06.09.2010 · Hinterherlaufen oder zurücktreten? Michael Ballack ringt um eine Entscheidung. Seine Zeit in der Nationalelf ist vorbei. Den besten Zeitpunkt für den Rücktritt hat er schon verpasst.
Von Michael HoreniDem Kapitän geht es besser. Am Donnerstag fehlte Michael Ballack noch beim Training von Bayer Leverkusen. Am Freitag beim 4:0 im Testspiel gegen Schalke war er von Anfang an wieder dabei. Er spielte, aber er schwieg. Dass ihm die Begründung des Bundestrainers in der Kapitänsfrage vom Mittwoch auf den Magen geschlagen war, mit der Löw den „Capitano“ von gestern zwar offiziell im Amt beließ, aber ihm damit faktisch die Tür zur Nationalelf zuschlug, hatte man ihm schon am Mittwoch angesehen. Mit zerknirschtem Gesicht verweigerte Ballack jeden Kommentar. Am Freitag das gleiche Bild: Ballack äußerte sich mit keinem Wort zu seiner Rolle in der Nationalelf - und bestieg unter dem Schutz von Sicherheitskräften den Bayer-Bus. Sein Schweigen dauert an. Die Wortlosigkeit bedeutet im Fall Ballack nichts anderes als Ratlosigkeit. Der Kapitän a.D. weiß offenkundig nicht, wie er mit einer Situation umgehen soll, in der es für ihn nichts mehr zu gewinnen gibt. Seine Zeit ist vorbei.
Hinterherlaufen oder zurücktreten - das sind die Möglichkeiten, die Ballack bleiben. Aber unter beiden Varianten leidet der bald 34 Jahre alte Profi, der bis zum Tritt von Kevin-Prince Boateng kurz vor dem Turnier in Südafrika nur in der Starrolle als einziger deutscher Profi von Weltklasse zu Hause war. Und Hinterherlaufen ist nicht die Sache Ballacks, um genau zu sein: aussichtsloses Hinterherlaufen. Denn dem Leistungsprinzip hat sich der im Osten sozialisierte und im vereinten Deutschland ganz groß gewordene Mittelfeldspieler stets unterworfen.
Aber ihm dürfte nicht entgangen sein, dass das Leistungsprinzip, das Löw in der Nationalelf etabliert hat, in seinem Fall nach anderen Maßstäben funktionieren soll. Löw machte deutlich, dass sich Ballack in den kommenden Wochen und Monaten erst durch starke Leistungen in Leverkusen für die Nationalmannschaft empfehlen müsse. Bisher war es allerdings so, dass die Bundesliga für den Bundestrainer aus guten Gründen ein zu vernachlässigendes Kriterium darstellte. Es zählte für ihn nahezu ausschließlich die Leistung in der Nationalelf - die jahrelange und am Ende auch belohnte Treue zu Podolski und Klose wäre anders auch nicht möglich gewesen.
Nationalspieler auf Bewährung
Auch Ballack kann für sich in Anspruch nehmen, in der Nationalelf über Jahre hinweg kontinuierlich gute Leistungen abgeliefert zu haben - aber das zählt in seinem Fall offenbar nicht mehr. Sein Konkurrent Khedira hat das vor dem 1:0-Sieg gegen Belgien sehr deutlich zum Ausdruck gebracht: „Michael Ballack hat in seiner Karriere sehr viel geleistet für den deutschen Fußball und besonders bei großen Turnieren immer hervorragende Leistungen gezeigt. Aber bei allem Respekt vor ihm: Das darf jetzt keine Rolle mehr spielen.“
Die Variante Hinterherlaufen droht für Ballack also zu einem Rennen wie zwischen Hase und Igel zu werden - Khedira ist immer schon da. Denn wie stark muss Ballack in der Liga auftreten, um vor Khedira in die Mannschaft zu kommen, wenn sich der Mittelfeldmann von Real Madrid in der Nationalelf festspielt? Diese Antwort hängt alleine davon ab, ob der um seine Form ringende Ballack tatsächlich noch gewollt wird in der Nationalelf - und danach sieht es ganz und gar nicht aus. Einen Tick besser, wie sich der Bundestrainer gerne ausdrückt, kann Khedira im Zweifel immer bewertet werden.
Zeit und die Stimmung als Gegner
Aber derzeit gibt es diesen Zweifel nicht - Khedira hat sich einen schönen Vorsprung herausgespielt. Nach der Partie am Dienstag gegen Aserbaidschan (20.45 Uhr/ FAZ.NET-Länderspiel-Liveticker) wird zudem schon in rund drei Wochen der Kader für den nächsten Doppelspieltag nominiert - dann ist fast die halbe EM-Qualifikation rum. Die Zeit und die Stimmung sind Gegner, an denen Ballack aus eigener Kraft nicht mehr vorbei kommt.
Variante II, der Rücktritt: Ballack hatte im Fall von Frings gefordert, dass der Bundestrainer ehrlich mit verdienten Spielern umgeht. Wenn ein Spieler nicht mehr gebraucht würde, solle Löw das offen sagen. Der Bundestrainer hat das nicht getan, und das Schweigen von Ballack legt zwei Dinge nahe. Erstens: Dass er nicht möchte, dass die Nationalmannschaftsführung mit einer kalten Abservierung durchkommt - sonst hätte er, bevor er an Löws langen Arm verhungert, seinen Rücktritt schon erklärt. Zweitens: Dass er noch keinen Weg gefunden hat, wie er der Öffentlichkeit und sich selbst einen Rücktritt erklärt, der ihm nicht nur von Kahn nahegelegt wird.
Zeitpunkt für Rücktritt verpasst
Den besten Zeitpunkt für einen Rücktritt hat Ballack schon verpasst - bei der WM in Südafrika. Als er nach dem 4:0 gegen Argentinien dort wie ein Fremdkörper wirkte, wäre eine Gelegenheit gewesen, zu erkennen, dass ihn dieses Team im nächsten Turnierzyklus nicht mehr braucht.
Wegen seiner unbestrittenen Qualitäten, die er mit mehr Spitzigkeit und Spielpraxis wieder erreichen dürfte, hätte er sich als Stand-by-Spieler für personelle Notfälle souverän als Teil des Teams verabschieden können. Aber dafür fehlte Ballack in Südafrika die Einsicht und vielleicht auch ein Stück innerer Erfüllung, weil ihm als prägendem Spieler der vergangenen Jahre der ganz große Triumph im Nationaltrikot verwehrt geblieben ist. Wie man hört, denkt Ballack über einen Rückritt nach und dass er dabei den Eindruck vermeiden will, als Verlierer oder - noch schlimmer - als gekränkter Verlierer dazustehen.
Auch die Wahrheit ist eine Alternative. Und die wäre, dass es sehr schmerzhaft ist, eine WM und seine letzte große Chance zu verpassen - und nicht Teil einer jungen, begeisternden Mannschaft sein zu dürfen. Und dass es noch schwerer ist, den Moment zu erkennen, wann man das Kapitänsamt abgibt und die Nationalelf verlässt, von der man immer geträumt hat. Aber dass die Zeit jetzt nun mal vorbei ist. Das wäre eine Erklärung, die jeder Fußballfan versteht.
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |