Home
http://www.faz.net/-gtm-rfrw
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Michael Skibbe im Interview „Niemand wird an die Wand genagelt"

 ·  Der neue Trainer von Bayer 04 Leverkusen, Michael Skibbe, im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über seinen Führungsstil, sein Verhältnis zu Rudi Völler und den positiven Druck.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Der neue Trainer von Bayer 04 Leverkusen, Michael Skibbe, im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über seinen Führungsstil, sein Verhältnis zu Rudi Völler und den positiven Druck.

Sie haben mehr als fünf Jahre keine Vereinsmannschaft trainiert. Kommt man da nicht aus der Übung?

Nein. In den vergangenen sieben Jahren habe ich mich auf absolutem Topniveau bewegt. Bei der A-Nationalmannschaft hatte ich jahrelang mit den besten deutschen Profis zu tun. Und bei der U 20, meiner letzten Station beim DFB, habe ich mit Leuten gearbeitet, die mittlerweile in der Bundesliga oder gar in der A-Nationalelf spielen. Lukas Sinkiewicz vom 1. FC Köln, Marcell Jansen aus Mönchengladbach oder Mario Gomez vom VfB Stuttgart haben vor kurzem noch bei mir trainiert.

Warum haben Sie den sicheren Arbeitsplatz beim DFB aufgegeben?

Es war immer klar, daß ich irgendwann wieder in die Bundesliga will. Bei der Nationalmannschaft schickt man die Spieler nach Hause, trifft sie sechs Wochen später wieder, und kaum einer kann sich erinnern, warum man überhaupt verloren hat. Es ist hochattraktiv, in der Bundesliga zu trainieren, und für mich persönlich ist es auch hochattraktiv, bei Bayer 04 Leverkusen zu arbeiten, nicht nur weil ich in Düsseldorf wohne. Es hat mich gereizt, wieder mit Rudi Völler zusammenzuarbeiten.

Jetzt stehen Sie wieder jeden Tag unter Druck.

In der Bundesliga zu arbeiten ist Druck pur. Aber das will man doch auch als Trainer, es macht mir nichts aus.

Die Geschäftsführung hatte zunächst eine andere Lösung favorisiert: mit Völler als verantwortlichem Teamchef und Ihnen als Trainer. Wie haben Sie Bayer vom Gegenteil überzeugt?

Dieses Modell war für Rudi Völler wie auch für mich nur in der Nationalmannschaft denkbar und machbar. Bei Bayer kam es nicht in Frage, das wollte der Rudi ja auch nicht. Er hat gesagt: Dauerhaft auf der Bank, das ist nicht meine Welt.

Haben Sie sich in Ihrem Vertrag bestimmte Kompetenzen zusichern lassen?

Es gibt natürlich vertragliche Regelungen. Aber es gibt auch eine persönliche Absprache zwischen Rudi Völler und mir.

Welche?

Daß Rudi Völler die große Identifikationsfigur ist für alle, die bei Bayer 04 arbeiten. Er ist der Fußballchef hier. Auf der anderen Seite bin ich als Cheftrainer der Profimannschaft alleine verantwortlich für Training, Taktik und Aufstellung. Es kommt uns zugute, daß wir schon bei der Nationalmannschaft sportlich auf einer Wellenlänge gelegen haben.

Ist Ihr Verhältnis zu Völler eine gute Arbeitsbeziehung oder würden Sie ihn als Ihren Freund bezeichnen?

Auf jeden Fall ist es erst mal ein Arbeitsverhältnis. Losgelöst davon sind wir auch befreundet. Das gute daran ist: Unter Freunden sagt man sich eher die Meinung als unter bloßen Arbeitskollegen.

Bei Ihrer Premiere in Mainz hat die Mannschaft vorgeführt, warum es nicht erstrebenswert ist, Bundesligatrainer zu sein.

Sonst hätte ja kein Trainerwechsel stattgefunden. Das Spiel in Mainz war ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie es nicht funktionieren kann im Mannschaftssport. Da sind wir beim Hauptthema: Elf gute Fußballer ergeben noch lange keine gute Mannschaft. Wir brauchen Homogenität und Leidenschaft in der Mannschaft. Wenn ich merke, daß ein Spieler andere Interessen verfolgt, muß ich ihn rausnehmen.

Kann man innere Werte wie Leidenschaft überhaupt trainieren?

Man kann doch mit Feuer trainieren, das kann der Trainer einfordern, das muß aber am Wochenende auch jeder Spieler von seinen Kollegen einfordern. Der Trainer sollte nicht nur einzelne Spieler ansprechen, er muß in die ganze Gruppe hineinwirken.

Wie geht das?

Wenn mir bei einem einzelnen etwas nicht paßt, spreche ich das gerne vor der Gruppe an, ohne ihn vorzuführen. Wenn ich jemanden vor versammelter Mannschaft kritisiere, sage ich ihm das vorher, damit er weiß, daß er nicht überfallartig an die Wand genagelt wird. Eine Profimannschaft ist ein sensibles Gebilde. Wenn man die Dinge immer unausgesprochen läßt, bekommt die Mannschaft das Gefühl, der Trainer versucht, vieles zu kaschieren.

Was fordert der Klub von Ihnen?

Rudi Völler und ich sind uns einig: Die Mannschaft muß eine Handschrift bekommen, meine Handschrift. Das wichtigste ist die Identifikation der Mannschaft mit dem Verein. Und natürlich wollen wir erfolgreich sein.

Wie definieren Sie Erfolg?

Wir spielen zwar derzeit im Mittelfeld, aber wir können den Anschluß zu Platz fünf wieder herstellen. Erst zum Saisonende hin wird sich zeigen, ob wir stabil genug sind, Fünfter zu werden.

Vor der Saison behaupteten die Verantwortlichen, die Qualifikation für die Champions League sei möglich.

Die ersten vier erscheinen mir zu gut und zu stabil, als daß wir sie überholen könnten.

Sie sind in Gelsenkirchen geboren, haben für Schalke gespielt und Dortmund trainiert. Empfinden Sie es nicht als Kulturschock, in Leverkusen zu arbeiten?

Im Gegenteil, das zu behaupten wäre despektierlich unserem Verein und unseren Fans gegenüber. Ich habe hier schon begeisternden Fußball in der Champions League gesehen. Außerdem: Es heißt Bayer 04, genauso wie Schalke 04, hier wird seit hundert Jahren Fußball gespielt, in den vergangenen fünfzehn Jahren verdammt erfolgreich. Michael Ballack hat sich in Leverkusen auch immer total wohlgefühlt. Auch das hat ihn zu dem großen Spieler gemacht, der er heute ist. Ballack würde nie etwas Schlechtes über Bayer 04 sagen. Das gleiche gilt für Lucio.

Eine Frage an den früheren Bundestrainer: Muß Jürgen Klinsmann in Deutschland leben, um Erfolg zu haben?

Das zu klären ist Sache der Vertragspartner. Es gibt ja Verträge, die hat der DFB gemacht. Danach ist es wohl in Ordnung so. Als Vorgänger steht es mir nicht zu, das zu kommentieren.

Aber Sie haben eine Meinung?

Ja, ja, aber ich erwarte umgekehrt ja auch, daß Klinsmann sich nicht über meine Arbeit in Leverkusen äußert.

Das Gespräch führte Richard Leipold.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 22. Oktober 2005.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel
Umfrage

Wer gewinnt das Champions-League-Finale 2013?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

Verpasste Chance

Von Uwe Marx

Ach hätte er doch! Uli Hoeneß sagte mal im Scherz, dass er die Borussia am Aktientiefpunkt hätte kaufen sollen. Mittlerweile dürfte er den Kaufverzicht bereuen. Mehr