir uns immer am Limit bewegen müssen, um überhaupt eine Chance zu haben. Aber wir sind bereit, uns immer am Limit zu bewegen. Wir wollen das verteidigen. Wir wollen einen ähnlichen Weg gehen wie Augsburg, Mainz oder Freiburg. Das müssen unsere Ideale sein.
Mainz ist ein gutes Stichwort. Der Klub hat sich inzwischen fest in der Liga etabliert. Ist so ein Level auch für Fürth machbar?
Hätte man sich als Mainzer vorstellen können, dass man mal so einen Level erreicht? Auch in Mainz sind die Leute nicht in Scharen zum Bruchweg gelaufen, als sie noch in der 2. Liga waren. Auch Mainz hatte diese Phase unter Kloppo (Jürgen Klopp), wo sie mehrmals am letzten Spieltag den Aufstieg verpasst haben. Aber sie haben in der Zeit danach sehr viel richtig gemacht. So ein Verein kann für uns ein Vorbild sein.
Mainz, Augsburg, Freiburg, Fürth - es gibt viele kleinere Klubs, die eine Nische in der Bundesliga gefunden haben. Ist jeder Zweitligist ein potentieller Erstligist?
Bei einem kleineren Verein muss man sagen: Du brauchst eine Idee, eine Philosophie, aber auch Geduld und Beständigkeit. Konstanz ist sehr, sehr wichtig. Und wenn du das hast, dann hast du oftmals Vorteile gegenüber anderen Traditionsvereinen, die vielleicht wirtschaftlich die besseren Voraussetzungen haben, die aber immer wieder so eine innere Unruhe in sich haben. Dann wird dort sehr oft emotional und selten rational entscheiden.
Welchen Fehler darf man jetzt in Fürth nicht machen?
Erstmal muss man akzeptieren, dass es sein kann, dass man öfter verliert als in der zweiten Liga. Und es ist wichtig, dass man dann trotzdem ruhig bleibt. Man hat es letztes Jahr bei den Augsburgern gesehen. Die eine nicht so gute Vorrunde gespielt haben, die für viele Leute schon weg waren, genauso wie Freiburg. Die sich aber selbst treu geblieben sind und gesagt haben: Das ist unser Weg, dafür stehen wir, das sind unsere Werte, das ist unsere Spielphilosophie, und wir gehen diesen Weg weiter. Letztendlich wurden sie dafür belohnt. Und so müssen wir auch sein.
Fassen Sie doch noch mal prägnant zusammen: Wofür steht Fürth?
Wir sind ein kleiner, familiär geführter Verein, der wirtschaftlich nie ins große Risiko gehen wird. Und wir sind ein Verein, der sich primär über Talente definiert, die fußballerisch sehr gut ausgebildet sind, die in der Lage sind, mit einem hohen Tempo zu spielen und die noch nicht am Zenit Ihrer Karriere stehen.
Eine Besonderheit ist doch auch Helmut Hack: Dass ein Verein so stark von einer Person dominiert wird, gibt es sonst kaum noch. Es heißt, er sei nicht nur Präsident und Geschäftsführer sondern auch der Fürther Chefscout.
Das ist auch so eine Schublade. Es ist nicht so, dass der Präsident Spieler kauft und ich davon erfahre, wenn sie in der Kabine stehen. Es ist nicht so, dass wir da einen Alleinherrscher haben, der die Richtung vorgibt, und alle müssen folgen. Es werden schon alle Entscheidungen im Team getroffen. Aber es ist natürlich so, dass der Präsident in diesen Prozessen dabei ist, und dass er auch manchmal Prozesse antreibt, zum Beispiel das neue Stadionprojekt. Dass er auch mit seiner Frau Karin manchmal am Wochenende die Drittligastadien abgrast, um zu schauen, ob da neue Talente sind. Er ist schon ein Mensch, der diesen Verein mit Haut und Haaren lebt.
Sie haben von Kontinuität gesprochen, zögerten aber selbst lange, Ihren Vertrag zu verlängern. Das haben viele Leute hier nicht verstehen können...
Das tangiert mich nicht so sehr, ob das einer versteht oder nicht. Wichtig ist, dass ich es verstehen muss. Es ist ganz einfach so, dass ich diesen Job liebe, aber es gibt über diesem Job noch was in meiner internen Wertigkeit, und das ist meine Familie. Und wenn du schon so lange pendelst wie ich, seit zweieinhalb Jahren, musst du dich fragen: Möchtest du das noch ein weiteres Jahr machen? Und dann war es natürlich auch abhängig davon, welche Ligazugehörigkeit haben wir. Wir haben alle sehr, sehr viel Energie aufgewendet, um dieses Ziel zu erreichen, und werden dieses Jahr auch wieder sehr viel Energie brauchen. In so einem kleinen Verein müssen wir manchmal auch über unsere Grenzen gehen. Und dann ist die Frage: Machst du das noch ein weiteres Jahr, wenn die Familie 460 Kilometer weit weg ist? Ich weiß, dass ich einen sehr langfristigen Vertrag unterschreiben könnte, da reden wir nicht über zwei oder drei Jahre, sondern über wesentlich mehr. Aber es ist für mich immer wichtig, dass sich in so einer Entscheidung alle wiederfinden müssen, speziell auch meine Familie, dass sie es mitträgt.
Hat die öffentliche Begeisterung, dieser Mentalitätswandel auch eine Rolle gespielt?
Ja, definitiv. Wer mich kennt, weiß, dass ich ein emotionaler Mensch bin. Und als man dann da bei der Aufstiegsfeier da oben stand und gedacht hat: Das kann nicht Fürth sein, das muss woanders sein - das sind dann schon Momente, in denen man sich fragt: Und jetzt verlässt man vielleicht den Verein? Es hört sich vielleicht doof an, weil Fußball für viele Leute bloß ein Geschäft ist - aber vielleicht habe ich mir da einfach zu viel Fußballseele bewahrt.