Mario Gomez hat die seltene Möglichkeit, sich in zwei verschiedene Fußballer verwandeln zu können. Er kann jeden Tag entscheiden, ob er als Star aufsteht oder als Nachwuchs-Nationalspieler. Diese Entscheidung liegt ganz alleine bei ihm, denn für beide Varianten gibt es genügend gute Gründe. Vor dem Europameisterschafts-Qualifikationsspiel gegen Zypern zieht es Mario Gomez vor, als bescheidener Nationalspieler das Mannschaftsquartier in Barsinghausen zu verlassen und sich zu seinem öffentlichen Auftritt fahren zu lassen.
Das lässt sich auch sehr gut erklären. Am Samstag wird Mario Gomez gegen Zypern nämlich erst sein sechstes Länderspiel bestreiten; das ist im Vergleich zu den anderen kaum der Rede wert. Da zudem die Konkurrenz im Sturm so groß ist wie sonst in keinem anderen Mannschaftsteil der Nationalelf, möchte Mario Gomez dann auch nicht einmal darüber spekulieren, ob er von Beginn an die erste Wahl von Bundestrainer Joachim Löw sein wird.
„Fußballer des Jahres“ schon am Anfang der Karriere
Das machen Nachwuchs-Nationalspieler nämlich nicht, Ansprüche formulieren. Wenn Gomez aber solche Sätze sagt, dann ist das zwar ganz richtig, aber trotzdem klingen sie etwas merkwürdig. Denn ein Spieler, der in diesem Jahr mit dem wichtigsten persönlichen Titel der Branche ausgezeichnet wurde, sagt solche Sätze nämlich nicht. Zumindest hat dies vor Mario Gomez in den vergangenen Jahrzehnten niemand getan, der "Fußballer des Jahres" geworden ist. Dann sagt Gomez bei der Pressekonferenz noch: "Der Trainer gibt die Aufstellung erst kurz vor dem Spiel bekannt, und bis dahin versucht jeder, sich aufzudrängen." Das ist auch so ein Satz, der zu einem "Fußballer des Jahres", der dazu in den vergangenen vier Pflichtspielen sechs Tore erzielte, nicht recht passen will. Mario Gomez aber findet ihn genau richtig.
Er ist zwar vor drei Monaten Fußballer des Jahres geworden, und damit steht er in der Reihe der größten deutschen Stars. Aber Mario Gomez ist immer noch dabei zu lernen, wie es eigentlich ist, Fußballer des Jahres zu sein. Man kann wohl sagen, dass dieser Titel, der eigentlich eine Karriere krönt, anstatt an ihrem Beginn zu stehen, zu früh für ihn gekommen ist - weil der Titel natürlich auch eine Belastung ist für einen Spieler von gerade 22 Jahren, der seine Krise noch erleben wird und die Zeit, da ihm vorgerechnet wird, wie lange er als Stürmer ohne Treffer ist. Eine Verletzungspause und einen schwachen Saisonstart mit dem VfB Stuttgart hat er bisher erst hinter sich bringen müssen, mehr nicht.
Die selbsternannte Nummer vier
Gomez ist klug genug, sich die Auszeichnung mit Selbstironie ein wenig vom Leib zu halten, um sich Entwicklungsmöglichkeiten zu erhalten. Er erzählt dazu eine kleine Geschichte: "Als der Chefredakteur vom ,Kicker' mich angerufen hat, hat er gesagt, es geht um die Wahl zum Fußballer des Jahres. Im ersten Augenblick habe ich gedacht, jetzt muss ich einen wählen, und bin ein paar Namen durchgegangen."
Es ist auch ein Selbstschutz, mit dem sich Mario Gomez vor den Zudringlichkeiten wappnet. Aus guten Gründen, dazu muss man gar nicht an die schamlosen Schlagzeilen zu Wochenbeginn denken, die entstanden, weil ihm bei einem Treffer gegen die Bayern der Ball vom Unterleib ins Tor sprang. Aber das ist natürlich noch längst nicht alles. Man könne sich gar nicht vorstellen, was auf Mario Gomez alles einprassele, sagt VfB-Manager Horst Heldt über all die Wünsche, Hoffnungen und Erwartungen, die sich in Stuttgart mit einem Stürmer verknüpfen, dem nicht nur dort eine internationale Karriere wie einst Jürgen Klinsmann vorausgesagt wird.
Bei der Nationalmannschaft neigt Mario Gomez noch dazu, sich etwas kleiner zu machen, als es notwendig wäre. Wenn er die Stürmer in der Auswahl von Joachim Löw durchgeht, dann spielt er dabei selbst keine große Rolle. "Miro ist ein absoluter Weltklassestürmer", sagt Gomez über den Münchner Kollegen Klose, seinen Stürmer Nummer eins in Deutschland. Der Schalker Kevin Kuranyi habe zuletzt eine "Superzeit" erlebt, und die Qualitäten von Bayern-Angreifer Lukas Podolski zeigten alleine die Zahlen bei der Nationalmannschaft. Wer mit 23 Jahren auf über 42 Länderspiele und 23 Tore komme, der müsse einfach stark sein. "Dahinter kommen dann die jungen Spieler - und davon bin ich einer", sagt Mario Gomez, die selbsternannte Nummer vier im deutschen Angriff.
„Meine Zeit wird kommen“
Tatsächlich aber ist der Stuttgarter der spektakulärste Angreifer, den die deutsche Nationalmannschaft in diesem Alter seit einigen Jahren gesehen hat. Gomez ist ein kompletter Stürmer, wie man so sagt, wenn sich Durchsetzungskraft, Torgefährlichkeit, Technik, Kopfballstärke und Spielverständnis so glückhaft vereinen. "Meine Zeit wird noch kommen", sagt Gomez, und es gibt niemanden in der Führung der Nationalmannschaft, der ihm da widersprechen würde.
Der VfB-Manager Heldt weiß schon jetzt, dass Gomez "seinen Stellenwert in Europa hat". Irgendwann und womöglich schon nach der Europameisterschaft wird sich Mario Gomez morgens nicht mehr entscheiden können, ob er als Star aufstehen möchte. Er wird es wohl einfach müssen.
Lasst doch den Gomez sich entwickeln........
wolf haupricht (emilgilels)
- 16.11.2007, 14:32 Uhr