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Mario Kempes im Gespräch „Die Spieler verstehen nicht, was Maradona will“

02.10.2009 ·  Mario Kempes war einer der herausragenden Fußball-Helden, die 1978 Argentinien bei der Heim-WM zum Titel führten. Das einstige Idol über Maradonas Probleme und die Schwierigkeiten seines Nationalteams in der WM-Qualifikation.

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Mario Kempes war einer der herausragenden Fußball-Helden, die 1978 Argentinien bei der Heim-WM zum Titel führten. Das 55 Jahre alte Idol war zuletzt Nationaltrainer Panamas und Kommentator für den amerikanischen Sportfernsehsender ESPN. Kempes über die Schwierigkeiten seiner Nationalmannschaft in der WM-Qualifikation.

Vor den abschließenden Partien in der WM-Qualifikation gegen Peru und Uruguay belegt Argentinien nur den Relegationsrang fünf. Fahren Ihre Erben kommendes Jahr nicht nach Südafrika?

Die Situation ist ernst. So schlecht, wie Argentinien zuletzt gespielt hat, muss man auch im Heimspiel gegen Peru mit dem Schlimmsten rechnen. Das Selbstvertrauen der Spieler ist durch die jüngsten Pleiten gegen Brasilien (1:3) und Paraguay (0:1) sowie die blamablen Auftritte zuvor gegen Bolivien (1:6) und Ecuador (0:2) stark beschädigt. Dennoch bleibe ich optimistisch. Wenn Wille und Leidenschaft stimmen, werden wir zumindest die Relegation erreichen und uns darüber für die WM-Endrunde qualifizieren.

Die Kritik hat sich zuletzt auf Diego Maradona konzentriert. Laut einer Umfrage fordern über zwei Drittel der Argentinier seinen Rücktritt als Nationaltrainer. Wie beurteilen Sie seine Arbeit?

Maradona lernt das Trainergeschäft als Verantwortlicher für die Nationalmannschaft. Das Experiment mit ihm - sozusagen als Praktikanten - birgt ein gewaltiges Risiko. Sollte Argentinien die WM tatsächlich verpassen, wäre das eine sportliche Katastrophe.

Setzt Maradona damit sein eigenes Denkmal aufs Spiel?

Maradona hat Argentinien einige der schönsten Fußball-Momente beschert. Die Erinnerungen daran werden ewig bestehen bleiben. Einen kleinen Schatten könnte ein Scheitern als Nationaltrainer dennoch auf seinen Mythos werfen.

Deutschland wagte mit Trainerneuling Klinsmann vor der WM 2006 ebenfalls ein Experiment. Er hatte jedoch mit Löw einen erfahrenen Assistenten. Fehlt Maradona eine solche Figur?

Es wäre sicherlich gut, wenn er sich Rat von erfahrenen Weggefährten holen würde. Carlos Bilardo, der als Generaldirektor für die Auswahlmannschaft zuständig ist, wäre so eine Person. Unter seiner Regie wurde Maradona 1986 Weltmeister und erreichte 1990 immerhin noch das Finale. Ich bezweifle jedoch, dass Maradona ihn oder andere um Hilfe bittet. Das entspricht nicht seinem Charakter. Er war von jeher mehr Einzelkämpfer als Teamplayer.

Denkt Maradona zu sehr als Spieler?

Tatsache ist, dass ihm die Umstellung schwerzufallen scheint. Auf dem Platz hatte es Maradona dank seines Ausnahmetalents selbst auf dem Fuß, schwierige Situationen aus eigener Kraft zu lösen. Als Trainer ist der Einfluss begrenzt.

Steht mit Maradona gar ein Rivale aus den eigenen Reihen an der Seitenlinie?

Das kann man so sehen. Argentinien zu schlagen war seit je für jeden Gegner ein großer Anreiz. Mit Maradona ist nun ein weiterer hinzugekommen. Das macht die Aufgabe doppelt schwer.

Hat Sie Maradonas Berufung vor knapp einem Jahr überrascht?

Im ersten Moment schon. Nach dem Rücktritt von Alfio Basile galt Maradona nur als dritte oder vierte Wahl. Da er in der Vergangenheit jedoch stets um das Amt gebettelt hatte, war es nur eine Frage der Zeit, wann ihn der Verband erhören würde. Dass die Aufgabe so schwer ist, hätte er sich wohl nicht vorgestellt.

Woran liegt das?

Ein Grund ist sicherlich, dass Maradona kaum Zeit bleibt, mit den Spielern zu trainieren. Zudem scheint er mir ein Kommunikationsproblem zu haben. Auf dem Platz wird deutlich, dass die Spieler nicht verstehen, was er von ihnen verlangt. Vielleicht weiß er aber auch selbst noch nicht genau, welchen Stil er verfolgt. Eine Identität hat Maradona der Mannschaft bislang jedenfalls noch nicht gegeben. Einen Anführer, der Richtung und Rhythmus vorgibt, sehe ich weit und breit nicht. Messi könnte das sein, ist aber noch nicht die Figur, die die Selección dringend braucht.

Stichwort Messi: In Barcelona brilliert er, in der Nationalmannschaft bleibt er jedoch meist hinter den Erwartungen zurück. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Im Verein steht er täglich mit seinen Kameraden auf dem Trainingsplatz. Das blinde Verständnis untereinander spiegelt sich in den Spielen. Im Nationalteam fehlt dagegen die Zeit, diese Automatismen zu entwickeln. Und jetzt, in der Krise, ist ohnehin jeder in erster Linie mit sich selbst beschäftigt. Messi allein kann Argentinien nicht aus dem Tief führen.

Ob Messi, Tevez oder Zanetti: In Europa zählen Argentinier meist zu den Stars ihrer Klubs und sammeln fleißig Titel. Fehlt ihnen dadurch in der Nationalmannschaft der Erfolgshunger?

Satt dürften die Spieler nicht sein. In der Selección haben sie alle noch nichts erreicht. Im Vorfeld beschwören sie immer, wie stolz sie sind, das Nationaltrikot tragen zu dürfen. Wenn es darauf ankommt, ist davon jedoch nichts zu sehen. Ich vermisse schon seit Jahren den Killerinstinkt von einst.

Argentiniens Fußball steckt also nicht erst seit Maradona in der Krise?

Genau. Seit dem verlorenen WM-Finale 1990 in Italien ist die Selección immer früh gescheitert. Zwar wird Argentinien noch als Fußballmacht wahrgenommen. Das ist allerdings einzig und allein den Erfolgen der Vergangenheit geschuldet. Mittlerweile treten die Auswärtsmannschaften in Buenos Aires genauso auf wie zu Hause. Das ist darf nicht sein.

Die Qualifikation vorausgesetzt, zählt Argentinien dann trotz der trüben Gegenwart zu den Titelfavoriten?

Als Ansammlung von Individualisten, wie derzeit, sicherlich nicht. Vor der WM bleiben allerdings einige Wochen, um in Ruhe im taktischen Bereich zu arbeiten. Sollte es Maradona dann gelingen, eine Mannschaft zu formen, kann Argentinien sehr weit kommen.

Das Gespräch führte Kai Behrmann.

Quelle: F.A.Z.
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