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Michael Ballack Das große Mißverständnis

13.06.2004 ·  Michael Ballack, der einzige deutsche Feldspieler von gehobenem internationalen Format, spielt in Deutschland stets wie unter Bewährung. Das wird auch bei der EURO so sein. Seine Kritiker lassen selten locker.

Von Michael Horeni, Almancil
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Michael Ballack hat sich gut erholt. Knapp drei Wochen bringt er nun bei der Fußball-Nationalmannschaft zu, erst im idyllischen Schwarzwald und seit einige Tagen bei strahlendem Sonnenschein an der Algarve. Negative Schlagzeilen hat es in dieser Zeit über ihn nicht gegeben, und das ist eine Seltenheit in diesem Jahr. Michael Ballack hat dafür ein bißchen Farbe gekriegt, und das steht ihm blendend.

Als er am Samstag auf das Podium zur Pressekonferenz steigt, erleben die internationalen Medien einen lockeren, zu Scherzen aufgelegten, bisweilen sogar charmanten Fußballspieler, wie ihn Deutschland ansonsten nicht besitzt. Michael Ballack bringt ohnehin so ziemlich alles mit, was die Fußball-Industrie an Projektionsfläche benötigt, um einen globalen Werbestar zu formen. Er verkörpert Erfolg, Lässigkeit und auch einen gewissen Sex-Appeal.

Er polarisiert im Ausland nicht wie Oliver Kahn

Die Kampagnen von McDonald's, Pepsi oder der Deutschen Telekom spielen mit diesen Images, und Michael Ballack ist vor der Europameisterschaft der einzige deutsche Nationalspieler, der über die Grenzen hinweg diese Wirkung erzielt. Er polarisiert im Ausland nicht wie Torwart Oliver Kahn, und für die internationalen Fachzeitschriften, die seine Spielweise schätzen, ist die Sache eindeutig: Ballack ist der einzige Star auf dem Feld und die größte Hoffnung der deutschen Mannschaft in Portugal.

Die Deutschen indes tun sich schwer mit Ballack. Die Vorbehalte, mitunter ziemlich diffus, hat er immer wieder zu spüren bekommen, nicht nur in diesem Jahr beim FC Bayern München. "Dabei habe ich schon oft bewiesen, daß ich wichtig für die Nationalmannschaft und den Verein sein kann", sagt Ballack drei Tage vor dem deutschen EM-Auftakt gegen Holland. Die Schwierigkeiten begleiten ihn schon, seit er beim 1. FC Kaiserslautern seine Bundesligakarriere begann.

"Warum nicht öfter?"

Damals war es Otto Rehhagel, der mit dem Jüngling nicht zurechtkam, später verkannte Berti Vogts in Leverkusen die Klasse des Mittelfeldspielers. Diese Vorbehalte konnte man noch abtun mit unterschiedlichen Ansichten über das Entwicklungspotential eines noch nicht ausgereiften Spielers. Aber selbst seit er die Nationalmannschaft in Japan und Korea ins Finale der Weltmeisterschaft führte und der französische Ausnahmetrainer Arsene Wenger ihn "zum torgefährlichsten Mittelfeldspieler der Welt" ausrief, entzweit Ballack weiter die Fußball-Nation.

Während er im Ausland als anerkannter Star gehandelt wird, die Kollegen in der Nationalmannschaft seine Spielweise und sein Auftreten schätzen, spielt er in Deutschland wie unter Bewährung. Im Fernsehen ist Günter Netzer seit Jahren Ballacks schärfster Kritiker. Entweder wirft der genial-schludrige Nationalspieler von einst ihm vor, nicht den fußballerischen Charakter einer Führungskraft zu besitzen. Wenn Ballack dann aber seine außergewöhnlichen Fähigkeiten demonstriert, schallt ihm nicht nur von Netzer entgegen: "Warum nicht öfter?"

Bei der Europameisterschaft muß Ballack auch gegen sein Bild anspielen, daß in dieser Saison beim FC Bayern entstand. Die schräge Rückennummer-Diskussion, von Bayern-Manager Uli Hoeneß während der Münchner Krise entfacht, ist Sinnbild für Mäkeleien von Altstars an dem einzigen deutschen Feldspieler von gehobenem internationalen Format - der allerdings nicht der Sehnsucht nach einem Regisseur klassischer deutscher Prägung entspricht. Hoeneß verbreitete nach einer Videoanalyse seine neu gewonnene Erkenntnis, Ballack sei keine Nummer zehn, also ein Spielmacher, sondern eine Nummer sechs, ein defensiver Mittelfeldmann. Tatsächlich hat Ballack, seit Jahren weithin bekannt, sein ganz eigenes Raumordnungsverfahren im Mittelfeld entwickelt, das in der Nationalmannschaft breite Anerkennung findet. Für Teamchef Rudi Völler ist Ballack längst die entscheidende Figur, deren taktischen Bedürfnisse er bisher stets stützte - und sie gegen Holland womöglich ganz besonders auf ihn zuschneidet.

Die innere Bindung an die Münchner ist längst dahin

Nach den Erfahrungen mit dem FC Bayern München in dieser Saison ist Ballacks Wunsch, Deutschland zu verlassen, übermächtig geworden. Die innere Bindung an die Münchner ist längst dahin, und da es keinen anderen Verein mehr in Deutschland gibt, der ihm eine entsprechende sportliche Perspektive bieten kann, bedeutet das, daß Ballack Deutschland schon entwachsen ist, selbst wenn die Bayern ihn nicht nach Barcelona ziehen lassen werden. Die Bayern-Führung ihrerseits verzweifelte in dieser Saison zunehmend daran, weil sie glaubte, den falschen Ballack verpflichtet zu haben; derjenige, der sein schönes Gesicht immer nur in der Nationalmannschaft zeige, wie der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge klagte.

Die Diskussion, welches seiner beiden Gesichter bei der Europameisterschaft zu sehen sein wird, versucht der Noch-Münchner jedoch zu vermeiden. Er will sich gar nicht in die Rolle drängen lassen, daß er in Portugal seine individuelle Klasse erst noch beweisen müsse. "Ich weiß, daß von mir viel erwartet wird. Das ist kein Problem", sagt Ballack, "aber ich habe mir keine persönlichen Ziele gesetzt." Er wolle mit der Mannschaft Erfolg haben, und was wie eine Floskel klingt, war aber schon vor zwei Jahren Ausgangspunkt für den Aufstieg Ballacks und der Nationalmannschaft. Man dürfe sich nicht auf einen Spieler allein verlassen, das sei gefährlich. "Nur wenn die Mannschaft Erfolg hat", sagt Ballack, "sieht auch der einzelne besser aus."

Seine Kritiker sehen das genau anders herum. Das ist, wie immer, nur ein weiteres von vielen Mißverständnissen in der Karriere von Michael Ballack.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.06.2004
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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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