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Kommentar : Ecken und Kanten gesucht

Mann ohne Antworten: Mit dem Thema Doping hat Mehmet Scholl seine Probleme Bild: dapd

Mehmet Scholl kehrt auf den Bildschirm zurück. Das Thema Doping im Fußball, das der ARD-Experte boykottierte, steht aber weiter im Raum. Auf Antworten wird weiter „sehnlich“ gewartet.

          Philosophische Frage: Welchen Umriss hat ein Mann, der nicht da ist? Wie viele Ecken und Kanten hat das Nichts? Antwort: Wir wissen es nicht. Was wir allerdings wissen: Die Ecken und Kanten des früheren Fußball-Profis und heutigen Fernseh-Fußball-Experten Mehmet Scholl, die ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky so schätzt, waren im Halbfinale des Confed Cups nicht mehr zu sehen. Wie auch?

          Scholl hatte sich zur Flucht entschlossen, als er von der Redaktion mit dem Thema Doping – in diesem Fall dem Doping-Verdacht gegen die russische Nationalmannschaft – in der Sendung konfrontiert werden sollte. Ecken und Kanten hätte es gehabt, wenn Scholl Grund gefunden hätte, die WDR-Recherche zu kritisieren, wenn er seine Meinung geäußert hätte; wenn er den Doping-Verdacht hätte widerlegen können. Bislang muss der Fernsehzuschauer den Eindruck gewonnen haben, Scholl gehöre der „Doping im Fußball bringt nichts“-Fraktion an. Vielleicht hätte er seine Sicht überzeugend darlegen können. Dann hätte der Zuschauer etwas von Ecken und Kanten gesehen.

          Stattdessen boykottierte Scholl die mit ihm als Experten geplante Live-Sendung und erklärt nun, kurz bevor er am kommenden Montag sein Comeback bei einer ARD-Fußballübertragung gibt, die Ausstrahlung des Beitrags zum Thema Doping sei ihm gegen den Strich gegangen, weil sie nicht zu diesem „schönen Tag“, einem Halbfinale des Turniers in Russland, gepasst habe.

          Die Antworten stehen aus

          Gerne wüsste man nun von Scholl, wie ein Tag sein muss, um über Doping sprechen zu dürfen. Regnerisch, aber nicht zu sehr? Bedeckt oder brüllend heiß? Windig oder eher windstill, aber schwül? Womöglich ein Tag ohne Live-Fußball im Fernsehen, wobei das während der Fußball-Saison eher schwierig ist.

          Tatsächlich ist es so: Der Doping-Verdacht, den der Westdeutsche Rundfunk recherchiert hatte, steht bis heute im Raum. Es ist nach wie vor unklar, wie der Internationale Fußball-Verband Fifa mit den 155 möglicherweise manipulierten Proben russischer Fußballspieler umgeht und zu welchem Ergebnis er kommt, obwohl die Welt-Anti-Doping-Agentur seit Ende Juni „sehnlich“ auf eine Antwort wartet. Die Öffentlichkeit auch. Also wäre jeder einzelne Tag seit Scholls Abgang geeignet gewesen, über Verdacht, Verschleppung und Verschleierung zu sprechen.

          Die Antwort, die auf den Komplex einstweilen in Erinnerung bleibt, ist jene des stellvertretenden Premiers Russlands, Witali Mutko, der auf der Abschlusspressekonferenz des Turniers anbot, einen russischen Tanz aufzuführen, damit die Fragen aufhören. Immerhin war das kreativer als der Abgang Scholls.

          Nun aber sind die Wogen geglättet, Scholl kehrt zurück, zum DFB-Pokal. Interessant. Sponsor des Wettbewerbs ist eine Versicherungsgruppe. Deren „Botschafter“ für das Engagement: Mehmet Scholl. „Mutige Pokal-Momente“ heißt der dazugehörige Claim. Das muss man sich erst mal trauen. Oder hoffen, dass niemand über Doping sprechen will.

          Quelle: F.A.Z.

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