Home
http://www.faz.net/-gtm-16jsk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Matthew Booth Der Hüne und das Township-Mädchen

03.06.2010 ·  Matthew Booth ist der einzige weiße Spieler in Südafrikas Fußball-Nationalelf und mit einer Schwarzen verheiratet. In seiner Heimat wird der kahlköpfige Verteidiger wie ein Held verehrt - trotz oder wohl gerade wegen der Hautfarbe.

Von Claudia Bröll, Johannesburg
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Die spanischen Fußballkommentatoren waren schockiert. Im dichtbesetzten Stadion in Johannesburg tönten die Vuvuzelas, die afrikanischen Fußballtröten, wie ein gigantischer Bienenschwarm, Fahnen wurden geschwungen, auf dem Feld kämpfte Südafrikas Nationalmannschaft Bafana Bafana um jeden Ball. Doch kaum hatte der hellhäutige Verteidiger mit der Nummer 14 den Ball ergattert, ging ein Raunen durch die Mengen. Es klang wie „Buuuuhhh“. Ausgebuht? Der einzige weiße Spieler in der Mannschaft? Rassismus im Stadion? Und das nur wenige Jahre, nachdem das Apartheid-Regime abgedankt hatte?

Das war während des Confederations Cups in Südafrika. Zur Fußball-WM wissen es die Kommentatoren besser: Die Fans buhen den Mann nicht aus, sie feuern ihn an. Und zwar gemäß der afrikanischen Fußballtradition mit seinem Nachnamen: Booth. Für ungeübte Zuhörer mag das wie ein Buhen klingen.

Matthew Booth, 33 Jahre alter Fußballspieler, hört seinen so in die Länge gezogenen Namen ziemlich oft. Er ist einer der besten Spieler, den die zwar heftig geliebte, aber leider glücklose Nationalmannschaft aufzubieten hat. Nicht nur wegen seiner hellen Haut ist er auf dem Spielfeld kaum zu übersehen: Mit einer Körpergröße von 1,98 Metern überragt er alle anderen. Sein kahlrasierter, etwas eiförmiger Kopf sticht aus der Schar der schwarzen Teamkollegen hervor. In seinem Heimatland Südafrika wird Booth wie ein Held verehrt - trotz oder vermutlich gerade wegen seiner Hautfarbe. Sie nennen ihn den „sanften Riesen“ oder mit Blick auf seine Verteidigerqualitäten einfach nur die „Wand“. Er selbst sagte vor kurzem, dass er sich als einziger weißer Spieler nicht in der Minderheit fühle, sondern geehrt sei, sein Land repräsentieren zu dürfen.

Booth kickt nicht nur gut - er bietet auch Glamour

Fußball gilt in Südafrika als Sport der Schwarzen. Die Weißen schauen sich lieber Rugby und Cricket an. Das ist zum einen ein Vermächtnis der britischen Kolonialherren. Zum anderen wurden Rugby und Cricket während des Apartheid-Regimes subventioniert; für den Fußball gab es kein Geld. Ein weißer Fußballer, das ist eine Besonderheit. So ähnlich wie ein schwarzer Golfer in den Zeiten vor Tiger Woods. Um Booth reißen sich daher nicht nur die Sportreporter, sondern auch die Boulevardzeitungen.

Der Mann kickt nämlich nicht nur gut, er kann auch mit Glamour aufwarten - fast wie ein südafrikanischer Beckham. Und dann ist er auch noch mit einer schwarzen Frau verheiratet. Einer wunderschönen noch dazu. Und hat zwei karamellbraune Kinder. Besser hätte es sich kein Werbestratege ausdenken können. Die Booths werben deshalb nicht nur für Waschmaschinen. Sie lassen sich auch prima als Beleg dafür vermarkten, dass der Traum Südafrikas von einer friedlichen „Regenbogennation“ doch noch nicht ausgeträumt ist.

Sonia Bonneventia-Booth hat zum Interview ins Clubhaus in einer bewachten Villensiedlung mit Golfplatz zwischen Johannesburg und Pretoria eingeladen. Früher hatte es in dieser Gegend nur viel trockenes Gras gegeben. Dann kam ein einfallsloses Einkaufszentrum nach dem anderen, Landstraßen und monströse Kreuzungen wurden gebaut. Heute fährt man in dem einstigen Niemandsland an Straßenhändlern und protzigen Einfahrtstoren vorbei zu den „Estates“, wo die besser betuchten Johannesburger leben.

„Manchmal frage ich mich, wer eigentlich Fußball spielt“

Der Parkplatz vor dem Clubhaus sieht denn auch aus wie der Hof eines Importeurs von Geländelimousinen. Dahinter perfekt getrimmtes Gras, terrakottafarbene Villen, viele Säulen, ein plätschernder Bach. Sonia lässt auf sich warten. Der Mitarbeiter der Presseagentur des Waschmaschinenherstellers erzählt, dass sie unglaublich nett sei. Und so normal. Gar nicht wie die berüchtigten „WAGs“ (wives and girlfriends), wie die Ehefrauen und Freundinnen von Fußballspielern genannt werden.

Dann kommt sie. Stöckelt auf gewagt hohen Absätzen über die Terrasse: enge Jeans, flatterndes Seidentop, offenes langes Haar. Ohrringe, Nagellack, Lidschatten - alles ist farblich abgestimmt. Ein strahlendes Lächeln. Es sei gerade eine sehr hektische Zeit, sprudelt es aus ihr heraus, nur noch wenige Wochen bis zur Fußball-WM. Da reihten sich Interviews, Empfänge und Fototermine aneinander. Um vier Uhr morgens sei sie aufgestanden, um von Kapstadt nach Johannesburg zu fliegen. „Ich möchte nicht sagen, dass ich diejenige Spielerfrau bin, die ihren Mann am tatkräftigsten unterstützt, aber ich bin es. Manchmal frage ich mich, wer eigentlich Fußball spielt, Matthew oder ich.“

Im Alter von 18 Jahren startet Booth seine Karriere

Matthew und Sonia Booth wuchsen zwar im gleichen Land auf, aber dennoch in zwei Welten, die kaum gegensätzlicher sein konnten. Matthew wurde 1977 geboren. In diesem Jahr gab es mehrere Bombenattentate von Widerstandskämpfern; Anti-Apartheid-Aktivist Steve Biko wurde verhaftet, die Nationale Partei in einer allgemeinen, aber rein weißen Wahl wiedergewählt. In Matthews Geburtsort Fish Hoek, einem malerischen Flecken nahe Kapstadt, spürte die dortige überwiegend weiße Bevölkerung wenig von der brodelnden Stimmung in den Townships.

Booth spielt seit dem fünften Lebensjahr Fußball, obwohl an seiner Schule alle möglichen Ballsportarten angeboten wurden, aber ausgerechnet diese nicht. Sein Vater und seine Onkel aber engagierten sich für den Kick. Fußball war von 1984 an der erste Sport in Südafrika, bei dem die Hautfarbe keine Rolle mehr spielte. Im Alter von 18 Jahren startete der Hüne Matthew seine Karriere bei dem Verein Cape Town Spurs, wechselte einige Jahre später zu den Mamelodi Sundowns, einem Erstligaverein aus Pretoria, der oft mit dem englischen Edelverein Chelsea verglichen wird.

„Meine Hautfarbe hat das Leben unangenehm gemacht“

Mittlerweile gehören die Mamelodi Sundowns dem ersten schwarzen Milliardär in Südafrika, Patrice Motsepe. Wie so viele Profisportler in Afrika lockte Booth bald das Ausland. Drei Jahre lang war er in Russland bei Rostow unter Vertrag, vier weitere Jahre bei Kryljia Sowetow Samara, bevor er unter dem Jubel seiner heimischen Fans zu den Mamelodi Sundowns zurückkehrte. Sonia erinnert sich mit gemischten Gefühlen an Russland. „Meine Hautfarbe hat das Leben dort etwas unangenehm gemacht, weil ich immer angestarrt wurde. Kinder sind zu mir gekommen, um mich anzufassen. Es war seltsam.“

Sonia stammt aus Soweto. Dort lebte sie als Kind mit ihrer Mutter und bis zu neun Cousins in einem Haus mit zwei Schlafzimmern. „Es herrschte absolutes Chaos, aber es war eine glückliche Kindheit.“ Womöglich wäre sie niemals aus dem Township herausgekommen, hätte ihre Mutter sie nicht schon im Alter von acht Jahren zu Schönheitswettbewerben geschleppt. Das hübsche Töchterchen gewann einen Titel nach dem anderen, wurde in der Miss-South-Africa-Wahl zur ersten Prinzessin gekürt. Das eröffnete ihr die große weite Welt. Mit 18 Jahren ging sie nach New York, lernte, dass es Gegenden auf der Erde gibt, wo Schwarze und Weiße relativ normal miteinander leben, und begann eine internationale Model-Karriere.

„Er war schüchtern, bescheiden und bodenständig“

Für den Fußball hatte auch sie sich schon in Kindheitstagen begeistert. „Bei uns zu Hause war Fußball ein großes Thema. Wir haben jedes Spiel auf diesem kleinen Fernsehgerät angesehen.“ Indirekt war es auch der vermeintlich so Völker und Kulturen verbindende Sport, der sie mit Matthew zusammenbrachte. Die beiden trafen einander vor zehn Jahren, als Sonia auf die Kinder eines befreundeten Fußballspielers aufpasste. Am Abend holte der die Kinder wieder ab und brachte den weißen Kollegen mit. Sechs Jahre später wurde geheiratet. „Er war schüchtern, bescheiden und bodenständig. Das hat mir gefallen.“

Auch wenn die Rassentrennung in Südafrika abgeschafft ist, spielt die Hautfarbe im täglichen Leben immer noch eine große Rolle - allerdings anders als früher. Ein Unternehmen, das keine schwarzen Anteilseigner hat, kann sich faktisch aus dem Geschäftsleben verabschieden. Die Chancen für Weiße in der Politik sind marginal. Und im Radio wird an manchen Tagen unendlich lang über „echte“ Schwarze und „Coconuts“ diskutiert. Kokosnuss ist der Spitzname für einen Menschen, der außen schwarz ist, aber tief drinnen einen europäischen, also weißen Lebensstil schätzt.

„Wir haben keine negativen Erfahrungen gemacht“

Gemischte Paare sieht man weiterhin nur selten. Zumindest in den höheren gesellschaftlichen Schichten sorgen sie jedoch nicht mehr für so viel Aufsehen wie noch vor einigen Jahren. Allgemein akzeptiert ist, dass Tokyo Sexwale, Wohnungsminister und einer der mächtigsten Geschäftsmänner im Land, mit der blonden Judy van Vuuren verheiratet ist. Die Anwaltsgehilfin hatte der frühere Widerstandskämpfer auf der Gefängnisinsel Robben Island kennengelernt.

„Wir sind ungewöhnlich, aber es ist nicht mehr wie vor zehn oder zwanzig Jahren. Wir haben keine negativen Erfahrungen gemacht, weil wir ein gemischtes Paar sind“, sagt Sonia. Ihre eigene Familie sei ohnehin aufgeschlossen. Der Gatte tut aber wohl auch alles, was sich schwarze Schwiegereltern wünschen: lernt Zulu, schlachtet zu den ersten Geburtstagen seiner Söhne ein Schaf. Und bei seinen Fans sammelt er Bonuspunkte, weil er vor jedem Betreten des Spielfeldes mit der Hand den Rasen berührt und damit Mutter Natur und den Vorfahren dankt. Umgekehrt fährt seine Frau nach eigenen Angaben gerne in das Ferienhaus nahe Kapstadt. Das ist nicht selbstverständlich: Die „Mother City“ wird von vielen schwarzen Südafrikanern gemieden, weil sie als zu europäisch gilt.

„Wir sind sicher noch keine Regenbogennation“

So harmonisch wie in der Booth-Familie haben sich Schwarze und Weiße freilich nicht überall in Südafrika miteinander arrangiert. Vor kurzem schockierte der Chef der Jugendliga der Regierungspartei ANC, Julius Malema, mit dem Lied „Tötet die Buren“. Die Sorge vor zunehmenden Spannungen zwischen Schwarz und Weiß geht um. Aber Sonia hat wenig Lust, sich zu politischen Themen zu äußern. „Wir sind eine junge Demokratie und haben noch einen langen Weg vor uns. Wir sind sicher noch keine Regenbogennation, wie es während der WM den Anschein haben mag. Das ist alles, was ich dazu sagen kann.“

Auf dem satten Grün des Golfplatzes haben zwei schwarze Arbeiter angefangen, den Rasen zu sprengen. Nur ein paar wenige, ausschließlich weiße Spieler sind an diesem Morgen zu sehen. „Ich verbringe tausendmal lieber meine Zeit in Soweto als in so einem Golf-Club, wo man sich Küsschen in die Luft gibt“, meint Sonia Booth mit leichter Abscheu in der Stimme. In die Golf-Anlage sei sie nur gezogen, um einen sicheren Wohnort für die Familie zu haben. „Und um dieses Grün zu zerstören“, setzt sie lachend hinzu: „Ich liebe Fußball, aber ich spiele grauenhaft Golf. Tief drinnen bin ich eben doch ein Township-Mädchen.“

Matthew Booth wurde 1977 nahe Kapstadt geboren und begann schon früh, Fußball zu spielen. Das erste Engagement hatte er bei den Cape Town Spurs, 1998 wechselte er zum Erstligaverein Mamelodi Sundowns in Pretoria. Sieben Jahre verbrachte er in Russland, wo er für den FK Rostov und für Krylja Sowetow spielte, unter anderem in den Uefa-Wettbewerben. Im vergangenen Jahr kehrte er unter dem Jubel seiner Fans nach Südafrika zurück. Der Verteidiger gilt als einer der erfolgreichsten Fußballspieler des Landes. Die Stimmungslage von Michael Ballack kann er gut verstehen: 2002 konnte Booth wegen einer Knie-Operation nicht an der WM in Korea und Japan teilnehmen.

Sonia Bonneventia-Booth stammt aus dem Township Soweto. Die dreißig Jahre alte Südafrikanerin ist mit Booth verheiratet und verpasst nach eigenen Angaben kein einziges seiner Spiele. Im Alter von 18 Jahren startete sie eine Karriere als Fotomodell, verbrachte dann einige Zeit in New York. Heute führt sie ein Unternehmen, das Fußballhemden bedruckt, sowie eine Boutique mit Schuhen aus Russland. Das Paar hat eine Stiftung für Bildung und Sport gegründet. Außerdem wirken beide in verschiedenen Kampagnen mit, unter anderem für den Umweltschutz. Sie haben zwei Söhne, fünf Jahre und 19 Monate alt, und leben in der Nähe von Johannesburg. (clb.)

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jüngste Beiträge

Fußball
 Bundesliga 
 2. Bundesliga 
  Verein Sp Diff Pkt.  
1.  Logo: Borussia Dortmund
Borussia Dortmund   34  55   81 Gleichheit zur Vorwoche
2.  Logo: Bayern München
Bayern München   34  55   73 Gleichheit zur Vorwoche
3.  Logo: FC Schalke 04
FC Schalke 04   34  30   64 Gleichheit zur Vorwoche
4.  Logo: Bor. Mönchengladbach
Bor. Mönchengladbach   34  25   60 Gleichheit zur Vorwoche
5.  Logo: Bayer Leverkusen
Bayer Leverkusen   34  8   54 Gleichheit zur Vorwoche
6.  Logo: VfB Stuttgart
VfB Stuttgart   34  17   53 Gleichheit zur Vorwoche
7.  Logo: Hannover 96
Hannover 96   34  -4   48 Gleichheit zur Vorwoche
8.  Logo: VfL Wolfsburg
VfL Wolfsburg   34  -13   44 Gleichheit zur Vorwoche
9.  Logo: Werder Bremen
Werder Bremen   34  -9   42 Gleichheit zur Vorwoche
10.  Logo: 1. FC Nürnberg
1. FC Nürnberg   34  -11   42 Gleichheit zur Vorwoche
11.  Logo: 1899 Hoffenheim
1899 Hoffenheim   34  -6   41 Gleichheit zur Vorwoche
12.  Logo: SC Freiburg
SC Freiburg   34  -16   40 Gleichheit zur Vorwoche
13.  Logo: FSV Mainz 05
FSV Mainz 05   34  -4   39 Gleichheit zur Vorwoche
14.  Logo: FC Augsburg
FC Augsburg   34  -13   38 Verbesserung zur Vorwoche
15.  Logo: Hamburger SV
Hamburger SV   34  -22   36 Verschlechterung zur Vorwoche
16.  Logo: Hertha BSC
Hertha BSC   34  -26   31 Verbesserung zur Vorwoche
17.  Logo: 1. FC Köln
1. FC Köln   34  -36   30 Verschlechterung zur Vorwoche
18.  Logo: 1. FC Kaiserslautern
1. FC Kaiserslautern   34  -30   23 Gleichheit zur Vorwoche

Nicht gewonnen, nicht verloren

Von Peter Heß

Im Formel-1-Tempo sollte in der durch Korruptionsvorwürfe durchgeschüttelten Fifa aufgeräumt werden. Im Moment bewegt sie sich mit der Geschwindigkeit eines Motorrollers. Mehr 1

Ergebnisse, Tabellen und Statistik