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Meistertrainer Armin Veh „Das Leben hängt nicht von einem Spiel ab“

19.09.2007 ·  Meistertrainer Armin Veh vor seinem Debüt mit dem VfB Stuttgart in der Champions League im F.A.Z.-Interview über Lebenserfahrungen, Ängste, Hochgefühle und die Gefahr, vom Job aufgefressen zu werden.

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Meistertrainer Armin Veh vor seinem Debüt mit dem VfB Stuttgart in der Champions League im F.A.Z.-Interview über Lebenserfahrungen, Ängste, Hochgefühle und die Gefahr, vom Job aufgefressen zu werden.

Freuen Sie sich auf die Champions League, oder stören die Spiele eher bei den Schwierigkeiten, die der Meister in der Bundesliga hat?

Wir haben schon noch ein paar Schwierigkeiten, aber nichtsdestotrotz freuen wir uns auf die Champions League, weil es einfach interessant ist, sich mit Mannschaften wie Glasgow Rangers, FC Barcelona und Olympique Lyon zu messen. Wenn wir jetzt nach Glasgow mit dem Gefühl fahren würden, oh je, da müssen wir hin - dann wird das diesem Ereignis in keinem Fall gerecht.

Denken die Spieler genauso?

Ich glaube schon. Wir haben sehr viele junge Spieler im Team, die das erste Mal Champions League spielen. Die haben den Ehrgeiz zu zeigen, dass sie mithalten und bestehen können.

Internationale Erfahrung ist eines der Schlagworte im Fußball. Wodurch kriegen die Spieler ganz praktisch diese Erfahrung?

Dass man sich mit den Besten misst, von ihnen lernt und dass man womöglich erfährt, dass man mit den Besten mithalten kann. In internationalen Spielen wird den Jungs auch viel größere Aufmerksamkeit entgegengebracht. Das muss man erst einmal mental verarbeiten. Je früher der Spieler mit solchen Höhepunkten konfrontiert wird, desto besser kann er werden.

Gibt es für die Champions League eine konkrete Zielvorgabe?

Natürlich. Wir wollen weiterkommen. Das wäre schlimm, wenn wir es nicht wollten. Wir können doch nicht sagen: Schön, jetzt sind wir dabei, hurra, wir schauen mal, was dabei herauskommt.

Wie sehen Sie die Chancen auf das Achtelfinale?

Wir haben natürlich schwere Gegner, aber es gibt keine leichten Gruppen. Wenn wir es wirklich hinkriegen, dass wir topfit sind, was wir im Moment noch nicht sind, dann können wir es schaffen. Wir haben es nicht einfach nach den vielen Verletzungen. Aber wenn ich immer wieder darüber spreche oder jammere, dann hilft uns das nicht weiter. Im Gegenteil. Dann glauben die Spieler daran, dass sie müde sein müssen. Es gibt Gründe, warum wir noch nicht bei hundert Prozent sind, aber die könnten dann als Alibi angeführt werden, also spreche ich nicht oft darüber. Wenn wir aber komplett und fit sind, dann haben wir schon eine gute Mannschaft, dann können wir mithalten.

Kann es sein, dass wir in der Champions League einen anderen VfB sehen als in der Bundesliga, weil die Gegner stärker sind?

Diese platten Sprüche, wie: "Die Gegner müssen sich nach uns richten" sind Unsinn. Wenn wir gegen eine Mannschaft spielen, die ihre Probleme mit Kontern hat, als Beispiel, dann gibt es schon einen System- oder einen Personalwechsel. Aber ich gehe natürlich nicht so weit, dass ich den Stil ganz aufgebe oder auf meine Stärken verzichte.

Bayern und Bremen in guten Jahren ausgenommen: Der dritte deutsche Champions-League-Teilnehmer, wer immer es auch war, hat in der Liga wegen der Doppelbelastung Schwierigkeiten bekommen. Sind Sie darauf eingestellt?

Natürlich macht man sich seine Gedanken und versucht im Vorfeld in der Personalpolitik darauf zu reagieren. Aber es gibt kein Patentrezept, obwohl man permanent darüber nachdenkt.

Sie sollen nach Spielen nicht schlafen.

Stimmt leider. Egal ob nach Siegen oder Niederlagen. Wenn ich wüsste, wie ich es abstellen könnte, hätte ich es schon längst gemacht. Es ist ja nicht angenehm, nachts ewig so rumzuliegen. Vor dem Spiel dagegen schlafe ich sehr gut.

Was geht Ihnen durch den Kopf?

Alles. Sie spielen das ganze Spiel noch mal durch, haben den nächsten Gegner im Kopf, das nächste Training, was Sie als Analyse sagen wollen.

Wie groß ist für Sie die Gefahr, vom Job aufgefressen zu werden?

Ich bin ja schon 17 Jahre Trainer, da habe ich meine Mechanismen entwickelt. Da sind mir die Ergebnisse nicht so wichtig, dass sie mich fertigmachen könnten. Eine Niederlage hat mich aber in jungen Jahren fast aufgefressen. Ich konnte als Trainer einfach nicht verlieren. Eine ganze Woche litt ich, wenn ich samstags ein Spiel verloren hatte. Bis ich mir gesagt habe: Du kannst doch dein Leben nicht von einem Spiel abhängig machen. Das bringt doch niemandem etwas. Wie will ich meinen Spielern was rüberbringen, wenn ich nur frustriert rumlaufe? Man lernt hinzu, ansonsten hat das Alter ja keine Vorteile: Man ist nicht mehr so schnell, man sieht nicht mehr so jung aus, hat graue Haare. Du hast im Alter keine großen Vorteile, außer der Erfahrung, die muss man auch einsetzen. Sonst macht man im Leben einen großen Fehler.

Welche Momente, welche Aspekte Ihres Jobs genießen Sie?

Ich liebe den Sport, spiele seit meinem fünften Lebensjahr Fußball. Ich liebe die Emotionen in einem selbst und mit einem Team. Wenn Sie die Meisterschaft nehmen: Dieses Erlebnis - da können sie in der freien Wirtschaft zahlen, was sie wollen - werden Sie woanders nicht bekommen. Die andere Seite ist, dass ich gern Menschen führe. Neunzig Prozent Charakter und zehn Prozent Wissen machen für mich einen guten Trainer und eine Führungspersönlichkeit aus.

Gibt es einen Trainer, der Sie animiert hat, selbst mal den Beruf zu ergreifen?

Nein, es war schon ziemlich früh in mir drin. Schon mit zwanzig hab ich mir aufgeschrieben, was wir im Training alles so gemacht haben. Die ganzen Trainingseinheiten von Jupp Heynckes habe ich mitgeschrieben. Ich habe schon früh darüber nachgedacht, ob nicht Trainer das Bessere für mich wäre.

Versuchen Sie einer Mannschaft Ihre offensive Vorstellung von Fußball aufzudrücken, oder schauen Sie sich ganz kühl Ihren Kader an und verordnen ihm die angemessene Spielweise?

Es kommt darauf an. Ich versuche natürlich, meinen Stil durchzukriegen, aber das können Sie nur, wenn Sie die Macht haben, Personalpolitik zu betreiben. In der Regionalliga bei Reutlingen und Augsburg habe ich die Spieler so holen können, um erfolgreich zu sein. Dann bin ich nach Rostock gekommen. Mit den Spielern, die ich dort hatte, konnte ich nicht sagen, ich will meine Art Fußball sehen. Ich war gezwungen, sehr, sehr defensiv zu spielen, eine neue Erfahrung für mich, der sonst sehr offensiv spielen lässt.

Sie haben nur einen Titel gewonnen. Ausgerechnet den des deutschen Meisters . . .

. . . ich sehe das anders. Ich hab schon mehrere Titel gewonnen, die interessieren nur keinen. Es zählt nur die Bundesliga. Wie soll ich aber mit Reutlingen, Augsburg oder Greuther Fürth Titel gewinnen, wenn ich nicht in der Bundesliga spiele? Du bist da aufgestiegen, dort aufgestiegen und Meister geworden: Aber es ist kein Titel. Dabei ist auch das Arbeit.

Hat Sie die deutsche Meisterschaft verändert, was bedeutet Ihnen der Titel?

Meister muss man erst mal werden. Ich muss jetzt nichts mehr beweisen. Das ist nun schon etwas anderes für mich als früher. Aber ich war mir immer sicher, dass ich es einmal schaffen würde.

Aber durchgestartet sind Sie nicht gerade. Erst nach dreizehn oder vierzehn Jahren wurden Sie Erstligatrainer.

Ja, aber wer ist schon so lange Trainer, ohne es bis in die Bundesliga zu schaffen? Wer sich in der Formel 1 zehn Jahre lang hält, ohne einen Grand Prix gewonnen zu haben, der kann nicht schlecht sein, der hat nur nicht das richtige Auto gehabt.

Beim VfB hatte man dann endlich den Expertenblick?

Tja, wobei ich schon in meiner Reutlinger Zeit Angebote hatte. Aber ich bin nie weggegangen.

Warum?

Weil ich mir die Mannschaften immer selbst zusammengestellt habe. Ich war immer der Initiator, und dann lasse ich nach fünf Spieltagen meine Mannschaft im Stich? Nein, das hab ich dann nicht gemacht. Es ist schwierig, den richtigen Zeitpunkt für den Wechsel zu finden. Ich habe mit Rostock die Klasse gehalten, bin geblieben, und ein anderer hat einen interessanten Job bekommen, weil er vorher entlassen worden ist und eben verfügbar war. Das gibt es halt im Leben. Ich bin überzeugt davon, wenn man in der Bundesliga ganz oben trainieren will, muss man eine gewisse Lehrzeit absolvieren. Ruhig an der Basis, womit ich nicht ganz unten meine, sondern Oberliga oder Regionalliga. Das ist eine Schule, weil man sich um alles kümmern muss.

Das Gespräch führte Peter Heß.

Glasgow Rangers - VfB Stuttgart
Glasgow: McGregor - Hutton, Cuellar, Weir, Papac - Hemdani - Whittaker, Ferguson, Thomson, Beasley - Cousin.
Stuttgart: Schäfer - Osorio, Tasci, Meira, Magnin - Pardo - Hilbert, Khedira - da Silva - Gomez, Cacau.
Schiedsrichter: Farina (Italien).
Fernsehen: 20.45 Uhr (live in Sat1, Premiere und FAZ.NET-Liveticker)

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